Full text: Hessenland (6.1892)

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eines neuen Superintendenten in Alleudorf ver 
sammelten Pastöre bei der Regierung über die 
vielfache Entheiligung des Sonntages, infolge 
dessen auch im selben wie im darauffolgenden 
Jahre, ferner 1642, 1649 und endlich 1651 
scharfe Verordnungen dawider ergingen, ein 
Beweis, wie wenig sie in den Kriegsjahren 
fruchteten, bis endlich der Friede eine kräftigere 
Handhabung verstattete. 
Alles Kaufen und Verkaufen, Feldarbeit und 
Hantirung wurden untersagt, ebenso das Umher 
laufen in den Gassen und auf den Plätzen 
während der Predigt. Das Scheibenschießen, — 
denn die Schützcngesellschaften waren aus dem 
Mittelalter her noch sehr im Schwang —, die 
Kirmeßtünze, der Regierung ein Gräuel, deren 
gänzliche Abstellung an der Zähigkeit scheiterte, 
mit welcher die Bauern daran festhielten*), wurden 
auf den Mittwoch gelegt, und den Wirthen wurde 
strenge verboten, am Sonntag Gäste zu setzen 
oder Trinkgelage zu veranstalten. Damit aber 
die Leute nicht Zechens halber in die Gärten vor 
den Thoren oder auf die benachbarten Ort 
schaften liefen oder draußen ihren Geschäften 
nachgingen, hielt man in den Städten die Thore 
auch den Tag über bis nach geendigter Predigt ge 
schlossen, um sie nur um 10 Uhr zum Austreiben 
des Viehes kurze Zeit zu öffnen. Ohne besondere 
Erlaubniß sollte niemand, wer er auch sei, 
heraus noch herein. Außerdem wurden besondere 
gut beleumundete Männer verordnet, denen sich 
in den Garnisonstädten noch der Offizier der 
Wache beigesellte, und die auf Straßen und 
Plätzen, ja in den Häusern nachzusehen die Be- 
fugniß hatten, daß die Verordnungen über die 
Heilighaltung des Feiertages streng innegehalten 
wurden, nicht blos von der christlich-deutschen, 
auch von der jüdischen Bevölkerung. Denn wie 
auch heute wieder benutzten die Juden damals 
mit Vorliebe die christlichen Sonntage, um niit 
dem Landmanne an diesem Tage Händel ab 
zuschließen, und ihr Wucher war der ausgesvgenen 
Bevölkerung so unerträglich, daß 1655 die 
hessischen Stände in den Landgrafen drangen, 
ihnen den landesherrlichen Schutz aufzukündigen. 
Wilhelm VI., wie viele in dem Irrthum be 
fangen, daß die Judenfrage eine religiöse sei, 
glaubte dieses Volk durch besonders angeordnete 
Predigten zum Besseren bekehren zu können, — wie 
sich voraussehen ließ, ohne Erfolg. Die Hoffnung 
aber, ihrer auf andere Weise los zu werden, erwies 
sich als trügerisch. Denn als das Jahr 1666 heran 
kann, glaubte mau allgemein, der Weltuntergang 
stehe bevor, und zwar lediglich aus dem Grunde, 
*) Daher noch heute die Redensartin Hesse»: „Laßtden 
Hunden die Knochen und den Bauern ihre Kirmes:." 
weil in dieser Jahreszahl alle römischen Zahl 
zeichen (MDCLXV1) vereinigt waren. Deshalb 
machten sich viele Juden aus Hessen und der 
Nachbarschaft unter der Führung eines Messias 
auf den Weg, um das verhängnißvolle Jahr im 
gelobten Lande selbst zu erwarten. Als sie aber in 
die Türkei kamen und ihr vermeintlicher Messias, 
in türkische Gefangenschaft gerathen, gar zur 
muhamedanischeu Religion übertrat, da wurden 
sie irre und kehrten wieder um. 
Um auf die Feiertagsheiliguug zurückzukommen, 
so war es an vielen Orten das Vogelspiel, das 
die jungen Leute alles Andere vergessen ließ, 
an andern der sog.Kulrich, wie der Pfarrer Ran- 
selius zu Nentershausen ein leider nicht näher 
beschriebenes Spiel nennt.*) Dieser Kulrich 
wurde mit solcher Leidenschaft gespielt, daß, 
— wie der Pfarrer sagt —, „die Kinder und 
das Gesinde von ihrem schuldigen Gottesdienst 
nicht allein, sondern auch von ihrer Eltern und 
Herren Diensten abgeleitet und zum Saufen 
und anderen Ueppig- und Leichtfertigkeiten geneigt 
und daraus zu schrecklichem Fluchen, Schwören 
und mancherlei bösen Dingen vom Satan an 
getrieben werden." Er bittet deshalb seine Pa 
trone , die Herren von Baumbach, den Kulrich 
kräftig zu verbieten, was bei einer Strafe von 
zwei Gulden geschah. Seine Strenge gegen die, 
wie es scheint, damals dem Trunk sehr ergebenen 
Nentershäuser, — in deren Ort sich nach dem 
Kriege nicht weniger als fünf schwunghaft be 
triebene Brauereien befanden —, wäre aber dem 
Pfarrer fast übel bekommen; denn ein besonders 
widerhaariger Ortseinwohncr warf den ° alten 
Herrn nächtlicher Weile, da er über einen Berg 
ging, den Abhang hinunter, sodaß er lange zu 
Bett liegen mußte. 
Auf die Kenntniß des Katechismus wurde 
strenge gesehen. Bei dem Katechisiren des Sonn 
tags Nachmittags in den Kirchen, so wurde z. B. 
auf einem Konvent der Klasse Gudensberg be 
schlossen, solle der Stock gegen die pertinaces 
pertubatores unter dem jungen Gesinde steißig 
gehandhabt werden. Die Erwachsenen aber, die 
beim Abendmahl oder beim Gevatterstehen ihren 
Katechismus nicht wußten, konnten sogar einen 
oder mehrere Tage deswegen in bürgerliche Haft 
gebracht werden 
Ja sogar wer unverbesserlicher Weise schwur 
und fluchte, wanderte unter Umständen bis zu 
14 Tagen bei Wasser und Brot in den Thurm 
*) Aus den Auszeichnungen des Pfarrers Ranselius, mir 
mitgetheilt von Herrn Landgerichtsrath B üff dahier.—Das 
Spiel war wohl eine Art Kegelspiel; denn die Kugel heißt 
auch hessisch K u l l e, daher kullern — kugeln, und Kulrich 
oder Kullerich (f. G r im m's.Deutsches Wörterbuch unter 
kollern, kullern.).
	        

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