Full text: Hessenland (6.1892)

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Verbot zurückgezogen, und Scheel erhielt die 
Konzession, wenn auch nur widerruflich, zurück. 
Das hundertjährige Geburtsfest Schiller's und 
die mit der Uebernahme der Regentschaft durch 
den Prinzen von Preußen in Deutschland be 
ginnende sog. neue Aera weckte auch in Kassel 
die schlummernden Geister. Im Verein mit an 
gesehenen Männern plante Scheel die Heraus 
gabe einer neuen täglich erscheinenden politischen 
Zeitung, deren erste Nummer unter dem Titel 
„Hessische Morgenzeitung" am Geburtstage 
unseres großen Dichters, am 10. November 1859, 
erschien. Der erste Redakteur derselben war 
Dr. Wilhelm Kellner. Als kurz darauf Fried 
rich Oetker nach Kassel zurückkehrte, trug Scheel 
seinem alten Genossen die Theilhaberschaft an, 
welche dieser auch annahm. Zwischen beiden 
wurde ein Sozietätsvertrag geschlossen. Und 
damit beginnt eine neue Periode in Scheel's 
Leben. (Schluß folgt.) 
Der Hlaubensbole. 
Eine Erzählung aus dem achten Jahrhundert von Franz Treller. 
(Fortsetzung.) 
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ufgeregt wogte Alles in der Halle durch 
einander, und immer noch erklangen wilde, 
brausende Rufe. Nur Hilda und der junge 
Angelsachse saßen still und ruhig, und Letzterer 
sah verwundert über die Wirkung des wilden 
Liedes in die erregte Schaar. 
So bemerkte ihn Heribert, Zorn über 
flog sein Antlitz, und die Brauen zogen sich finster 
zusammen. 
„Dir gefällt, scheint es, solch' Heldenlied nicht, 
Mann im Weiberkittel?" 
„Du sagst es!" entgegnete der Jüngling 
ruhig. 
„Ich glaube es Dir," rief jener spöttisch, „das 
ist ein Lied für Männer, nicht für weibische 
Feiglinge." 
Mit gleich sanfter Ruhe entgegnete Wilbod: 
„Ich sagte Dir schon, Heribert, daß der wahre 
Muth sich nicht immer im Schwertkampf zeige." 
„Nun, Mann," rief der erregte, übermüthige 
Heribert, „so sing' uns doch auch ein Lied von 
Deinem Muthe und von Deinem Helden." 
Laut lachten die Männer ringsum bei der 
Rede. 
,,Ja," schrieen Einige, „der Angelsachse soll 
auch singen." 
„Ein Spinnerlied," rief Hohiko, „den Weiber 
kittel hat er schon an." 
„Ja, ja, ein Spinnerlied, Mann." 
Childerich. dem es nicht behagte, daß man seinen 
Gast verspottete, sah ernst in's Gedränge und 
sagte dann: „Laßt ihn in Frieden, Männer." 
Aber der Priester, der da glaubte, die Stim 
mung der wilderregten Menge sei günstig, dem 
Glaubensboten eine Niederlage beizubringen und 
ihn dem allgemeinen Gelächter preiszugeben, 
sagte schmeichelnd, in sanftem Tone: 
„Es wäre schön, wenn uns der junge Fremde 
sein Lied hören ließ. Vielleicht erfreut er unsere 
Herzen auch, Childerich." 
„Willst Du singen, Wilbod?" fragte der 
Alte. 
„Ich will", entgegnete der ruhig und erhob sich. 
„Stille! Ruhe! Der Fremde singt sein Lied!" 
scholl es ringsum. 
„Es giebt etwas zum Lachen", brummte 
Hohiko so laut, daß sowohl Wilbod als die 
nahe Stehenden es vernahmen. Unterdrückte 
Heiterkeit antwortete ihm. 
Ruhig stand Wilbod und richtete das Auge 
auf die Menge. 
Endlich war es still, und Aller Blicke hafteten 
nun an ihm wie vorher an Rodwalt. 
Mit sanfter, wohllautender Stimme begann 
der Jüngling in rhythmischer Weise. 
^Nicht vom Streite will ich singen 
Und vom scharfen Schwertcsschwang, 
Eure Herzen zu bezwinge», 
Wähl' ich einen sichern Klang. —“ 
Die Gestalt, der tiefe Ernst und die zu Herzen 
gehende Stimme des jungen Glaubensboten 
übten einen so bestrickenden Zauber auf die 
wilde Schaar, daß nach den wenigen Worten 
ein Schweigen herrschte, so lautlos wie zuvor, 
als Rodwalt sang. 
Langsam hob Wilbod den rechten Arm, von 
dem der Mantel in malerischen Falten herunter 
hing, das von den langen blonden Locken um 
rahmte Antlitz richtete sich auf. und das große 
blaue Auge, in dem ein Licht strahlte, welches 
eines warmen Herzens tiefstes Fühlen wieder 
spiegelte, blickte in weite Ferne. Feierlich, mit 
leise bebender Stimme fuhr er fort: 
»Zum Herrn des Himmels und der Erde, 
Der durch sein gewaltig: Werde!
	        

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