Full text: Hessenland (6.1892)

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Wo ist Rettung? Wo ist Hülfe, 
Um des Halbmonds Macht zu brechen? — 
Herr, der Du am Kreuz geblutet, 
Sende Muth dem Christenheere! — 
Da — am Gipfel des Verzweifelus, 
Als der Schlachtruf Allah, Allah 
Schon erklingt wie Siegesräuschen: 
Zieh'n heran jetzt neue Schaaren. 
Grüßt, ihr Wogen des Aegeus, 
Grüßt das Flattern ihrer Fahnen 
Mit dem krongezierten Löwen 
Und dem Schwert in seinen Pranken! 
Grüß', Euböa, diese Schaaren, 
Hessens kampfgewohnte Helden, 
Ha, wie ihre Löwenfahnen 
Stolz voran den Reihe» wehen! 
„Jesus, unser Feld- und Schirmherr", — 
Rauscht's zum Takt der Trommelschläge; 
Vorwärts geht's wie Sturmeswettern, 
Wie die Flammen wilder Brände. 
Ueber tausend Türkenleichen 
Stürmen fort sie todesmuthig, 
Bis am Marabut nur Trümmer 
Starren aus dem Dampf des Blutes. — — 
Negroponte ist genommen, 
Und der Halbmond liegt im Staube, 
Und des Kreuzes Glanz entsendet 
Siegesgruß dem Wellenschaume. 
Friedlich taucht der Aether wieder 
In das Meer, das ewig schöne, 
Während Frühroths-Rosenküsse 
Schweben um Euböas Höhen. 
tzark I>rcfer. 
Eine Sage vom Uiedenstein. 
Dort auf dem Niedensteine 
Geht um ein Rittersmann, 
Der schon seit vielen Jahren 
Nicht Ruhe finden kann. 
Die Lieb' zur alten Heimath, 
Sie ist in ihm so groß, 
Daß es ihn nimmer leidet 
In fremder Lande Schovß. — 
Und um die alten Mauern 
Irrt er in stummem Schmerz, 
Und längst vergang'ne Tage 
Bewegen ihm das Herz. 
Oft sitzt er zwischen Trümmern 
Auf einem alten Stein, 
Und seiner Väter Geister 
Lädt er zum Zwiespruch ein. 
Ein wundersames Flüstern 
Hebt dann im Burghof an, 
Und manche alte Märe 
Man da vernehmen kann. 
Es zittert durch die Lüfte 
Wie Hifthorn, Schwerterklang. 
Und von der Felsenklippe — 
Tönt's nicht wie Minnesang? — 
Das ist die alte Sage 
Vom hohen Niedenstein. 
Von seinem stolzen Gipfel 
Sieht man in's Land hinein, 
Und seine Felsenstirnc, 
Ja, die vergißt man nie, 
Dort blüht die blaue Blume, 
Da thront die Poesie. 
Der Wald mit seinem Rauschen 
Umfängt ihn wie ein Kranz, 
Es strahlt das Haupt des Berges 
In goldnem Sonnenglanz! — 
Mein Herz ist ihm zu eigen. 
Dort ließ ich es zurück, 
Die liebe alte Heimath. 
Sie ist mein ganzes Glück! — 
Schließ' ich dereinst die Augen 
Und geh' zur ew'gen Ruh', 
Dann zieht mein letztes Grüßen 
Dem Niedensteine zu! — 
Gotha. Hrnst Wolfgang Heß von Wichdorff. 
Die vorletzte Nuiiimcr des „Deutschen Dichter- 
heims- enthält unter dem Titel „Die Dichtung und 
das Volk" eine geistreiche Arbeit von Hugo Rhein 
länder, in welcher von den modernen Dichtern in 
erster Linie unser hochgeschätzter Landsmann Carl 
Preser als einer derjenigen aufgeführt wird, dessen 
„sinnige Gedichte- in das Herz des Volkes eindringen 
würden, weil er verstehe, „im Volkston zu schreiben". 
Von dem Altmeister Ludwig Liebe sind nicht 
weniger als bereits 25 Prcscr'sche Gedichte komponirl 
worden, theils für Chöre, theils als Sololiedcr. Bei 
dieser Gelegenheit wollen wir nicht unterlassen, unsere 
Leser darauf aufmerksam zu machen, daß Carl Preser 
eben ein neues Werk vollendete, welches unter dem 
Titel „Heimathliche Bilder und Gestalten" 
nächstens erscheinen wird. Das Gedicht „Negro 
ponte", das wir heute bringen, ist dieser Sammlung 
hessischer Balladen und Romanzen entnommen und 
wurde zuerst in der letzten Nummer des „Dichter- 
heims" veröffentlicht. 
Aus Heimath und Fremde.
	        

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