Full text: Hessenland (7.1893)

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Christian Gottfried Henkel, aus dessen zweiter 
Ehe mit Karoline Christiane Heuser, einzigen 
Schwester des s. Z. in weiten Kreisen hoch 
angesehenen Oberschulzen Heuser zu Eschwege. 
So gehörte er sowohl von väterlicher wie auch 
von mütterlicher Seite alten hessischen Beamten 
familien an, von denen sich zahlreiche Mitglieder 
einen Namen zu machen verstanden haben. Karl 
Ludwig Henkel trat im jugendlichsten Alter bei 
dem ehemaligen kurhessischen Regiment Prinz 
Solms in Hersfeld ein, diente als Portepee- 
fähnrich beim 1. Schützenbataillon in Kassel, 
indem er daselbst zugleich das Kadettenhaus 
besuchte, und wurde 1834 mit 19 Jahren 
Lieutenant im 1. Infanterie-Regiment (Leib- 
regiment), welchem er zuletzt auch als Regiments 
adjutant bis zum Jahre 1845 angehörte. Als 
tüchtiger Offizier und von ritterlicher Erscheinung 
hatte er sich des besonderen Wohlgefallens des 
Kurprinzen und Mitregenten, des nachherigen 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm, zu erfreuen. Bei 
eingetretener Stellenerledigung ernannte ihn der 
selbe zu seinem Oberhofintendanten und Rech 
nungsführer der Chatoulle. Das ehrenvolle 
Vertrauen, das ihm in dieser Stelle in so reichem 
Maße zu Theil ward, vermochte ihn jedoch bei 
seinem geraden Charakter für die Dauer nicht 
über das Unbehagen hinwegzuhelfen, welches 
durch so manche. Verhältnisse bei Hofe hervor 
gerufen wurde. Immer mehr befestigte sich bei 
ihm die Absicht, diesem Zwiespalt zu entgehen, 
und der Umstand, daß der ihm engbefreundete, 
auch durch Heirath verwandte Kurfürstliche Leib 
arzt, Geheime Hofrath vr. Stracke eines Tages 
seinen Abschied erbat, ließ ihn alsbald den Ver 
such machen, sein Vorhaben zur Ausführung zu 
bringen. Er meldete sich um eine Stelle in 
einem anderen Dienst, die ihm ein gleiches Ein 
kommen, als zur Zeit bezogen, gesichert haben 
würde. Der Kurfürst wollte ihn, von dem der 
alte M. A. von Rothschild, der kurhessische Hof- 
finanzier, einstmals gesagt hatte: „Königliche 
Hoheit, diesen Mann müssen Sie Sich zu 
halten suchen," nicht gehen lassen. Henkel hielt 
jedoch an seinem Vorsätze zähe fest und meldete 
sich wiederholt um geringer dotirte Posten, immer 
ohne den gewünschten Erfolg. Dieser sollte ihm 
erst werden, als er sich endlich um eine Stelle 
untergeordneter Art mit ganz geringem Gehalte 
als Rechnungsrevisor ber der Eisenbahnverwaltung 
bewarb. Das war noch im Jahre 1848. 
Ein Vierteljahr später unterm 16. März 1849 
wurde Karl Ludwig Henkel vom Stadtrath der 
Residenz Kassel zum Polizei-Vorstand, zunächst 
provisorisch auf fünf Jahre bestellt, und zu An 
fang des Jahres 1850 auf Lebenszeit als be 
soldeter Gehilfe und Stellvertreter des Ober 
bürgermeisters zum Bürgermeister gewählt. Im 
Verlaufe der damaligen unruhigen Zeit ging 
die Polizei dann an den Staat über. 
Schon die erstere verantwortungsreiche Stel 
lung brachte es mit sich, daß der Inhaber mit 
verschiedenen von der beschworenen 1831er Ver 
fassung abweichenden Bestimmungen der neuen 
oktroyirten Verfassung in Kollision gerieth. 
Die Folge davon war, daß bei Eintreffen der 
sogenannten Strafbayern auch der Polizei 
vorstand Henkel 20 Mann in die Wohnung 
gelegt bekam, die er, er bewohnte den 
zweiten Stock des noch heute als Polizeigebäude 
in Gebrauch stehenden Hauses, denselben ein 
räumte und in einem Gasthaus, dem damaligen 
Russischen Hof in der unteren Königsstraße, mit 
seiner Familie Unterkunft suchte. Kaum in das 
Polizeigebüude zurückübergesiedelt, wurde Henkel 
wie mehrere Andere verhaftet und inmitten eines 
Trupps österreichischer Jäger nach dem Gefangen 
haus am Leipziger Thore abgeführt, wo man 
am Anfang nicht einmal die Rücksicht zu nehmen 
für nöthig fand, ihm eine besondere Zelle an 
zuweisen, sondern ihn mit aufgelesenem Gesindel, 
das wegen gemeiner Vergehen und Verbrechen 
in Haft genommen war, zusammen einsperrte. 
Erst auf dringende Eingaben und Vorstellungen 
wurde hier Wandel geschaffen und seine Ueber- 
sühmng in's Kastell .verfügt.., ,-Nach sechs 
Wochen gab man ihn frei, machte ihm jedoch 
„wegen verschiedener Vergehen", wie es in den 
Akten hieß, den Prozeß, in dem jedoch keiner 
von den dazu berufen gewesenen Juristen die 
Anklage vertreten zu können erklärte. Erst einem 
jungen Manne, der, so zu sagen ad hoc dazu berufen 
war, blieb es vorbehalten, die Rolle des Anklägers 
zu übernehmen. Zunächst wurde aus 1 % Jahre 
Festungsstrafe erkannt. In Folge von Berufung 
aber wurde die höchste für das danach als vor 
liegend erachtete Vergehen vorgesehene Strafe 
von 11 Monaten ausgesprochen und von dem 
Verurtheilten am 11. November 1851 in Zelle 
Nr. 11, — das Kuriosum sei erwähnt — als 
elfter politischer Gefangener aus der Bergfestung 
Spangenberg angetreten. 
Die Haft war eine äußerst strenge. Eine 
Pritsche bildete die Lagerstatt. In dem von dem 
damaligen Gefängnißaufseher Kühnau über die 
Auslagen geführten Abrechnungsbuch, das noch 
vorhanden, stehen obenan für Stroh vier Silber 
groschen aufgerechnet. Ein Gesuch an das 
Kriegsministerium, unterstützt durch Fürsprache, 
die inständigsten Bitten der Gattin vermochten 
nach Verlauf von vier Wochen zu bewirken, daß 
dem Gefangenen wenigstens Licht, Schreibzeug 
und einige Bücher verwilligt wurden und daß 
von Zeit zu Zeit Briefe, welche durch die Hand
	        

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