Full text: Hessenland (6.1892)

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oder wurde , falls der Delinquent sich gar nicht 
besserte, des Landes verwiesen; so erging es 
z. B. im Jahre 1643 einer Weibsperson 
in Kassel, Marx Zeisen's, eines Kleibers aus 
Fambach Ehefrau, von der es in dein betreffen 
den Protokoll heißt, daß sich nicht nur die 
Nachbarschaft, sondern ihr eigener Mann über 
ihr gotteslästerliches Fluchen entsetzte. Auf ge 
schehene Klage wurde sie bedeutet, sich hier ab 
zuschaffen, und auch ihr Gatte, der doch eigentlich 
ganz unschuldig war, mußte ihr zur Gesellschaft 
mitwandern. — 
Daß auch gegen das übermäßige Trinken sehr 
geeifert wurde, habe ich bereits gesagt. Merk 
würdiger Weise aber verzieh man dies in unseren 
Augen weit schwerere Vergehen damals leichter 
als das ebengenannte Fluchen und Schwören, wie 
z. B. die von Robert von Mohl veröffentlichten 
Protokolle des akademischen Senats der Universität 
Tübingen aus dem 16. Jahrhundert beweisen. 
So wird u. a. ein Student, der einem Manne 
die Hand abgehauen, auf Fürbitte des Hofrichters 
aus dem Carcer entlassen; ein anderer, der 
einen Kommilitonen gestochen, daß ihm die Ge 
därme bis auf die Erde gehangen, mit kurzer 
Carcerstrafe belegt. Ein Student aber, weil er 
um Mitternacht auf der Straße „gräulich Gott 
gelästert", zuerst mit Carcer belegt; darauf wird 
ihm eröffnet, daß, ob man zwar Ursache hätte, 
strengen Weg mit ihm zu verhandeln, man 
seiner Eltern und Jugend schonen und ihn nur 
sogleich aus der Stadt wegschicken wolle. Ver 
gebens, daß der Unglückliche unter Thränen um 
acht Tage Aufschub bittet. Und das Alles, weil 
er „Hunderttausend-Donner-Sakrament" und 
„das Feuer soll vom Himmel fallen" geflucht 
hatte. 
Dagegen kann die Nachwelt der Regierung 
wie der Geistlichkeit nicht dankbar genug sein 
für die Strenge, mit der beide die fleischlichen 
Vergehungen ahndeten. Der unheilvolle Krieg 
hatte gerade in dieser Hinsicht der Moral des 
Volkes die allertiefsten Wunden geschlagen. Die 
Vorstellung von der Heiligkeit der Ehe war in der 
Wurzel erschüttert, und bei der mächtigen Lebens 
lust, die regelmäßig nach furchtbaren Krisen, wie 
Kriegs- und Pestzeiten, in der zurückgebliebenen 
Menschheit zu erwachen pflegt, war es zu be 
fürchten, daß Zucht und Sittlichkeitsbegriffe für 
immer verloren gingen. 
Nur die strenge Handhabung der Kirchenbuße, 
abgesehen davon, daß auch der Staat die Kon 
travenienten bestrafte, vermochte auf dem Lande 
den physischen Trieben zu gebieten, während in 
den Städten die Mode und die Etiquette, so 
zusagen die Anstandsgesetze, vielfach an die Stelle 
der fehlenden Moral traten. 
Ehen brauchte der Staat, die furchtbar dezi- 
mirte Volkszahl zu ergänzen, weshalb zumal die 
Ehebrecherinnen die furchtbare Strafe der Ent 
hauptung mit dem Schwerte traf; indes die 
losen Weiber an den Schandpfahl, den sog. Gag, 
gestellt, dann des Landes verwiesen wurde». 
Dieselbe Strafe traf unter Umstünden auch die 
Männer, wie es z. B. dein Bettelvogt Barthel 
Zinn in Kassel erging. 
Sv arbeiteten also Regierung und Geistlichkeit 
zusammen an der Hebung der Sittlichkeit des 
Volkes. 
Sein Werk zu krönen und seinem Lande eine 
dauernde und gleichmäßige kirchliche Verfassung 
zu geben, ließ Landgraf Wilhelm VI. sodann 
die Kirchenordnung ausarbeiten, welche alle im 
Vorhergehenden angeführten Bestiinmungen 511= 
sammenfaßt und zugleich den der hessischen Kirche 
zu Grunde liegende Lehrbegriff enthält. Sie 
verfällt in die Reformations-, Presbhterial- 
oder Acltesten-, Konsistorial- und endlich die 
eigentliche Kirchenordnung und erschien sämmtlich 
im Jahre 1657. 
Ohne auf ihre immerhin interessante Ent 
stehungsgeschichte hier weiter einzugehen, will ich 
nur bemerken, daß die Kirchenordnung, die ja 
bis auf den heutigen Tag in der hessischen Kirche 
zu Recht besteht, ein unvergängliches Denkmal 
Landgraf Wilhelm's VI. ist, insofern dieser 
wahrhaft humane Fürst durch sic die unheilvolle 
Spaltung, welche in dem Bekenntnißstande des 
hessischen Volkes die beklagenswerthe Einführung 
der Verbesserungspunkte und des reformirten 
Bekenntnisses durch Landgraf Moritz hervor 
gerufen hatte, nach Kräften wieder auszugleichen 
bemüht war. Ja, das reformirte Bekenntniß 
kommt darin so wenig zum Ausdruck, daß die 
Veröffentlichung der neuen Kirchenordnung eine 
geharnischte Gegenenerklärung der damaligen 
Kasseler Geistlichkeit hervorrief, deren Widerstand 
nur durch einen Machtspruch des Landesherr» 
als summus episcopus niedergeschlagen wurde. 
Eben dem Wunsche, wenigstens. unter den 
Bewohnern seines Landes Eintracht und gegen 
seitige brüderliche Duldung in Religioyssachen 
herbeizuführen, entsprang später auch die Ein 
ladung, welche Landgraf Wilhelm VI. iin Jahre 
1661 an die Professoren der beiden Landes- 
universitüten Marburg und Rinteln ergehen ließ, 
in Kassel zu einem Religionsgesprüche zusammen 
zutreten. 
Reformirterseits erschienen die Marburger 
Professoren Hein, ein geborener Gudensberger, 
und Curtius; von Seiten der Rinteler lutherischen 
Professoren Musäus und Henichen (Henichius). 
Unter dem Vorsitze der landesherrlichen Kommissare 
Johann Kaspar von Dörnberg, Johann Heinrich
	        

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