Full text: Hessenland (6.1892)

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zu haben. Er zeigte mir den Sand, und ich 
gab ihm echte Porzellanerde (pouzzolane), die 
ich von Italien mitgebracht hatte. Er ver 
öffentlichte dann seine Entdeckung in einem Werk 
unter dem Titel: Nemoire pour servir a l’histoire 
naturelle de la Hesse, das er dem Landgrafen 
widmete. Dies Werk, in deutscher*) Sprache 
geschrieben, wurde gut aufgenommen und in 
verschiedenen Zeitschriften mit Anerkennung be 
sprochen. Kurze Zeit nach dem Druck seines 
Buchs bat er um das ausschließliche Recht, mit 
dieser Erde Handel treiben und sie nach Holland 
versende» zu dürfen. Dies wurde ihm zwar 
abgeschlagen, aber er erhielt als Belohnung für 
seine angebliche Entdeckung nochmals eine Gehalts 
erhöhung, sodaß er 1100 Thaler hatte, und den 
Titel eines Agenten des Herrn Landgrafen zu 
Venedig, begleitet mit dem Befehl, eine Reise 
nach Italien zu machen, um dort Antiken zur 
Vermehrung der Sammlungen zu erwerben, und 
700 Thaler Reisekosten. Gleichzeitig erhielt er 
die Erlaubniß, seine aus seiner Frau und zwei 
Kindern bestehende Familie nach Berlin zu 
bringen. Er hätte nun vor seiner Abreise die 
unter seiner Obhut stehenden Werthsachen ab 
liefern müssen; das that er aber nicht, sondern 
er reiste ab und schickte von Münden aus die 
Schlüssel zum Medaillen-Kabinet in einem Packet 
an Herrn Schmerfeld, indem er dabei schrieb, 
daß sein Diener vergessen hätte, sie diesem in 
Kassel zu bringen. Herr Schmerfeld schickte die 
Schlüssel versiegelt an den Herrn Landgrafen, 
und weigerte sich als gewiegter Geschäftsmann, 
während Raspe's Abwesenheit das Kabinet zu 
betreten. Letzterer erhielt dann Befehl, mög 
lichst bald zur Ablieferung der ihm anvertrauten 
Gegenstände nach dem Inventar zurückzukehren. 
Statt zu gehorchen, zögerte er drei Monate, bis 
er nach Kassel zurückkehrte. Dann stellte er sich 
wirklich dem Landgrafen vor, der ihn sehr übel 
empfing und ihm befahl, das Medaillen-Kabinet 
unverzüglich den Herren Schmerfeld und Schniinke 
abzuliefern. Da er nicht mehr ausweichen konnte, 
so setzte er einen Tag mit den Herren fest und 
begann wirklich, mit ihnen einen Theil der Me 
daillen durchzugehen, aber anstatt damit fort 
zufahren, erfand er das Geheimniß, sie während 
einiger Wochen zu unterhalten; als er endlich 
fürchtete, daß seine Diebstähle entdeckt werden 
würden, bestieg er ein Pferd und begab sich auf 
hannoversches Gebiet. In Landwehrhagen miethete 
er sich einen Bauer, der ihm ein versiegeltes 
Packet zu 'seinem guten Freund Mauvillon tragen 
mußte, das dieser um 8 Uhr Abends empfing. 
Es enthielt drei Briefe, einen an den Herrn 
*) Den deutschen Titel vermag ich nicht anzugeben. 
Landgrafen, den andern an Herrn von Schließen 
und den dritten an meinen Schwager Kopp.*) 
Ein englisch geschriebener Brief an Mauvillon 
besagte, daß sein Unglück ihm über den Kopf 
gewachsen sei, er gehe, um sich in irgend einem 
Winkel der Erde zu verbergen. Mauvillon ließ 
den Brief sofort zu Kopp bringen, der beim 
Oeffnen des seinigen zu seiner größten Ueber- 
raschung ersah, daß Raspe sich selbst beschuldigte, 
Medaillen im Werth von 2000 Thalern entwendet 
und solche im Werthe von 300 Thalern auf dem 
Lombard versetzt zu haben. Die Pfandscheine 
waren im Brief eingeschlossen, und er gab gleich 
zeitig verschiedene Mittel zur Wiedererlangung 
der 2300 Thaler an. Der Brief an den Land 
grafen soll eine Art Beichte über sein Leben, 
wie er dies seit 15 Jahren geführt, enthalten; 
er sage darin, daß ihm sein Gehalt unter dem 
Ministerium des Herrn von Waitz nicht regelmäßig 
ausgezahlt worden sei, daß er keinen Kredit in 
Kassel gehabt habe und deshalb gezwungen 
gewesen sei, zu seinem Lebensunterhalte die 
Medaillen zu verpfänden; er habe Vorschläge 
gemacht, wie die Medaillen zurückzuschaffen seien, 
wozu er im Stande wäre, und behaupte, daß 
er deshalb nur gewöhnliche Medaillen, aber keine 
antiken genommen habe. (Das ist richtig, hatte 
aber seinen Grund darin, daß die antiken keinen 
gangbaren Werth haben und daß sich unter den 
gestohlenen modernen 20, 30, 40 gangbare 
Dukaten befanden.) Endlich soll er gesagt haben, 
er habe die Wahrheit des Satzes erkannt, es sei 
für einen Mann in Noth schwer, kein Spitzbube 
zu werden, wenn er Sachen unter den Händen 
hätte, die ihm aus aller Noth heraushelfen 
könnten. Du kannst Dir leicht vorstellen, wie 
schlecht alle diese Gründe ausgesonnen waren; 
der Landgraf gerieth in einen fürchterlichen Zorn, 
das Signalement wurde aufgenommen, nach allen 
Richtungen verschickt und in den Zeitungen ab 
gedruckt, wie folgt: 
„Steckbrief.**) 
Es ist der in dahiesigen Hoch Fürstlichen 
diensten gestandene Rath Rudolph Erich Raspe, 
welcher aus Hannover bürtig, mittler statur, 
mehr länglicht- als runden gesichts, kleiner 
äugen, etwas groser gebogener spitzer Nase, 
rother Haare unter einer kurtz nach dem Kopf 
gebundenen beutel peruque, rothen rock mit 
gold, schwartzen tuchenen, blau mancliestern 
und weißgrau zeugern rock abwechselnd tragend, 
mehrentheils einen hurtigen gang habend, 
*) Oberappellationsgerichtsrath Karl Philipp Kopp. 
**j Der Steckbrief ist in dem französisch geschriebenen 
Brief in deutscher Sprache wiedergegeben.
	        

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