Full text: Hessenland (6.1892)

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Einst das All aus Nichts erschuf, 
Drang durch ungemess'ne Fernen 
Aufwärts zu den ew'gen Sternen 
Dieser Welt Verzweiflungsruf. 
Denn in Sünde tief verloren 
War, was nur vom Weib geboren, 
Und zur bleichen Hel verdammt. 
Des Gesetzes heil'ge Macht 
Hatt' zur eis'gen Schreckensnacht 
Sie auf ewig hingebannt." 
Weicher fuhr er fort: 
„Da jammert' des ewigen Vaters 
Der Menschen verloren Geschlecht, 
Es jammerte sein der Armen, 
Denn hoch steht göttlich' Erbarmen 
Noch über dem ehernen Recht. 
Und in nie erschöpfter Güte 
Sandte er von seinem Thron 
Nieder zu der sünd'gen Erde, 
Daß er unseres Gleichen werde. 
Seinen eingebor'nen Sohn —, 
Auf daß er für Alle dulde, 
Daß er büße ganz allein 
Dort in schreckenvoller Pein, 
Was die Menschheit hat verschuldet. 
Und fehllos wandelt der Eine, 
Auf Erden der einzig Reine, 
Einher in Menschengestalt, 
Und in süßen, heil'gen Tönen 
Klingt sein Wort den Menschensöhnen 
Von der Liebe Allgewalt." 
Rascher und leidenschaftlicher sprach er: 
„Da — in tödtlich heißem Grimme 
Wilde Mörder sich verbünden, 
Zu ersticken jene Stimme, 
Welche Liebe wagt zu künden 
Als der Menschheit höchst' Gebot. 
Sie bereiten ihm Verderben, 
Des Verbrechers herben Tod 
Muß der Sohn am Kreuze sterben." 
Stark wie Posaunenton erklang es durch die 
Halle: 
„Er, dessen leises Winken 
Die Welt erbeben macht, 
Er, dessen Herrschermantel 
In unermess'nen Räumen 
Die ew'gen Sterne säumen 
In ihrer ganzen Pracht —, 
Der Sohn des Herrn der Welten, 
Des Herrn von Raum und Zeit, 
Er trägt in bittern Schmerzen, 
Die tiefste Qual tut Herzen, 
Der Menschheit ganzes Leid." 
Wilbod har so ergriffen, daß seine Augen 
feucht wurden, und leiser, mit der tiefsten Innig 
keit fuhr er fort, während ihn die rauhen Gesichter 
ringsum schweigend anstarrten: 
„Er beugt' sich ohne Klagen 
Des Todes grauser Macht —, 
Doch, peinvoll ihm erliegend, 
Durft' er, im Tod noch siegend, 
Mit letztem Hauche sagen: 
Es ist — es ist vollbracht." 
Die rührende Stimme des Jünglings, die tiefe 
Bewegung seines Innern, die sich darin kund 
gab, zwang all' die wilden Hörer zu athem- 
loser Stille. Doch mit heldischem Tone setzte 
er nun ein, während sein Auge Heller leuchtete: 
„Das ist mein Held, im Kampf erprobt, 
Herr Jesus Christus, hoch gelobt. 
In allem Schreckniß, das mir droht, 
In Sturm und Drang, in Noth und Tod, 
Strahlt tröstend mir und mild 
Vom Kreuz sein theures Bild. — 
Aus sinst'rer Grabesnacht hervor 
Stieg leuchtend dann der Herr empor 
Zum ewigen Vater." 
Gleich der mahnenden Stimme des Richters 
tönte es fort: 
„Und einst wird kommen er, 
Am letzten Tag, 
Wenn alle Herrlichkeit der Welt vergeht, 
Der Erdkreis selbst in Staub verweht, 
So wie der Herr des Himmels ihm geboten, 
Zu richten die Lebend'gen und die Todten.—“ 
Er schwieg —, und die Stille dauerte an, 
bewegungslos saßen die Männer da, und alle 
Augen, selbst die des alten Childerich, hingen 
wie gebannt an des Jünglings schönem Antlitz, 
in welchem sich die Begeisterung ausdrückte, 
welche den Tod nicht scheut, um der Wahrheit 
zum Siege zu verhelfen. Hilda's Augen ent 
flossen langsam heiße Thränen. Nur der Priester 
saß finster da, denn wohl fühlte er, wie mächtig 
das hehre Lied des Glaubensboten auf die rauhen, 
aber nicht unedlen Seelen der Hörerschaar wirkte, 
und Grimm faßte ihn. Er sah die bewegten 
Gesichter der Männer, die Thränen der Jung-
	        

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