Full text: Hessenland (6.1892)

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nein, nein, das kann ich nicht —, das war nie 
erhört, das ist groß. — Vielleicht", setzte er 
leise und zu sich selbst redend hinzu, „giebt's 
noch ein edleres Heldenthum als in der Schlacht 
die Feinde würgen." 
„Dein Herz, mein Heribert," sprach liebevoll 
der Glaubensbote, „hat Gott berührt." 
„Es muß so sein —, es muß so sein, ich weiß 
nicht, was in mir vorging —, vorgeht. Ver 
zeihe mir, ich war wie der rasende Ur, wenn er 
den rothen Mantel sieht —, wild und roh —, 
verzeihe mir." 
„Es ist Dir längst verziehen, Heribert." 
Nach einer Weile fuhr er fort: „Ich will 
Deinen Gott kennen lernen, Jüngling, zeig' ihn 
mir, ich will im Seelenkampfe mit ihn: ringen; 
besiegt er mich, will ich sein eigen sein." 
„O Heribert, welch' feierliche Stunde, in der 
der Herr Dein wildes Herz gewandt. Ja, er 
ist allgewaltig, lerne ihn kennen, und Du wirst 
ihn lieben so wie ich." 
„Komm' wieder, Angelsachse. — Gehe frei im 
Land, jetzt schützt Dich Heribert, komm' wieder." 
Er wandte sich zu seinem Roß, Hilda folgte 
ihm. Er hob sie auf ihr Pferd, und die Knechte, 
auch der so unsanft zu Boden geschleuderte, be 
stiegen die ihren. 
„Komm' wieder, Wilbod," sagte Hilda, als 
sie das Roß wandte. 
„Ich komme," sagte Wilbod, und sah den 
langsam davon Reitenden nach. 
Als ihn der Wald allein umhüllte, warf er 
sich auf die Kniee, erhob Antlitz und Hände zum 
Himmel und sagte aus tiefster Seele: „Ich danke 
Dir, Herr." Dann stand er auf und schritt mit 
glückstrahlendem Antlitz nach Süden davon. 
Donar's Tag war herangekommen, ein hoher 
Festtag des Volkes, der begangen wurde im 
Laufe des Jahres wenn die Sonne hoch stand. 
Von weit und breit war das Volk herbei 
geströmt zu Donar's heiligem Haine, welcher die 
uralte Eiche barg, die dem gewaltigen Gott 
geweiht war, aus deren Zweigen er seit vielen 
Jahrhunderten zu seinen Dienern. sprach. 
Denn allverehrt war der Gott, der, den Menschen 
und vor allem dem Ackerbauer freundlich gesinnt, 
das durstende Land mit Regen befruchtete und 
den vernichtenden Hammer gegen der Riesen 
unheimlich' Geschlecht im furchtbaren Kampf 
schwang. 
Das Feuer des Herdes war ihm heilig, das 
er einst den von den Frostriesen geplagten 
Menschen geschenkt hatte. 
Da stand sie, Donar's heilige Eiche, — vor 
ihren Blicken — sichtbar durch eine breite Oeff- 
nung in dem kleinen Hain. der sie fast wie im 
Halbkreis umgab. Zu ihren Füßen war aus 
Steinen der Altar errichtet, und ihren Wipfel 
schmückten Trophäen und Opferzeichen aller Art. 
Weithin breiteten sich ihre Äeste, der gewaltige 
Stamm war nicht von zehn Männern zu um 
fassen, wenn sie die Armen ausstreckten. Nur 
mit Scheu schritten die Menschen an dem Hain 
vorüber — und blickten mit Ehrfurcht auf den 
geweihten Baum. 
Von Nord und Süd, von Morgen und Abend 
waren heute die Sassen herbeigefahren, den Tag 
Donar's feierlich zu begehen. 
Und zahlreicher noch als in früheren Jahren 
waren die Männer herbeigekommen, denn dunkle 
Gerüchte gingen im Volke, die Fremden, welche 
fern aus dem Angellande von jenseits der wogen 
den See gekommen waren und einen neuen 
Gott verkündeten, würden den Tag benutzen, 
Donar, dem Herrn, Schmach anzuthun vor allem 
Volke. 
Daß der gewaltige Donnerer sie mit seinem 
heißen Strahle treffen würde, wenn sie die Hand 
zu erheben wagten gegen sein Heiligthum, das 
hatten die Priester selbst gesagt, und Keiner 
zweifelte. 
Begierig waren die Männer gekommen, dem 
heiligen Opfer beizuwohnen, denn in den letzten 
Jahren hatte Donar sich an einem Widder 
genügen lassen müssen, dessen Blut an seinem 
Tage am Altare floß —, doch wie in früherer 
Zeit sollte heute ein Kriegsgefangener zu seiner 
Ehre sterben, der im Frühjahr, als eine Sachsen 
schaar über die Diemel in's Land gefallen war 
und gesengt und gemordet hatte, in die Hände 
der Hessen gefallen. 
Zwar hatte der Graf in der Burg Chassala 
verboten, Menschen den Göttern zu opfern, da 
er selbst nicht an sie glaubte, doch heilig waren 
die uralten Bräuche, und er durfte dem Volke 
gegenüber, welches die Grenze gegen die wilden 
Sachsen zu wahren hatte, den Bogen nicht zu 
straff anziehen, da er sonst leicht zerspringen 
mochte. Es war ein trotziges Volk, das Volk 
der Hessen, und schwer zu bändigen, wenn sein 
Grimm aufloderte. 
All' dies wie die Redeu der Priester hatten 
mitgewirkt, daß an diesem Donarsfeste der 
Männer und Frauen mehr vor dem heiligen 
Haine lagerten als seit Jahren. 
In Gruppen vereint, saßen, lagen oder standen 
die Leute und sprachen halblaut mit einander, 
denn wenig mochte lautes oder rauhes Wort in 
der Nähe des Heiligthumes ziemen. 
Dort saß Childerich in seinem Sessel, den vier 
starke Männer hergetragen hatten, und neben 
ihm stand sein liebliches Kind und der wilde 
Recke Heribert, der ernst und schweigsam vor
	        

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