Full text: Hessenland (6.1892)

srau, die glänzenden Augen der Hörigen, welche 
im Eingang der Halle standen, er wußte jetzt, 
daß in dem Jüngling eine Seele lebte, welche 
Kraft genug besaß, dem Tode furchtlos in's 
Auge zu schauen, und fühlte sich besiegt. 
Noch einersah finster drein. Das war Heribert, 
der zornig gewahrte, mit welcher Innigkeit seiner 
Trauten Blicke an dem Jüngling hingen, während 
dieser sprach, und zorniger, daß ihr tief ergriffenes 
Herz in Thränen sich Luft machte. 
Da brach der Sänger das Schweigen, der 
bewundernd Wilbod's Lied gelauscht hatte, und 
sagte freundlich ernst: 
„Tein Lied ist nicht mein Sang. Jüngling, 
aber es ist schön, das Lied vom großen Dulder. 
Dein Gott ist nicht mein Gott, aber es liegt etwas 
Hohes in dem Gedanken, daß der Gott für die 
Menschen leidet. Nicht ganz kann ich's begreifen, 
aber es ist groß gedacht." 
Wilbod streckte ihm freundlich lächelnd die 
Hand entgegen und sagte: „Dein edles Sänger 
herz fühlt die Größe des Opfers, das der 
Gottessohn für uns gebracht." 
Liebevoll wandte er sich dann zu der weinen 
den Hilda: „Dein Herz, o Jungfrau, hat Gott 
gerührt, ein Strahl der ewigen Liebe siel in 
seinen Schrein, er wird es erleuchten und Dich 
zum ewigen Heile führen." 
„Was weinst Du?" fiel Heribert rauh ei». 
„Ich weine um den sanften Gottessohn, der 
Alle liebte und für Alle starb. Er gleicht dem 
Baldur, dem strahlenden Lichtgott." 
Uegroponte. 
Sonnengold'ne Schleier liegen, 
Wie der Hauch des Meer's, des schönen, 
Wie des Frühroths Rosenküsse, 
Auf den Höhen von Euböa. 
Und um's Marmorhaupt des Ocha, 
Leuchtend wie die Gletscherhöhen, 
Weh'n vom Grabe des Aegeus 
Wellenkühle Aetherströme. 
Wolken, langgestreckte Dämpfe, 
Schrecken bergend tief im Schooße, 
Lagern über Rebenhügeln, 
Lagern über Negroponte. 
Und die Blitze, die hier zucken, 
Unter Dröhnen, donnerstarkem, 
Zeigen, wie sie mächtig schwellen, 
Diese weißen Riesenschlangen. 
„Ein Weibergott!" sagte der reckenhafte Mann 
ingrimmig. 
„Du mußt mir mehr von ihm sagen, Wil 
bod," fuhr Hilda, die Thräne» trocknend, fort. 
„Dazu bin ich gesandt, Jungfrau, ich will 
Dir gerne Kunde geben von ihm und dem, was 
er gelehrt." 
„Das wirst Du nicht!" rief Heribert wild, 
„Wir haben des Weibergeschwätzes jetzt genug! 
Scher' Dich gen Süden zu den Franken, wir 
brauchen Deine Kindermärchen nicht." 
Kein Beifallsruf ertönte der Rede, die Män 
ner saßen still. 
Sanft entgegnete Wilbod: „Du wirst die 
Wahrheit nicht zuin Schweigen bringen, Heri 
bert, noch auch meinen Mund mit rauhem Wort. 
Ich bin, das Heil zu lehren, ausgesandt und 
werde des Herren Wort verkünden, so lange noch 
Odem in mir ist." 
„Nun, Dein Odem könnte leicht verwehen, 
Mann. wenn dieser Helmspalter hier Dich trifft", 
schrie jener und schüttelte sein breites Schwert 
gegen ihn. 
Bis zu seiner ganzen Höhe erhob sich Wil 
bod bei dem zornigen Wort: „Glaubst Du, 
o Mann, einen Diener des Herrn mit wilder 
Drohung zu schrecken? Du weißt, wir fürchten 
nichts auf Erden", sagte er mit ernster Würde. 
Dann fuhr er fort: „Ö lasset ab, Ihr Männer, 
von den falschen Götzen, die Euch bethören —, 
die nur Teufelsausgeburten sind —, o lasset 
ab —." (Fortsetzung folgt.) 
Wo nur Düfte ew'geu Lenzes 
Sonst in's Blau des Meeres tauchen, 
Sprühen Tod die Feuerschlünde 
Aus der Feste starken Mauern. 
Tausendfältig blinkt der Halbmond 
Durch der Dampfgebilde Wogen, 
Und zum Blitzen blut'ger Säbel 
Klingt das Allah türk'scher Horden. 
Florentiner, Venetianer, 
Mit des Kreuzes heil'gem Zeichen, 
Weicht ihr schon zurück, zerschmettert 
Von des Halbmonds grinimen Streitern? 
Stolzeste Malteserschaaren, 
Ist am Marabut im Sturme 
Jählings eure Kraft gebrochen, 
Daß auch ihr verlaßt das Blutfeld?
	        

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