Full text: Hessenland (6.1892)

86 
vorgestern in einem grauen Überrock von hier 
entwichen. 
Da nun derselbe aus dem seiner aufsicht 
anvertraut gewesenen Hoch Fürstl. Medaillen- 
Cabinet für 2000 Thaler an werth nach seinem 
eignen geständniß entwendet und für 300 
Thaler Äoäaillsu beim Lombard versetzt, ohne 
was sich bey näherer Untersuchung noch weiter 
entdecken dürffte, außerdem aber noch 700 
Thaler Vorschuß hinter sich hat, mithin an 
dessen Habhafftwerdung gar sehr gelegen; So 
wird jeden orts obrigkeit hierdurch roguirirt, 
aufs den fugitivum möglichst zu vigiliren, 
ihn im betretungsfalle zu arrstirsu und davon 
zu seiner ausliefferung, gegen erstattung der 
kosten, und ausstellung gewöhnlicher rovorsalisu, 
anhero Nachricht zu geben. 
Caßell, den 17. märtz 1775. 
Fürstl. Hessische Regierung Hierselbst." 
Drei oder vier Tage nach Raspe's Abreise 
brachte der Diener, der ihn begleitet hatte, die 
zur Flucht benutzten Pferde zurück und erzählte 
auf Befragen, wo er seinen Herrn gelassen hätte, 
er habe ihn in der Umgebung von Clausthal 
im Harz verlassen. Man sandte einen Eilboten 
dorthin und nach Hannover, um ihn verhaften 
und ausliefern zu lassen. Er war so unklug, 
sich in Clausthal aufzuhalten und dort fangen 
zu lassen, aber am Abend desselben Tages fand 
er Gelegenheit, sich aus dem Fenster zu retten. 
Dann irrte er in verschiedenen Theilen Deutsch 
lands herum, bis es ihm gelang, nach Amsterdam 
zu entweichen, wo er vor drei Monaten gesehen 
ist. Dann hat er sich nach London begeben, von 
wo er sich, wie man glaubt, nach Nordamerika 
eingeschifft hat. Seine Frau ist in Berlin und 
will die Ehe trennen lassen. Der Werth seiner 
Diebstähle beträgt in Landeswährung 4—5000 
Thaler, es fehlen 143 goldene Medaillen von 
verschiedenem Werth, von denen jedoch schon 
etwa 20 inzwischen von den Besitzern wieder 
erlangt sind. Nicht gerechnet sind dabei seine 
Schulden, die er bei den Juden gemacht, und 
das Geld, das er bei Privatleuten geborgt hat. 
Ich gehöre nicht dazu; er hat mir stets miß 
fallen, und wir waren niemals in näherer Ver 
bindung. — Der Rath Schminke vertritt seine 
Stelle, bis sich eine andere geeignete Persönlich 
keit gefunden hat. 
Kran; Melde, 
geboren am 11. März 1832. 
Kin Lebensbild, 
entworfen von F. Iw eng er. 
Ck m li. März vollendete der Geheime Regie 
rungsrath Professor Dr. Franz Melde 
in Marburg sein sechzigstes Lebensjahr. 
Die Feier dieses Tages giebt uns willkommene 
Gelegenheit, dem alten Versprechen, ein Lebens 
bild des hochverehrten Herrn in unserer Zeit 
schrift „Hessenland" zu entwerfen, gerecht zu 
werden. Soll ich da mit einem Panegyrikus 
beginnen? Nein. Bei einem Manne von der 
Bedeutung Melde's ist dies überflüssig. Seine 
zahlreichen Freunde und Bekannten, seine Kollegen, 
die große Zahl seiner in alle Welt zerstreuten 
Schüler, sie alle kennen die Vorzüge seines 
Geistes und seines Herzens und sind einstimmig 
in der rückhaltslosen Anerkennung derselben; 
die übrigen Leser unserer Zeitschrift aber werden 
aus der nachfolgenden Schilderung, die auf den 
genauesten Informationen beruht, sich selbst 
ein Urtheil über Melde's Persönlichkeit bilden 
können. Und wie dieses ausfallen wird, darüber 
kann ein Zweifel nicht bestehen. Sie werden iu 
unserem Jubilare einen hervorragenden Gelehrten 
und Lehrer, einen bedeutungsvollen Forscher auf 
dem Gebiete der Physik, einen Mann von festem 
Charakter und großer persönlicher Liebenswürdig 
keit, durchdrungen von wahrhafter Humanität, 
kennen lernen. 
Franz Melde ist am 11. März 1832 
als drittältester Sohn des ans Dessau ge 
bürtigen und im Jahre 1847 zu Großen 
lüder verstorbenen Apothekers Ludwig Melde 
geboren. Er besuchte zunächst bei dein tüchtigen 
und jetzt noch vollauf thätigen Lehrer Schrimpf 
die Dorfschule seines Heimathsortes und sodann 
vom Herbst 1844 an das Gyinnasium zu Fulda 
unter den vortrefflichen Direktoren Dronke und 
S ch w a r tz. Diese seine Gymnasialzeit haben wir 
von ihm wiederholt als eine schöne und angenehme
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.