Full text: Hessenland (7.1893)

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Du erkennst ihn? — Ihn erkennen?! Kann ein Hesse 
sein vergessen? 
Sah ich nicht, wie er gebietend an der Besten Tisch 
gesessen, 
Wie er Blitze warf und Donner, wenn er zürnend sich 
erhob, 
Wie vor seines Mundes Hauche List und Macht in Streu 
zerstob? 
Sah ich nicht in Gips gegossen diese selben bleichen Züge, 
Diesen Mund der Ueberredung, dieses Auge sonder Lüge, 
Diese stolze Stirn mit Lorbeer und mit Eichenlaub 
geschmückt 
Und am Fuß: „Silvester Jordan" groß und prahlend 
ausgedrückt? 
Stand ich nicht im Chor des Volkes, das mit blank- 
gezog'nen Schwertern, 
Das mit Fahnen und Drommeten grüßte seinen Heim 
gekehrten ? 
O der Wandlung: Wenig Jahre und ein solches Wieder 
sehen ! 
Freunde kommt! Mich fröstelt; laßt uns, Frühlings 
müde, beimwärts gehen! 
Doch wohin ich schritt und blickte, überall derselbe 
Schatten, 
Das Gedächtniß an die Zeiten, so ihn einst gehoben 
hatten, 
Ihn, den Sohn der fremden Erde, mitten in die stolzen 
Reih'n, 
Welche Gott berief, Apostel seinem deutschen Volk zu sein! 
Seine Hand, die nun gebund'ne, schrieb die neue Offen 
barung, 
Kämpfte für des Geistes Freiheit, für des heiligen Rechtes 
Wahrung, 
Legte zu dem Bau des Tempels stark und freudig ihren 
Stein, 
Und nun wir darinnen wohnen, muß der Meister 
draußen sein! 
Und sein Mund, der nun verstummte, wie er sprach und 
scholl, begeistert 
Von dem Drang des Augenblickes, den der Mensch nicht 
immer meistert; 
Ja, und wenn er sich vergessen, wenn er mehr gesagt, 
als Pflicht; 
Der Strom, der nicht übersprudelt, wäre ja der Jordan 
nicht! 
Kamst du darum, heilig Wasser, von den Bergen her 
gequollen, 
Tränkten darum deine Wellen unsre unwirthbaren 
Schollen, 
Daß das Land dich stumm verschlinge, dir ein frühes 
Grabmal fei? 
Nein, o nein! Getrost! Es taget, Harrender, auch Dir 
ein Mai! 
Herr und Fürst des schönen Landes, das der Frühling 
neu umfangen, 
So wie er ein milder König, decke zu, was da vergangen, 
Spreng' mit einem Wink der Gnade den und and're 
Kerker auf, 
Gieb dem freien Sohn der Alpen wieder seinen freien 
Lauf! 
Herr, dem an des Thrones Stufen treue Bürger freudig 
huldigen, 
Kleine Fehler, so geschehen, laß die große Zeit ent 
schuldigen; 
Sieh', schon büßen nah' und ferne Viele ihr verjährtes 
Leid. 
Neig' dein Scepter, Friedrich Wilhelm, zu erlösendem 
Bescheid! 
Ach, daß deines Volks ein Dichter sich in deinen Glanz 
gewagt hat, 
Daß, was Andre schweigsam flehen, er voll Ehrfurcht 
laut gesagt hat, 
Herr, verzeih's! Ein Dichter suhlt es, was es heißt: 
gefangen sein, 
Mehr als Andre. Ja, gefangen, und vergessen, und 
allein! — 
Und dir, hinter deinen Gittern, Mann der Zeit, ein 
letztes Grüßen! 
Trüg' ein West, ein Noah's-Täublein tröstlich dir dies 
Blatt zn Füßen: 
Grün und duftend, Pfand des Lenzes, schmück' es deiner 
Zelle Wand, 
Und aus todten Zügen fasse warm dich eine Freundes 
hand! — (Forts, folgt.) 
j -3K-!—♦ 
Kasseler Kagesneuigkeilen aus dem 18. Lahrhunöerl. 
Von Klio Gerlanö. 
^Mit der Bearbeitung der Lebensgeschichte 
meines mütterlichen Urgroßvaters Simon 
CT | V Ludwig Du Ry beschäftigt, finde ich 
unter dessen hinterlassenen Papieren zahlreiche 
Angaben, die für den angedeuteten Zweck ohne 
Bedeutung sind, die aber doch mancherlei Inter 
essantes für die damalige Zeit bieten. Einzelnes 
davon habe ich schon in diesen Blättern veröffent 
licht, im Nachfolgenden will ich allerhand Nach 
richten mittheilen, die für die Geschichte Kassels 
und auch wohl für die allgemeine Kulturgeschichte 
nicht ohne Interesse sein dürften. Sie entstam 
men zumeist dem eifrigen Briefwechsel Du Ry's, 
dessen Bruders, Plantagen-Jnspektors Karl Du 
Ry und dessen Schwester Jeannette Philip 
pine Le Clerc geb. Du Ry, aus den Jahren 
1748—56, während deren S. L. Du Ry seine 
großen Studienreisen machte, und den Jahren 
1773—76, in denen I. P. Le Clerc eine 
Reise in das südliche Frankreich, die Heimath
	        

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