Full text: Hessenland (6.1892)

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Allein 1647 wurde das Dorf sammt der Kirche 
auf's neue von den Schweden niedergebrannt; 
da setzte man auf die Kirchenmauern ein Dach 
werk, damit man wenigstens im Trockenen Gottes 
Wort anhören mochte. 
Anderer Orten ging dies freilich nicht einmal. 
Der Pfarrer Ludolph von Reichensachscn be 
richtet zum Jahre 1640, daß zur Zeit, als die 
Kaiserlichen und Schweden sich bei Fritzlar 
und Wildungen gegenüberlagen und ihre 
Streifparteien weit hinaus in's Land aus 
schickten, sich „der eine hier, der andere dort auf 
den Bergen, in Hecke» und Wildnissen gegen 
den Winter sein Hüttlcin gemacht und mit Weib 
und Kindern Tag und Nacht sich daselbst auf 
halten müssen: da haben wir gewohnt, gekocht, 
gepredigt, Betstunde, auch oftmals Taufe ver 
richtet u. s. w. Wir sind lange Zeit nicht bei 
einander, sondern sehr zerstreut gewesen". Die 
von ihm später aufgezeichneten Erlebnisse und 
Begebenheiten schrieb er während mehrerer Jahre 
theils auf Zettel, theils mit Röthelstein in den 
Wildnissen an Bäume und Felsen. 
Aber immer versucht cs der wackere Mann 
wieder, seine Gemeindeglieder zusammenzu 
bringen. Die Kirche ist ihm der Mittelpunkt; 
so oft es geht, eilt er mitten unter Feinden 
dorthin, um den Gottesdienst zu verrichten. Jin 
folgenden Jahre, als die Dorfleute wieder von 
Pfingsten bis Weihnachten flüchtig in den Wäl 
dern waren, verabredet er, daß Sonntags statt 
des Läutens ein dreimaliges Anschlagen an die 
Glocke das Zeichen sein solle, zum Gottesdienste 
und zur Predigt zu kommen. Und da die 
kaiserlichen Mordbanden, welche vom Eichsfelde 
her ihnen aufpaßten, dieses Zeichen nicht ver 
standen, vielmehr meinten, es sei ein Warnungs 
signal, ihnen auszuweichen, so hielt Ludolph ein 
halbes Jahr lang bis nach Martini mitten unter 
den feindlichen Schaaren den Gottesdienst ab. 
Doch wurden viele seiner Gemeindeglieder der 
beständigen Furcht und Sorge bei Tag und bei 
Nacht so müde, daß sie nach der Pfalz, nach 
Bremen, Holstein und da herum auswanderten 
und er sich im Jahre 1642 nur noch mit etwa 
26 Mann und 10 Wittfrauen im Dorfe allein 
befand. Er versichert, daß mehr als ein Jahr 
hingegangen sei, ohne daß er auch nur einen 
Bissen Fleisch gesehen habe, und doch versah er 
zum Beispiel 1640 außer der eigenen auch noch 
die sämmtlichen Nachbarkirche», deren Prediger 
an der Pest. erkrankt waren. 
Aehnlich berichtet der Pfarrer Balthasar 
Pistorius zu Gemünden an der Wohra im'Jahre 
1642 an den Superintendenten in Marburg: 
„Der Schulmeister hat vor wenigen Tagen mit 
weinenden Augen angehalten, daß ihm zur Er- 
kaufung Brotes nur ein Gulden möchte gegeben 
werden, hat ihn aber nicht bekommen können... 
Was vor Armuth und Mangel ich mit meinen 
Kindern leiden muß, wäre mir leid, daß es 
jedermann wisse» sollte. Dennoch kann ich vom 
Kirchenkastcn nicht so viel haben, daß ich einen 
Laib Brot bezahlen könnte." Pistorius bittet 
sodann, auf Mittel bedacht zu sein, wie er künftig 
sein Leben erhalte, wenn er länger bei seinen 
Pfarrkiudern bleiben solle. 
Die Beispiele ließen sich unendlich vermehren, 
wollte man zumal alle die alten Kirchenbücher 
nach Aufzeichnungen aus jenen Zeiten durch 
forsche».*) Vieler, ja der meisten Namen und 
Wirke» wird allerdings unwiederbringlich ver 
loren sein, und doch verdienten diese wackeren 
Streiter, die festen Muthes an die Erhaltung 
des Deutschthums Gut und Blut setzten, eher in 
die Tafel» der Geschichte eingezeichnet zu werden 
, als jene blutigen Heerführer des dreißigjährigen 
! Krieges, die nur an seiner Zerstörung arbeiteten. 
Um so bewunderungswürdiger müssen uns jene 
zähen Seelsorger erscheinen, als sie nicht bloß 
mit steter äußerer Gefahr bedroht waren, sondern 
häufig unter der Verwilderung in der eigenen Ge 
meinde schwer zu leiden hatten. Je größer das Elend 
war, desto mehr Grund hatten sie zu zürnen 
und zu strafen, und Diebstahl und frecher Muth 
wille wurden am liebsten gegen solche geübt, vor 
deren strafendem Worte mau sich früher am 
meisten gescheut hatte. 
Natürlich konnte es in den langen Kriegszeiten 
nicht ausbleiben, daß der Krieg auch auf einen 
Theil der Geistlichen seine entsittlichende Wirkung 
ausübte, zumal auf die jüngere Generation, die 
ihre oft ungenügende Ausbildung in den Zeiten 
der Unordnung und der auf den Hochschulen 
herrschenden Zügellosigkeit erhalten hatte. Die 
Klagen wider sie beginnen nach der Zeit der 
furchtbarsten Drangsale, nämlich mit dem Jahre 
1643. Da ist es hinwiederum ein Mann, der 
sich durch Pflichteifer und Treue im Anite ein 
unvergängliches Verdienst um die hessische Geistlich 
keit ^selbst in jenen dunkelen Zeiten erworben hat, 
derL-uperintendent Theophilus Neuberger 
in Kassel. 
Neuberger war ein geborener Pfälzer, aus Alzey, 
und hatte das seltsame Geschick, der Reihe nach 
drei geächteten Reichsfürsteu zu dienen. Zuerst 
Hofprediger in Heidelberg, mußte er nach der 
Besitznahme durch die Spanier mit dem kur- 
*) Es wäre dies eine schöne Ausgabe für die Herren 
Pfarrer auf dem Lande. Der Verein für liessische Ge 
schichte würde das Material gern nach und nach veröffent 
lichen; auch die bloße Mittheilung daß solche Aufzeich 
nungen vorhanden seien, würde dankbar entgegen genommen 
werden.
	        

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