Full text: Hessenland (6.1892)

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Kirche und Schule in Sestm während und nach dem 
dreißigjährigen Griege. 
Von vr. Hugo Brunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel. 
(Schluß.) 
aß es in den nächsten Jahren nicht »besser, son- 
Us dern eher schlimmer wurde, liegt auf der 
Hand. Zwölf Jahre später rügt Neuberger in 
einem anderen Vermahnungsschreiben wiederum 
den Hang zum Trünke bei vielen Pastören, 
zuinal bei den jüngeren, angehenden, die das Zechen 
„wie sie studentenweis gewöhnet" fortsetzen, und 
er fordert die Metropolitane auf, auf solche 
„nasse Brüder" gute Achtung zu geben. Nach 
dem er sodann das mangelhafte Halten der 
öffentlichen Betstunden und die Nachlässigkeit bei 
den Bettagspredigten übel vermerkt, fährt er 
fort: „Sonderlich wird vielfältig geklagt, daß 
viel Pfarrer in der Kinderlehr (die doch so hoch 
anbefohlen ist) über alle Maßen fahrlässig sein 
und ihrer gethanen Pflicht vergessen, indem sie 
nicht allein gar selten, in den Filialen wohl 
nimmermehr, selbst Kinderlehr halten, sondern 
auch gar schlechte Sachen bringen, daß gezweifelt 
wird, ob etliche selbst den Katechismum recht 
verstehen, als die nicht daraus meditiren, sondern 
guiäguick in buoeain venit, vorbringen, auch 
nicht einmal darauf achten, ob die Jugend die 
Morgen-, Abend- und Tischgebete recht geleruet 
habe, welches sehr beklagt wird." 
. Da das beste Mittel, unter den Geistlichen 
selbst das geistliche Leben zu fördern, die Klassen- 
Konvente, welche zweimal im Jahr gehalten 
wurden, an die Hand gaben, diese aber hier und 
da in Verfall zu gerathen drohten, indem, wie 
Neuberger bemerkt „durch unruhige Köpfe unter 
schiedlich Händel erregt worden und einer oder 
der andere vBÖcpviog tviplofreig (verblendeter Neu 
ling) sich zuviel wollen merken lassen, wozu denn 
auch Trunkenheit kommen und das Aegerniß 
vermehrt worden" —, so sieht er sich veranlaßt, 
besondere leges conventuales (Konventsgesetze) 
zu erlassen, in denen zumal die 0sn8nra"inorum, 
die Kritik des sittlichen Verhaltens, scharf zu 
handhaben, den Brüdern auf's neue an's Herz 
gelegt wird. 
Ich muß gestehen, daß ich aus den mir zu 
Gebote gestandenen Protokollen betreffend die 
Oensura worum nichts Ungünstiges habe ersehen 
können. Manches ist für die damalige Sitten 
geschichte interessant, wie zum Beispiel, wenn der 
Pfarrer von Wehren, weil er mit dem Gudensberger 
Gastwirthe ein kleines Wettrennen zu Pferde 
veranstaltet, um einen Reichsthaler gestraft wird; 
dem Pfarrer von Kirchberg wird vorgeworfen, 
er trage dem Junker ans der Jagd die Hasen 
nach und schaffe die langen Hosen nicht ab; der 
zu Merxhausen droht, weil er in dem Wirths 
haus«: gar nicht oder mit schalem Bier bedacht 
wird, während etliche fremde, abseits sitzende 
Schuster es sich bei Trank und Speise wohl" sein 
lassen, dies zum Gegenstand einer Klage von 
der Kanzel herab zu machen, u. dgl. in. 
Dagegen wird fleißig darauf gesehen, daß die 
Betstunden richtig gehalten werden, auch einer 
oder der andere wird vermahnt, gegen seine 
widerspenstigen und dickhäutigen Pfarrkinder 
nicht mit allzu großer Lindigkeit zu verfahren; 
und letzteres zumal war nöthig, wenn das Volk 
wieder zu Zucht und Sitte zurückgeführt werden 
sollte. 
Vor Allem galt es, die Leute wieder au die 
Heilighaltnng der Feiertage zu gewöhnen. Denn 
wo der Sonntag seine Heiligkeit verloren hat, 
da wird die Zuchtlosigkeit der Massen als 
bald immer weiter um sich greifen. Und. in 
dieser Beziehung war es damals weit genug 
gekommen. Es war ganz gewöhnlich, daß 
die Leute am Sonntage ihre Geschäfte oder 
ihre Feldarbeit besorgten, Vieh- und andere 
Händel abschlössen, unter der Predigt, statt in 
die Kirche zu gehen, auf dem Kirchhofe allerlei 
Possen trieben oder in den Wirthshäusern saßen, 
tranken und spielten, daß die Kirmessen und 
Jahrmärkte auf die Sonntage gelegt wurden 
und dergleichen mehr. 
Bereits 1638 beklagten sich die zur Wahl
	        

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