Full text: Hessenland (6.1892)

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unterstützt. Das Volk wich zurück, bis ein 
großer freier Raum entstanden war. 
Winfried nahm aus seinem Gewände ein Kreuz, 
hielt es hoch empor und rief mit weithin ver 
nehmbarer Stimme: „Wer. sich auf Jesum 
Christum, den Sohn des allmächtigen Gottes, 
hier bekennt, der trete zu mir!" 
Tiefes Schweigen herrschte, und Einer sah den 
Anderen fragend an. 
Da trat endlich ein junges Weib hervor, 
welches ihr Gatte vergeblich zurückzuhalten suchte, 
ging auf Winfried zu und sagte: „Ich, Velleda, 
Boewolff's Tochter, — jetzt Maria —, das Weib 
Jngomar's, des Freisassen, bekenne mich zu 
Jesum Christum, Herr." 
Sie stand allein im Raum, und Aller Blicke 
hingen an ihr. 
„Sei gegrüßt, meine Schwester, die Du den 
Muth hast, den Herrn zu bekennen." 
Nun traten auch Andere heran, Frauen und 
Jungfrauen, Hörige, doch nur wenige freie 
Männer. 
Kaum mehr als hundert waren so, dem Rufe 
Winfried's folgend, zu ihm getreten, und mit 
verächtlichen Blicken sahen die Anderen zu ihnen 
hinüber. 
Klein war die Schaar der jungen Christen. 
Manche, die den Herrn schon heimlich be 
kannten, hatten sich gescheut, hier hervorzutreten, 
weil sie sich fürchteten. 
Winfried und seine Begleiter wußten es wohl, 
doch dachten sie milde über solche Schwäche. 
Während er seine kleine Schaar mit dem 
Blicke überflog, ließ sich Hufschlag vernehmen, 
und die Menge theilte sich, um dem Grafen 
Platz zu machen, der mit einigen gewaffneten 
Begleitern durch die Menge ritt. 
Es war Graf Chlodwig, der den Frankenkönig 
im Land vertrat, ein gerechter Mann, geachtet 
von den Hessen und gefürchtet. 
Er war ohne Rüstung, nur ein schön geziertes 
Gewand aus fremdem Stoffe und kostbares 
Pelzwerk zierten sein hohe Gestalt, welche an- 
muthig zu Pferde saß. Das nach vornehmer 
Franken Art nur auf der Oberlippe mit einem 
Bart gezierte Antlitz war adlerartig geformt, 
und ein kühnes Auge blitzte daraus hervor. In 
der Hand trug er den Stab des mächtigen Königs, 
und Alle wußten, was das Zeichen der Königs 
gewalt für sie bedeute. 
Er ritt auf Winfried zu und rief: „Sei 
gegrüßt, Vater, ich freue mich, Dich vor allem 
Volke zu sehen. Thu', wie Er Dich heißt, doch 
vergiß der Klugheit nicht." 
Daun lenkte er das Roß, während ihm Alles 
ehrfurchtsvoll Platz machte, zu Childerich. 
„Mein alter Freund, — mein narbiger Held 
von Friedeslar, ich grüße Dich herzlich — und 
Dich, schön' Hilda, Du holde Blüthe des Nieder 
gaus," sagte er freundlich. 
Hilda neigte sich erröthcnd bei dem Lobspruch, 
der Alte aber sagte: „Den Göttern sei's gedankt, 
Herr, daß Du da bist, — Du und der Stab 
des Königs werden mehr bewirken als mein 
Wort und meine Axt." 
Sehr ernst entgegnetc der Frankengraf: „Wie 
mir berichtet ist, wollen die Priester nach langen 
Jahren wieder einen Kriegsgefangenen opfern —, 
das muß verhindert werden, Childerich, es darf 
nicht sein —, opfert den Göttern, was Ihr 
wollt, nur Menschen nicht." 
„Kann ich's verhindern, Herr ?" antwortete der 
Alte. — „Ich bin kein Freund des alten Brauches, 
war es nie —, denn ich denke, Donar bedarf 
des Menschenblutes nicht, um unsere Felder zu 
segnen —, aber, sieh dich um —, hier stehen drei 
tausend bewaffnete Männer, aufgestachelt von 
Priestern. niein Wort genügt nicht —, und 
meine Schaar ist klein." 
„Ich sehe es", sagte der Graf und ritt zurück. 
Aus dem Haine tönte jetzt ein feierlicher 
Gesang, begleitet von den dröhnenden, weithin 
vernehmbaren Klängen eines mit schwerem Ham 
mer geschlagenen ehernen Schildes. 
Alles Volk, welches durch das Erscheinen der 
Glaubensboten wie des Grafen schon erregt war, 
drängte der Stelle zu, welche den Anblick der 
heiligen Eiche und des Altares gestattete. 
Im feierlichen Zuge traten hinter dem Altare 
die Priester hervor, wohl zwanzig an der Zahl, 
denn zu dem hohen Feste waren sie aus weiteren 
Entfernungen zufammengekommen. 
Voran schritten zwei weiß gekleidete Knaben 
und schwangen eherne Pfannen in den Händen, 
auf welchen glühende Kohlen lagen, die, oft mit 
Zweigen und Beeren des Wachholderstrauches 
bestreut, deren nicht unangenehme Düfte in die 
Luft sandten. 
Hinter ihnen schritten die Priester, gleich den 
Knaben weiß gekleidet, die Priesterbinde, mit 
gehcimnißvollen Runen gestickt, um die Stirne 
und in den Händen Eichenzweige tragend. 
In ihrer Mitte ging trotzig ein gebundener 
Mann einher, der gefangene Sachse, der am Altare 
unter dem Feuersteinmesscr des Priesters sterben 
sollte. 
Sie schritten auf die Menge zu, denn üblich 
war es, vor der Feier unter dem Klange des 
uralten Liedes, welches Donar bat, Haus und 
Feld zu segnen, einen Rundgang um den heiligen 
Hain zu machen. 
Die Menge wich zurück, als der Zug kam. 
Er mußte dicht an denr Grafen vorbei, der
	        

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