Full text: Hessenland (7.1893)

6 
Thüringen weiter geeilt sei. Er sagt aber, weder 
etwas über den Weg, den er dorthin genommen, 
noch über seine Missionsthätigkeit während seiner 
Reise. Ich habe mir Mühe gegeben, soweit 
möglich diesen Weg des heil. Bonifazius durch 
den fränkischen Hessengau nach Thüringen und 
zwar nach der Gegend von Eschwege, wohin er 
zunächst ging, sestzustellen. (Forts, folgt.) 
'!-*-! 
Ävester Aoröan. 
Bilder aus seinem Leben. 
Von F. I w e n g e r. 
or hundert Jahren, am 30. Dezember 1792, 
wurde zu Omes in Tyrol ein Mann ge 
boren, dessen Name auf das Innigste niit 
der Geschichte nnseres Hessenlandes verbunden 
ist: Silvester Jordan, der unerschrockene 
Vorkämpfer für die konstitutionelle Gestaltung 
unseres engeren Vaterlandes, der Schöpfer unserer 
freisinnigen Verfassung vom 5. Januar 1831, 
gleich hervorragend als Mann der Wissenschaft, 
wie als Politiker und Staatsmann. Wohl 
Niemand hat in Deutschland in ernsterer Weise 
an die fürstliche Gewalt die Frage gestellt, ob 
und inwieweit sie es aufrichtig meine mit den 
Zugeständnissen, zu denen sie sich im Interesse 
der Völker und ihrer selbst nach längerem Zögern 
bereit erklärte, aber Nieniand hat auch den Zorn 
der Feinde des Konstitutionalismus empfindlicher 
erfahren, als gerade Silvester Jordan. Aus 
den ärmlichsten Verhältnissen arbeitete er sich 
empor zu der angesehenen Stellung als ruhm 
reicher Verfechter der liberalen Zeitideen, um 
dann als Märtyrer derselben schwere Leiden zu 
erdulden, bis der Umschwung der Zeitverhält 
nisse ihn in jähestem Wechsel in amtlicher Stel 
lung zum Vertreter der nationalen Bestrebungen 
berief, wegen deren er lange Jahre die Strafe 
des Verbrechers erduldet. Seit 1821 wirkte er 
als Professor der Rechtswissenschaft in Marburg. 
Von 1830 bis 1833 war er als Vertreter der 
Landes-Universität Mitglied der knrhessischen 
Ständekammer. Kein Name in Hessen, ja in 
Deutschland, war gefeierter als der seine, fast in 
jedem Hause unseres Hessenlandes fand man 
sein Bild, groß war die Verehrung, die Liebe, 
die ihm überall unsere hessischen Landsleute 
darbrachten. Sein Lebensgang ist bekannt. 
In den Nummern 19 und 20 des Jahrgangs 
1889 unserer Zeitschrift „Hessenland" ist von 
berufener Seite eine eingehendere Schilderung 
desselben entworfen; wir unterlassen es daher, 
hier einen biographischen Abriß zu geben, nur 
Bilder von dem Leben Silvester Jordans wollen 
wir skizziren, die weniger bekannt sein dürften. 
Nicht besser aber glauben wir dieselben einleiten 
zu können, als durch die Wiedergabe des pracht 
vollen Gedichtes unvergessenen und unvergeßlichen 
Andenkens von Franz Dingel st e d t: „Oster 
wort" , das 1840 in Marburg vor Jordans 
Kerker geschrieben und als fliegendes Blatt ver 
breitet , in ganz Deutschland mit hellem ein 
stimmigen Beifall begrüßt wurde. Das „Jordans 
lied" lautet: 
(Mermort. 
Im Schloßhof zu Marburg. 
1840. 
Droben stand ich, wo inmitten eines Meers von Duft 
und Blüthen 
Grau und groß das Schloß emporsteigt, Philipps alte 
Stadt zu hüten; 
Rings zu Füßen dehnte lachend sich das traute Thal 
der Lahn, 
Und mit ersten Maienblicken schaute draus der Lenz 
mich an. 
Geister einer frohen Jugend tauchten aus dem heitern 
Grunde: 
War's nicht da? — Und hier! — Und drüben 
scholl's von der Genossen Munde; 
Ein Erinnern still und innig ging wie Sonntagsglocken 
klang 
Durch die Seelen lang Getrennter, die ein neues Band 
umschlang. 
Plötzlich rührt an meine Schulter eines Freundes scheuer 
Finger; 
.Dort am Gitter", spricht er leise, deutet auf den innern 
Zwinger; 
Und zwei Augen groß und glühend, und ein Antlitz 
bleich, entstellt, 
Starrten dort ans dem Gemäuer nieder in die schöne 
Welt. 
Herr des Himmels! — Stille, stille! Weck' ihn nicht 
aus seinen Träumen! 
Ach vielleicht, daß just dies Auge, schweifend ob den 
grünen Bäumen, 
Ob der Berge blauen Häuptern seinen Weg zurHeimath 
fand, 
Spottend jener Thürm' und Quadern, in der Gletscher 
freies Land! —
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.