Full text: Hessenland (7.1893)

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lohannes Ueige, 
ein hessischer Staatsmann der Reformationszeit. 
Von F. Iw eng er. 
enn die Todestage berühmter Staats 
männer als historische Erinnerungstage 
betrachtet werden können, so ist zu diesen 
gewiß auch der 20. März zu rechnen. An ihm 
starb vor nunmehr 250 Jahren der hervorragendste 
unter den Staatsmännern des Landgrafen 
Philipp des Großmüthigen, der Kanzler 
Johannes Feige, genannt Ficinus. Er 
war ein treuer Rathgeber seines Herrn, an allen 
Staatsaktionen desselben hatte er bis zu seinem 
im Jahre 1543 erfolgten Tode Antheil. 
Er war die rechte Hand seines Fürsten in der 
Gesetzgebung, mit seltenem Geschicke leitete er 
die Unterhandlungen mit den auswärtigen 
Fürsten, besondere Verdienste erwarb er sich 
um die Universität Marburg, und an der Ein 
führung der Reformation in Hessen war er in 
erster Linie betheiligt. Er besaß eine umfang 
reiche Bildung und war der Hauptpfleger der 
Wissenschaft in Hessen. Seine Weisheit hielt 
mit seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gleichen 
Schritt. Landgraf Philipp konnte sich in allen 
Lagen auf ihn verlassen und ehrte ihn als einen 
wahren Freund. 
Johannes Feige war 1482 zu Lichtenau 
als Henne Feige's Sohn geboren. Seine Eltern 
waren bürgerlichen Standes. Ueber seine Bil 
dungsjahre ist nur wenig bekannt. Wir wissen 
blos, daß er um das Jahr 1503 in Erfurt 
studiert und sich dort den juristischen Doktorhut 
erworben hat. Dort mag er wohl mit den 
Erfurter Poeten befreundet gewesen sein, 
die damals ihre ersten Triumphe feierten, 
und deren Häupter Mutianus Rufus, Eobanus 
Hessus Euricius, Cordus, seine Landsleute 
waren. Mit den beiden letztgenannten stand 
er später wenigstens in den engsten Be 
ziehungen, und seinen Bemühungen verdankten 
beide ihre Berufung an die Universität Mar 
burg. Das Jahr seines Eintritts in den Staats 
dienst ist unbekannt. 1513 übernahm er das 
Hofkanzleramt, das er bis zu seinem Tode ver 
waltet hat. 
Gleich nach dem Regierungsantritte des Land 
grafen Philipp vertrat er dessen Interessen 
1518 auf dem Reichstage zu Augsburg, und 
in den folgenden Jahren wahrte er die hessischen 
Staatsinteressen gegenüber den Bestrebungen 
des pfälzischen Ritters Franz von Sickingen und 
des mit diesem verbundenen hessischen Adels. 
Auf der Synode zu Homberg im Oktober 1526, 
durch welche die Reformation in Hessen ein 
geführt wurde, war er nächst dem alten bewährten 
Rathe des Landgrafen Wilhelm II., des Vaters des 
Landgrafen Philipp, Balthasar Schrautenbach, 
dem Theologen Lambert von Avignon und dem 
Hofprediger Adam Krafft von Fulda der Haupt 
vertreter der neuen Lehre. Er eröffnete die 
Synode am 21. Oktober 1526 mit einer Rede, 
die uns im Auszuge noch durch Wigand Lauze, den 
Biographen des Landgrafen Philipp, erhalten 
ist.*) 
Die Universität Marburg verdankt ihm nicht 
nur ihre erste Organisation und die Berufung 
ausgezeichneter Professoren, sondern auch ihre 
Privilegien, und mit kluger Umsicht wußte er 
die am 16. Juli 1541 erfolgte kaiserliche Be 
stätigung der Universität zu erwirken. Bei Er 
öffnung der Universität ani 1. Juni 1527 war 
ihni das Kanzleramt derselben übertragen, worden, 
das er bis zum Jahre 1536 nebem dem Hofkanzler 
amte führte. Er trat es am 17. April des ge 
nannten Jahres wegen überhäufter Geschäfte, 
die fast ständig seine Anwesenheit bei dem Land 
grafen erforderten, an den Professor der Rechts 
wissenschaft Johannes Ferrarius (Eisermann) 
von Amoeneburg ab. — 
Auf dem Reichstage zu Augsburg (1530) war 
Feige schon vor seinem Herrn erschienen und 
vertrat denselben noch mehrere Wochen nach 
dessen Abreise. In allen darauf folgenden Ver 
handlungen in staatlichen Angelegenheiten, die 
einzeln anzugeben zu weit führen würde, war 
ihm die leitende Rolle übertragen. Stets war 
er dabei bestrebt, die Interessen seines Herrn zu 
wahren. Eine unermüdliche und sehr einfluß 
reiche Thätigkeit entwickelte er bei den Vergleichs 
verhandlungen zwischen der protestantischen und 
katholischen Partei, und er unterstützte nach 
Kräften die coneiliatorische Politik, die Land 
graf Philipp nach dem Jahre 1540 verfolgte, 
um eine Aussöhnung mit dem Kaiser und um 
Sicherung und Straflosigkeit für seine Doppel 
ehe zu erlangen. Ob hier Feige im Interesse 
seines Herrn nicht zu weit gegangen ist, möge 
dahingestellt bleiben, und wenn er auch, wie der 
*) S. Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde, 2t«s Supplement: Leben Philipps 
des Großmüthigen, von Wigand Lauze, 1. Band., 
S. 126 flg. Kassel 1841.
	        

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