Full text: Hessenland (6.1892)

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Hansen begründete ein literarisches Kränzchen, 
dessen Mitglieder jeden Sonntag Abend bei ihr 
zusammenkamen. Wir nennen von diesem kleinen 
Klub außer Annette von Droste-Hülshoff nur 
die Tante der jungen Hausfrau, Henriette 
von Hohenhausen, die damals vielgelesene Schrift 
stellerin Luise von Bvrnstedt und den Dichter 
Levin Schücking. Trotz des großen Alters 
unterschiedes schloß sich Deutschlands größte 
Dichterin immer fester an die junge Frau an. 
Nach kurzem Verkehr stand diese bereits der 
sonst nicht sehr zugänglichen Annette von Droste- 
Hülshvff wie eine Schwester nahe. Keiner ihrer 
jüngeren Freundinnen hat die Dichterin so viel 
Zärtlichkeit und lebhafte Zuneigung zugewendet 
als der jungen Frau Rüdiger von Hohenhausen, 
die freilich auch für alle Aeußerungen eines so 
bedeutenden Geistes wie Annette vollstes Ver 
ständniß besaß. Eines der schönsten Gedichte, 
die Annette geschrieben hat, ist ein poetischer 
Geburtstagsgruß an die junge Freundin. Was 
die Dichterin im Januar 1840 über Elise schreibt, 
schildert deren Wesen so treffend, daß wir hier 
die Briefstelle folgen lassen. „Elise wird mir 
täglich werther. Mir thut es so wohl, zu fühlen, 
wie dieses junge reine Gemüth sich an mich 
schließt, und mit Gottes Hülfe soll sie es nie 
bereuen. Was ich durch mein Alter an Er 
fahrung und Einsicht voraus habe, soll ihr, so 
hoffe ich, immer zu Nutzen kommen; denn sie 
ist gänzlich ohne Eigensinn oder Eigenliebe und 
den Eindrücken der Wahrheit überaus offen. . .. 
Ihr Herz ist keine Freimaurerloge, kein heimlich 
siedender Vulkan, sondern eine stille lebendige 
Herdflamme, die ihre Wärme gerne denen zu 
kommen läßt, die ihr nahe stehen." Wer jemals 
Elise von Hohenhausen kennen lernte, der wird 
den Eindruck empfangen haben, einer reinen 
und tiefen Natur gegenüber zu stehen. Es ist 
nichts Hastendes, nichts Sprunghaftes in ihrem 
Wesen, eine ruhige Heiterkeit beherrscht dasselbe 
und verleiht ihm etwas Abgetöntes und Har 
monisches. Daß die Dichterin auch feurig und 
mit Begeisterung zu fühlen vermag, bekunden 
viele tiefempfundene Stellen ihrer Schriften, 
beweist im Umgang auch ihre lebhafte Theil 
nahme, wenn auf etwas die Sprache kommt, 
was sie anregt, ihre Zustimmung erhält oder 
ihren Widerspruch herausfordert. 
Im Sommer 1885 sahen wir die Dichterin zum 
letztenMale. Obwohl sie damals schon im 74. Lebens 
jahre stand, war sie noch voll von geistigen Interessen 
und von einer Rührigkeit, der man in der That 
Bewunderung zollen mußte. Jeder Morgen 
fand sie an ihrem Schreibtische; sie hatte »och 
Kraft und Muße, eine Menge von Zeitschriften 
zu lesen und beobachtete mit wachsamen Auge 
jeden Wandel im geistigen Leben unseres Volkes. 
Selten ist uns eine Persönlichkeit begegnet, die 
durch ihre Unterhaltung so zu fesseln weiß wie 
Frau von Hohenhausen. Man mag berühren, 
was man will, immer versteht sie sich geistvoll 
darüber auszulassen. Es ist, als thäte sich ein 
Schatzkästlein vor uns auf. Und wenn erst auf 
hervorragende Personen die Rede kommt, die in 
den Lebenskreis der Greisin traten, dann weiß 
sie deren Wesen so lebhaft zu charakterisiren, 
daß sie wie lebendig vor unserem geistigen Auge 
erstehen. 
War Annette von Droste-Hülshoff der Stern, 
der über dem Leben der jungen Frau mit milder 
Klarheit aufging, so wird deren Lebensabend 
durch ihre Beziehungen zu dem Prinzen Georg 
von Preußen verklärt. Schon seit Jahren widmet 
der dichterisch hoch veranlagte Sproß unseres 
Königshauses der alten Dame seine wärmste Ver 
ehrung. Goethe's Wort „Ein edler Mensch zieht edle 
Menschen an und weiß sie festzuhalten" hat bei Frau 
vou Hohenhausen oft seine Bestätigung gefunden. 
Wenn es auch nur natürlich ist, daß in einem 
Alter von achtzig Jahren die Theilnahme für 
andere Menschen nicht mehr so warm ist wie 
in der Jugend, so glauben wir doch nicht, das 
herzliche Wohlwollen, das Frau von Hohenhausen 
stets den Menschen, besonders aber gleichstreben 
den Genossinnen entgegenbrachte, habe im Laufe 
der Zeit etwas von seinem früheren Umfange 
eingebüßt. Sv weit wir beurtheilen können, ist 
die Dichterin auch nach dieser Seite ihres Wesens 
hin sich vollständig treu geblieben. 
Es ist etwas Großes um ein in ernster 
Geistesarbeit verbrachtes, idealen Zielen zu 
gewandtes Frauenleben. Wie wenige Schrift 
stellerinnen vermögen es, über alle Klippen und 
Riffe auf langer Fahrt glücklich hinwegzusteuern 
und den kommenden Tag immer mit neuem 
Muth und frischer Kraft zu begrüßen. Ganz 
abgesehen davon, daß es den Wenigsten vergönnt 
ist, ein so hohes Alter zu erreichen, werden 
viele geistig thätige Frauen doch schon auf 
halbem Wege flügellahm, verlieren andere ini 
Kampf mit den Widerwärtigkeiten und Schatten 
seiten jeder geistigen Existenz die Schaffensfreude 
und unermüdliche Ausdauer. Unsere achtzig 
jährige Veteranin, die stets treu zur Fahne ge 
standen hat, kann uns Jüngere lehren. aus 
zuharren und im Sonnenschein und Regen beherzt 
die Straße bis zum Ziele weiterzuziehen. 
Möchte dieser Geburtstagsgruß aus dem Land, 
wo einst ihre Wiege stand, unsere ehrwürdige 
Seniorin in heiterer Stimmung erreichen, möchte 
körperliche und geistige Frische ihr die Fähigkeit 
verleihen, die Festesfreude im Kreise ihrer 
Familie und Verehrer voll zu genießen! Der
	        

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