Full text: Hessenland (7.1893)

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des Kommandanten gehen mußten, gewechselt 
werden durften. Mit seinen Briefen, die seine 
ganze tiefe edle Seele wiederspiegeln, mit stim 
mungsvollen Gedichten, die er verfaßte, mit 
Erlernen der englischen Sprache und mit — 
Straminsticken, das er schließlich meisterhaft nach 
selbstentworfenen Mustern auszuführen verstand, 
vertrieb er sich die Zeit, — lange elf Monate. 
Als er zurückkehrte, bereitete sich die Bürgerschaft 
auf seinen Empfang vor, er vermied jedoch die 
geräuschvolle Begrüßung, welche ihm am Bahnhof 
dargebracht werden sollte, und verließ mit seinen 
näheren Freunden, die ihn in Guntershausen 
eingeholt hatten, auf Station Wilhelmshöhe den 
Zug, um sich zu Wagen von da in seine reich 
mit Blumen geschmückte Wohnung zu begeben, 
die sich zu der Zeit noch in Miethe in dem 
Hause des damals Zimmermeister Wagnerschen 
Anwesens in der untern Königsstraße neben dem 
Kadettenhaus, heutigen Proviantamt, befand. 
Das war ein Jubel, in welchen von dem damaligen 
Kassel Alles, was treu zur alten Verfassung hielt, 
theilnahmsvoll im Herzen mit einstimmte! — 
An Zeit nicht sehr viel länger hiernach, als 
der nach langer Abwesenheit seiner Familie 
Wiedergegebene im Gefängniß zugebracht hatte, 
waren eines Abends in dessen damaliger Dienst 
wohnung, in dem zweiten Stockwerke des sog. 
kleinen Rathhauses am Meßplatz, eine Anzahl 
guter Freunde zu einer kleinen Gesellschaft ver 
einigt, als alarmirender Trommelwirbel in den 
Straßen anzeigte, daß irgendwo ein Brand 
ausgekommen sei. Die Gesellschaft stob aus 
einander und auch er, der Gatte, der Vater von 
vier kleinen unmündigen Kindern, ging, um seine 
Pflicht bei dem Brande, Wahrnehmung der Ober 
aufsicht, u. s. w. zu erfüllen. Er sollte nicht 
wiederkehren. Schreckliche Stunden vergingen, in 
welchen man den Vermißten suchte und zuletzt 
am folgenden Tage als entsetzlich entstellte Leiche 
unter den Brandtrümmern auffand. 
Eine den so jäh Dahingerafften auf's Höchste 
ehrende Sistungsurkunde besagt darüber: „Am 
2tz. Oktober 1853 verlor der Bürgermeister der 
Stadt Kassel Carl Ludwig Henkel in treuer 
Erfüllung seiner Berufspflichten und unerschrockener 
Bethätigung opfermuthigster Nächstenliebe — er 
machte den mißlungenen Versuch, vier Handwerker, 
die sich in das mit Einsturz drohende Haus 
gewagt hatten, zu retten — bei einem in den 
Fabrikgebäuden der Wittwe des Färbermeisters 
Justus Engelhardt, Nr. 373 am Altstädter 
Marktplatz zu Kassel ausgebrochenen Brande sein 
Mben, mit dem er es nur bis 38 Jahre 7 
Monate gebracht hatte. Er hinterließ eine 
Wittwe, Charlotte, geb. Hock und vier Kinder, 
drei Töchter und einen Sohn, welche in ihm 
einen treu liebeyden Gatten, einen mit der zärt 
lichsten Sorge ihnen zugethanen Vater ein 
büßten." — 
Nicht ganz 36 Jahre später, am 18. Oktober 
1889, schloß auch seine Wittwe nach einem Leben, 
reich an schweren Prüfungen, die Augen zur 
ewigen Ruhe. Charlotte Auguste Hock war die 
zu Rinteln am 19. Februar 1818 geborene 
ülsteste Tochter des Johann Friedrich Hock, vor- 
hinnigen Lieutenants und Adjutanten in dem in 
Garnison gewesenen ehemaligen kurhessischen Garde- 
Grenadier Regiment, der später als Hauptrendant 
bei dem Provinzial-Steueramte in Kassel ange 
stellt war, das seine Dienstgebäude im Packhof 
an der Fulda hatte. 
Hermann «rrd Margaretha Riedesel. 
Aus der hessischen Geschichte. *) 
Ich kann die Tochter geben. Euch, Ritter, nicht zum Weib, 
Sie ist mein Trost im Leben für Se-»le und für Leib, 
Den ich als Greis genieße. O wollt nicht meinen Tod, 
Und wisset, daß ich stieße mein Kind hinaus in Noth. 
Ihr seht doch, welche Fehden verwüsten rings das Land, 
Wie öd find manche Stätten, viel Dörfer sind verbrannt. 
Hinstürzen hohe Mauern, erstürmt sinkt manches Schloß, 
Und lange wird es dauern, bis Fehdezeit verfloß. 
Zunghermann that die Bitte um Margarethas Herz: 
Herr, mildert Eure Schritte, seid nicht wie Stein und Erz. 
Wenn Ihr die Maid nicht gebet, laßt werden mein Gemahl, 
So fürcht' ich, daß man grabet mein Grab, so leid' ich Qual. 
Za lieber will ich sterben, als ohne sie noch sein, 
O wollt nicht mein Verderben und sprechet: Sie sei Dein 
So lasset Euch erweichen, Zhr wäret auch einst jung 
Und glücklich zu erreichen Lieb' und Beseligung. 
*) S. Rommel, Geschichte von Hessen, Bd. 2, S. 28t. 
Erforschet ihren Willen, ob sie nicht gern es thut, 
Ob sie bereit zu stillen sei meines Herzens Glut. 
Laßt doch erhört mich scheiden, sagt mir ein tröstend Wort! 
Es treiben Qual und Leiden sonst in die Welt mich fort. 
Ob Ritter sich befehden, ich biete jedem Trutz, 
Mein Schloß bleibt ohne Schäden, ich selbst bin bester Schutz. 
Kein König kann bewahren so sicher seinen Thron, 
Wie ich, ob stürmen Schaaren, den Feinden spreche Hohn. 
Doch unerhört gezogen ist Ritter Hermann ab, 
Und um sein Glück betrogen, dünkt ihm die Welt ein Grab. 
Gar schwer hat er zu tragen, nie ruht der Seele Gram, 
So daß in kurzen Tagen vom Heim er Abschied nahm. 
Er irrt in tiefem Kummer bis ins gelobte Land, 
Auch da flieht ihn der Schlummer, sein Herz nicht Ruhe fand. 
Zu Hause möcht er weilen in der Geliebten Näh, 
Die Sehnsucht heißt ihn eilen, daß er sie wieder seh. 
Der Himmel hat's gefüget, sie wurde dennoch sein, 
Der alte Herr besieget hat gern gewilligt ein. 
Und wie das ist geschehen? Wohl klingt es wunderbar, 
Zunghermann sollte stehen beim Alten in Gefahr.
	        

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