Full text: Hessenland (6.1892)

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fürstlichen Hofe entweichen und kam nach mancher 
lei Kreuz- und Querfahrten nach Berlin. Hier 
lernte ihn der Herzog Johann Albrecht von 
Mecklenburg als vorzüglichen Kanzelredncr kennen 
und berief ihn 1623 nach Güstrow. Doch auch 
den Herzog traf die kaiserliche Acht; er verlor 
an Wallenstein alle seine Lande, und Neuberger 
kehrte in dürftiger Lage 1628 nach Berlin zurück. 
Aber noch nn selben Jahre berief ihn Landgraf 
Wilhelm V. von Hessen, der Schwager des ver 
triebenen Herzogs und wohl auf dessen Em 
pfehlung hin. als Hofprediger nach Kassel, 
und 1634 wurde er Superintendent. Er 
hat nun in Hessen in der fruchtbringendsten 
Weise gewirkt. Vilmar (Chronik, S. 79) be 
zeichnet ihn als den bedeutendsten unter allen 
Superintendenten, welche Hessen-Kassel gehabt 
hat. Durch zahlreiche, in ächt volksthümlichem 
Geiste geschriebene Werke, wie durch sein Gebet 
buch und seinen Glaubensspiegel, hat er damals 
auf weite Kreise gewirkt. Besonders aber war 
er der Mann, den die Geistlichkeit brauchte, um 
ihr als Führer zu dienen in der Erziehung des 
Volkes. Er starb den 9. Januar 1656. Das 
Gudensberger Klassenprotvkoll trägt zu seinem 
Tode den Vermerk: Oekunetus est vita vir 
admodum reverendus dominus Theophilus 
Neubergerus, theologus gravissimus . . . ., 
euergeta noster desideratissimus: r. i. p. 
Von Neuberger besitzen wir unter anderem auch 
eine Reihe von Aufzeichnungen der wichtigsten 
Begebenheiten aus den Jahren 1635 — 1650, 
aus denen wir ersehen, wie er selbst unermüdlich, 
sobald es irgend angängig war, darauf bedacht 
war, im Lande seine oft beschwerlichen Visitativns- 
reisen zu machen. Daneben haben wir eine 
Reihe (noch ungedruckter) Ausschreiben von seiner 
Hand an die Pastöre seiner Diözese, die für die 
Kenntniß der damaligen Verhältnisse von nicht 
geringem Interesse sind. 
Das erste mir vorliegende ist ans dem Jahre 
1643. Nachdem er die Brüder an die Worte: 
„Ihr seid das Salz der Erde" erinnert hat, 
fährt er fort: „Diese nutzige Vermahnung, 
anderer sehr viel itzo zu geschweigen, habe ich 
darum anfangs kürzlich vorlegen wollen, weil 
mir darzu Ursach geben und mein Herz und 
Gewissen mich antreiben, die vielfältige, leidige 
und betrübte Fäll und Exempel, so nicht allein 
bishero unterschiedlich, sondern eben itzo bei 
diesen doch kümmerlichen Zeiten überhäuft an 
den Pfarrern zu großem Despect des Ministern 
gefunden werden. Denn itzo in beiden Kreisen 
(Kassel und Eschwege) acht Pfarrer sein, so wegen 
Hurerei und Ehebruchs, auch anderer Excessen, 
als Schlägereien, Zankhändel, Uebellebens mit 
ihren Ehegatten, Saufens, Tanzens und schäd 
licher, unziemlicher Narrenspossen halber in 
großen Labyrinth gerathen, deren sieben allbereits 
der weltlichen Obrigkeit auf der Kanzlei kund 
worden, des achten grobe, unzüchtige Händel 
werden vielleicht auch bald vor die Schmidde 
gelangen. Wie gänzlich und schmerzlich wehe 
mir solches thut, und was es mir für Gram 
mache, kann ich mit Worten nicht beschreiben; 
es ist Gott bekannt. 
Gleichwie ich mich nun noch dessen freue und 
tröste, daß dennoch, Gottlob! nicht alle Pfarrer 
so böse, sondern noch viel sein, die Gott für 
Augen haben und christlich leben, . . . also habe 
nicht nur ich, sondern auch ander unsere Mit 
brüder für hochnöthig erachtet, nur eine allge 
meine Erinnerung an alle Pastores zu thun, 
damit die, so sich bishero wohl gehalten, ge- 
stärket; die aber, so ihren geistlichen Stand 
wenig beobachten, gewarnet werden, daß das 
Aergerniß durch sie nicht gehäufet und das 
Ministerium in mehreren Spott und Verachtung 
gesetzet werde." 
Nach einer Reihe von Vermahnungen heißt 
es dann weiter: „Hütet Euch doch um Gottes 
und Euer selbst willen vor dem Laster des 
Saufens, daraus ein unordentlich Leben er 
folget, wie die Erfahrung genugsam beweiset, 
und ist zu beklagen, daß etliche Geistliche dem 
Trunk so sehr nachgehen, nicht allein es für 
keine Sünd achten, sondern sich auch wohl rühmen, 
daß sie hier oder da einen guten Rausch erlangt, 
o ein verflucht Lob von Geistlichen! Ob es einem 
wider seine Gedanken begegnete, daß er etwas 
zu viel zu sich genommen, soll man's doch nicht 
rühmen, sondern bereuen und sich auf's möglichste 
hüten, sonderlich auch die Krüge und Wirthshäuser, 
es sei denn auf Reisen, wie auch die Bauern 
gelage, allda bald alle Autorität verscherzet 
wird, meiden. Auch ist ärgerlich, wenn ein 
Geistlicher um Trinkens oder Zecherei willen sein 
Amt oder Gottesdienst versäumet oder wohl 
gar unterläßt. Ärgerlich ist es, wenn Pfarrer 
öffentlich mit Soldaten oder anderen Burschen 
Tabak trinken und sich dem Volke prostituiren. 
In Ehrensachen und anderen geistlichen Gast 
geboten auf Bitte sich einzustellen, ist nicht ver 
boten, aber es muß kein Pfarrer ihm einbilden, 
daß ihm gebühre die Gäste lustig zu machen, 
Narrenteidung, grobe Scherze und Stökereien, 
zumal mit Weibspersonen, zu treiben .... 
ES giebt groß Aergerniß, daß manche so trinken, 
daß sie taumeln oder wohl gar, wie man 
Exempel hat, ans der Gassen darnieder fallen, 
den Mantel, und was sie etwa darunter tragen, 
fallen lassen und von anderen wieder aufgerichtet 
werden müssen, o des gräulichen Aergernus! 
Und nachdem ich wahrgenommen, daß etliche
	        

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