Full text: Hessenland (6.1892)

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Diese ohnlängst erschienene Schrift, deren wir 
bereits in der Nummer 3 unserer Zeitschrift vom 
4. Februar d. I. gedacht haben, hat Freunde und 
Gegner gefunden, und in der That hat sie auch ihre 
Borzüge und ihre Schwächen. Zu ersteren rechnen wir 
die warme Sympathie, welche der Verfasser den kurhes 
sischen Truppen, deren Generalstabe er ja im Sommer 
1866 als Hanptmann angehörte, entgegenbringt, und das 
Bestreben, die Thatsachen, soweit sie sich auf das mili 
tärische Gebiet beziehen, wahrheitsgetreu und möglichst 
genau anzuführen; zu den Schwächen zählen wir 
die politischen Erwägungen und die eigenen politischen 
Anschauungen, die der Verfasser hier und da ein 
zustreuen beliebte. Hat er sich durch seine Schilde 
rung in erstgenanntem Sinne ein wirkliches Ver 
dienst erworben, so sollten wir meinen, daß es für 
seine Schrift weit vortheilhafter gewesen wäre, wenn 
er sich von den eigentlich Politischen Fragen möglichst 
fern gehalten hätte. 
Eine im Ganzen wohlwollende und unseres 
Erachtens zutreffende Besprechung des Buches findet 
sich in dem neuesten Hefte (Nr. 7) der von unserem 
verehrten hessischen Landsmanne Julius Nodenberg 
in Beilin berausgegebenen „Deutschen Rundschau*. 
Sie stammt, wie das ja aus dem Inhalte selbst 
hervorgeht, aus der Feder eines wohlorientirten vor 
mals kurhessischen Offiziers und verdient schon um 
deswillen besonderer Beachtung. Wir gestatten uns, 
hier die Hauptstellen dieser Besprechung wieder 
zugeben: 
„Alios ad proelium ire videas, Chattos ad bellum. 
Tacitus: Germania. 
General von Schmidt hat, indem er den Unter 
gang der vormals kurhessischen Armeedivision schrieb, 
— denn das war das Ende ihrer Geschichte im 
Jahre 1866 — , sich an eine schwere Aufgabe ge 
wagt; schwer für einen ehemals kurhessischen Offizier, 
welcher nicht kriegerisch ruhmvolle Thaten zu ver 
herrlichen, vielmehr zu berichten hatte, wie die Politik 
den hessischen Löwen gerade in dem Augenblick 
großer weltgeschichtlicher Ereignisse lähmte. Wir 
glauben weniger, daß, wie das Vorwort sagt, „die 
Arbeit aus dem persönlichen Bedürfniß des Ver 
fassers entstanden ist, sich selbst volle Klarheit über 
die damaligen Vorgänge zu verschaffen* , als viel 
mehr, daß General von Schmidt bestrebt war, — 
diese Worte finden sich kurz vorher an derselben 
Stelle —, zu zeigen, daß nicht die Truppe die 
Schuld trägt, wenn ein anerkannt braves Kontingent 
mit einer alten, rühm- und ehrenreichen Geschichte 
so klanglos enden konnte. Den unseres Erachtens 
gelungenen Versuch des Verfassers, die Haltung der 
kurhessischen Truppen vor aller Welt zu rechtfertigen, 
begrüßen wir schon um deswillen lebhaft, weil es 
nicht an Stimmen gefehlt hat, welche den Truppen 
geradezu ehrenrührige Gesinnungen vorzuwerfen sich 
erkühnten. Die Schrift umfaßt zwei Hauptabschnitte, 
erstens: Der 16. Juni in Kassel und der Marsch 
der Kasseler Garnison unter Generalmajor von 
Schenk zu Schweinsberg von Kassel nach Hanau; 
zweitens: Unter bciu Kommando des Generalmajors 
von Loßberg. Die in Rede stehende Arbeit basirt 
auf dem Kriegstagebuche der ehemals kurhessischen 
Armeedivision und auf zum Theil bis jetzt noch nicht 
bekannt gewordenen politischen Dokumenten. Der 
an die Spitze dieser Zeilen gesetzte Ansspruch des 
Tacitus, von den militärischen Tugenden der Ger 
manen sprechend, zeichnet in besonderer Weise die 
Kotten aus, und es ist diesem mitteldeutschen Stamme 
im Laufe der Jahrhunderte gelungen, seinen Schild 
unbefleckt zu bewahren, um endlich, — die einen 
nennen es göttliches Geschick, die anderen welt 
geschichtliche Logik —, rühmlos unterzugehen. Dies 
mal, so zeigt uns das Buch, mußten die Katten 
unvorbereitet für die Schlacht, geschweige denn für 
einen Feldzug, den Staunnsitzen in fluchtühnlicher 
Weise den Rücken kehren. Die Vorgänge in Kassel 
im Laufe des 16. Juni 1866 liefern auf der 
andern Seite freilich wieder für den guten mili- 
tärischen Geist vollgültigen Beweis; denn in Stun 
den verrichteten damals die Truppen Arbeiten, für 
welche bei einer heutigen Mobilmachung Tage vor 
gesehen sind, ohne indes kriegsbereit werden zu kön 
nen. Der zweite Abschnitt beginnt mit den Tagen 
in Hanau, dem Vereinigungspunkte des Kontingentes 
und dem Anfange bitterer Enttäuschungen. Die 
Gefangennahme des Kurfürsten in Wilhelmshöhe 
raubt der unglücklichen Truppe den Kriegsherrn, 
welche nunmehr nach Bundesbeschluß dem Prinzen 
Alexander von Hessen, Kommandirenden des VIII. 
deutschen Bundes-Armee- Corps, unterstellt wird. Von 
jetzt an treten die diplomatischen Verhandlungen des 
Generalmajors von Loßberg mit dem Prinzen 
Alexander, dem Bundestage und später, als die 
Truppen in Mainz eingerückt waren, mit dem 
Gouverneur dieser Festung in den Vordergrund, 
um ihren endlichen Abschluß in den Unterhandlungen 
mit Preußen zu finden. Trotzdem man bestrebt 
war, von den Kurhessen im Felde wie in der Festung 
Mainz ernste, kriegerische Leistungen zu verlangen, 
legte man nichts desto weniger der von der Truppe 
erstrebten Mobilmachung die größten Schwierigkeiten 
in den Weg. — Wir haben selbst im Jahre 
1866 als Soldat unter den hessischen Fahnen in 
Reih' und Glied gestanden, und können uns am 
Schlüsse der Besprechung der Schrift nicht enthalten, 
dem persönlichen Gefühle, in welchem wir uns mit 
vielen ehemaligen Kameraden eins wissen, Ausdruck 
zu verleihen: daß wir die Hannoveraner um ihr 
Langensalza beneideten!"
	        

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