Full text: Hessenland (6.1892)

45 
aus, um sie dem Oberbefehlshaber überreichen 
zu lassen. Das Militär wurde zurückgezogen. 
Nun hatte Scheel für ein paar Wochen Ruhe. 
Am 13. September hatte der Kurfürst mit dem 
Ministerium Kassel verlassen und die Regierung 
war nach Wilhelmsbad verlegt worden. An 
Stelle des seitherigen Oberbefehlshabers. General 
lieutenants Bauer, welcher am 12. September 
sein Abschiedsgesuch eingereicht hatte, war 
Generallieutenant Haynau zum Oberbefehlshaber 
während des Kriegszustandes ernannt worden 
und nun nahmen die Zwangsmaßregeln gegen 
die Presse einen ernstlicheren Charakter an. Am 
4. Oktober sollte Scheel's Druckerei abermals 
von einer militärischen Exekution heimgesucht 
werden. Es waren zwölf Mann Garde du Corps 
unter dem Kommando eines Offiziers, des 
Schwiegersohnes des Generals von Haynau, dazu 
ausersehen. Da die Thüre verschlossen war und 
dem Kommando, sie zu öffnen, nicht entsprochen 
wurde, so ward dieselbe mit Gewalt erbrochen. 
Friedrich Oetker, der zum Schutze Scheel's herbei 
geeilt war und sich in die Verhandlung ein 
mischte, wurde auf Befehl des Offiziers ver 
haftet und in das Kastell abgeführt. Von dem 
letzteren wurde Scheel eröffnet, daß er unter 
militärischer Bewachung weiter arbeiten lassen 
könne, aber keine Zeitung mehr ausgeben dürfe. 
Trotz dieser Bewachung bei Tag und Nacht, bei 
welcher Kavallerie und Infanterie abwechselten, 
gelang es doch, den Zeitungssatz fertig zu stellen. 
Derselbe wurde in Körben und Packeten ver 
packt in die Altstadt zu einem befreundeten 
Tabaksfabrikanten verbracht, wo dann theils 
auf einer Holzpresse, welche sonst Tabaksbeutel 
lieferte, theils auch durch Abklopfen mit einer 
Bürste täglich mehrere hundert Abdrücke noth- 
dürftig hergestellt wurden. Dies währte bis 
zum 2. Oktober, von da an wurde die „Neue 
Hessische Zeitung" in der Gothaer Hofbuch 
druckerei gedruckt. Außer dem Redakteur Adam 
Pfaff hatte auch Scheel, dieser behufs Besorgung 
des geschäftlichen Theiles der Zeitung, anfänglich 
in Gotha Aufenthalt genommen. Vom 30. 
Oktober ab konnte das Blatt wieder ungehindert 
in Kassel hergestellt werden bis zum Einrücken 
des österreichisch-bayerischen Bundesexekutions 
corps am 16. Dezember. Eine der ersten Hand 
lungen der Bundeskommissare war, die opp 
ositionelle Presse zu unterdrücken, und so wurde 
denn auch der „Neuen Hessischen Zeitung" nach 
einem Bestehen von zwei Jahren und neun 
Monaten durch höheren Machtfpruch ein un- 
sreiwilliges Ende bereitet. Als in jenen Tagen 
an Scheel von einem Beauftragten der nunmehr 
in Kurhessen herrschenden Partei das Ansinnen 
gestellt wurde, eine Zeitung im österreichischen 
Sinne herauszugeben, lehnte er mit den Worten 
„ich bin dazu kein geeigneter Mann und kann 
nicht von gestern auf heute mit meinen Ueber 
zeugungen mich auf den Kops stellen" das vor- 
theilhaste Anerbieten ab und zeigte damit, daß 
ihm, dem konsequenten Manne, die politische 
Gesinnung höher stand als materieller Gewinn. 
Die Scheel nunmehr gewordene Muße benutzte 
er, um seiner Braut in Weimar einen mehr 
tägigen Besuch abzustatten und dort während 
des Weihnachtsfestes neuen Muth zu sammeln. 
Am Schlüsse des Jahres nach Kassel zurückge 
kehrt, fand er freilich nicht viel zu drucken vor, 
doch brauchte er auch nicht ruhig die Hände in 
den Schooß zu legen. Allmälig mehrten sich 
die Aufträge, und in zwei Jahren hatte er seiA 
Geschäft so weit gebracht, daß er allen bei der 
Errichtung desselben eingegangenen Verbindlich 
keiten gerecht werden konnte, und nun hielt er 
den Zeitpunkt gekommen, sich den eigenen Haus 
halt zu begründen. Am 18. November 1852, 
an demselben Tage, der einst die Schwiegereltern 
zu langjähriger glücklicher Ehe vereinigt hatte, 
fand in Weimar die Hochzeit mit seiner ge 
liebten Braut Bertha Förster statt. Ein scherz 
haftes Vorkommniß, welches sich bei dieser Ge 
legenheit abspielte, erzählte Scheel selbst in 
humoristischer Weise. Eine der von der Braut 
erwählten Brautjungfern war Kammerfrau der 
damaligen Großherzogin Paulowna, der Mutter 
der nachmaligen deutschen Kaiserin Augusta. 
Als die Dame den nöthigen Urlaub zur Theil 
nahme an der Hochzeitsfeier begehrte, fragte die 
hohe Frau: „Wohin kommt denn die Braut?" 
Nach Kassel, lautete die Antwort. „Ach das 
arme Kind!" rief darauf theilnahmsvvll die 
Großherzogin. 
Nicht lange sollte es dauern, so gingen von 
neuem die Verfolgungen in der Scheel'schen Buch 
druckerei aus politischen Gründen los. Am 
2. Juli 1853 fand bei Scheel eine Haussuchung 
nach revolutionären Schriften statt, die jedoch zu 
keinem Resultate führte. Unverrichteter Sache 
mußte sich die Exekutionsmannschast zurückziehen. 
Als dann aber am 6. Juli 1854 das neue dra 
konische Bundespreßgesetz erschienen war, da 
glaubte man in Kassel die Zeit gekommen, gegen 
der Regierung mißliebige Buchdrucker mit 
besserem Erfolge vorgehen zu können. 
Im Dezember des genannten Jahres erhielten 
Scheel und drei andere Kasseler Buchdrucker 
polizeilicherseits die Mittheilung, daß ihnen die 
Erlaubniß zum Drucken vom nächsten Tage an 
entzogen sei. Dank der wohlwollenden Für 
sprache des Flügeladjutanten von Eschwege bei 
dem Kurfürsten wurde nach mehren Wochen das
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.