Full text: Hessenland (6.1892)

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ruhig, und das erbitterte den Priester noch mehr. 
^ „Du schmähst der Äsen hehr' Geschlecht? 
Sind keine Männer hier, die solchen Schimpf 
rächen ?" 
Heftiger wurden die drohenden Laute bei der 
hetzenden Rede des Priesters, und hie und da 
griff eine Hand zur Waffe. Wilbvd aber stand 
hvchaufgerichtet, furchtlos da. 
„Auch Dein Morst Verblendeter, schreckt mich 
nicht, der Du das Volk täuschest und um sein 
ewiges Heil betrügst —, Teufelsfratzen sind Deine 
hehren Götter." 
Einen wilden Ruf stieß der Priester aus. 
„Du lügnerischer Hund!" schrie Heribert, 
und sein Schwert stog glänzend aus der Scheide 
in die Luft. 
Doch ehe es aus des wehrlos, aber ruhig vor 
ihm stehenden Angelsachsen Haupt niederfallen 
konnte, warf sich, bleich vor Entsetzen, Hilda 
vor Wilbod und streckte die Arme schützend in 
die Höhe. 
Heribert ergriff sie am Handgelenke und 
schleuderte sie zur Seite. 
„Tödtet ihn!" rief der Priester mit gellendem 
Ton, und Waffen blitzten ringsum in der Luft. 
„Halt!" donnerte eine mächtige Stimme da 
zwischen, die schon oft den wildesten Drang der 
Münnerschlacht übertönt hatte, und die sie Alle 
kannten. 
Bewegungslos standeck die, welche Wilbvd 
tödten wollten, und die Schwerter schienen in 
der Luft gehemmt. 
„Wer ein Haar seines Hauptes verletzt," 
dröhnte die zornige Stimme durch den weiten 
Raum, „dem fliegt meine Axt in den Schädel, 
so wahr ich hoffe, einst bei meinen Vätern zu 
ruhen." 
Alle schwiegen und sahen sich scheu nach Chil- 
derich um, der die furchtbare Streitaxt von der 
Wand gerissen hatte und sie hoch zum Wurf 
gehoben bereit hielt. 
Alle wußten, cs war sicherer Tod, wenn die 
Axt aus dieser Hand entflog, denn Niemand im 
Hessenland schwang sie kräftiger und sicherer als 
der Greis im Lehnstuhl. 
„Seid Ihr Männer?" fuhr der Alte fort. 
„Hebt Ihr gegen den Wehrlosen die Waffe —, 
gegen den, der an meinen Herde sitzt?" 
Heftig entgegnete Heribert: „Er beschimpft 
Deinen Herd, wenn er die Ewigen lästert, 
und fordert den Todesstreich heraus. Dürfen 
wir Männer hören, wie er unsere Götter lästert?" 
„Knabe!" donnerte Childerich's Stimme, „soll 
ich Dich Vätersitte lehren? Ist der Herd nicht 
heilig? Ist Gastfreundschaft ein leeres Wort? 
Willst Du zuerst die Axt im Schädel haben?" 
Der reckenhafte Heribert zitterte vor Wuth 
bei der Zurechtweisung, aber er wagte nicht, dem 
alten Helden zu trotzen. Alle hatten bereits die 
Waffen gesenkt, und bleich und bebend stand 
Hilda neben des Vaters Sitz, den bittenden Blick 
auf Heribert gerichtet. Auch der Priester schwieg 
in tiefem Ingrimm, aber auch er wagte nicht, 
Childerich entgegenzutreten. 
Ruhig wie bisher, bewegungslos in dem Ge 
tümmel stand auch jetzt noch Wilbod. 
Als Ruhe eingetreten war, schritt er auf den 
Greis zu und sagte: „Dir danke ich, Childerich, 
daß Du der Väter Sitte und des Herdes heilig' 
Gastrecht ehrst. Doch fern sei es von mir, 
Streit hier zu entzünden. — So laß mich scheiden, 
Herr, im Frieden. Was ich gesagt —, es mußte 
hier erklingen —, des Heiles Botschaft ist's —, 
tief mag sie Euch zu Herzen dringen." 
Er neigte sich vor dein Greise und schritt er 
hobenen Hauptes, zwischen den Männern hin 
durch, zur Halle hinaus. 
Viele sahen ihm theilnahmsvollund bewundernd 
und nur Wenige zornig nach. 
„'s ist Heldenblut itn Jungen," sagte der 
Alte, „er stand so ruhig dort vor den Schwertern 
wie einst Armin vor Roms Kohorten. Er 
ziehe in Frieden. Bekehren wird sein Klage 
lied hier Niemanden —, sei ruhig, Priester, unsere 
Heldenschaft ist anderer Art. Die Hörner, die 
Becher gefüllt, Gesellen, — und ein lustig' Lied 
stimmt an, wie sich's ziemt in Childerich's 
gastfreier Halle. Fröhlich, Männer —, fröhlich 
seid." 
Alsbald hub Rodwalt eiu wohlbekanntes 
Kriegslied an, und die Anderen fielen dröhnend 
ein: 
„Schwertcsschwang, 
Schildesklang, 
Scharfer Speere zischend' Sausen 
Und des Kampfrufs wild' Erbrausen —, 
Das ist's, was das Herz erfreut 
Und das Leben uns erneut." 
„Hei, ho!" klang es, „Trink Heil! Gut Heil!" 
und die fröhliche Stimmung war wieder her 
gestellt. Hilda hatte sich leise aus der Halle 
durch eine kleine Seitenthür entfernt. Sie durch 
eilte rasch die weiteu Räume des Hauses uud 
trat in den Hof. Kein Mensch begegnete ihr, 
denn alle Diener standen, seit Rodwalt ein 
gekehrt war, am Eingang der Halle. Nur 
einer, das wußte sie, weilte in den Ställen; er 
war ein Höriger Heribert's, der sich den Zorn 
des Gebieters zugezogen, weil er ein Roß hatte 
entweichen lassen. 
Aber das Roß war von selbst in den Hof 
Childerich's gelaufen, wohin es den Herrn oft 
trug und dann von den zarten Händen Hilda's 
, ....
	        

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