Full text: Hessenland (6.1892)

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feit, und ihr wandte daher Landgraf Wilhelm 
seine allernächste Fürsorge zu. Im Jahre 1653, 
im selben Jahre also, wo er die Universität 
Marburg neu konstituirte, das dortige Päda 
gogium wieder herstellte und auch dem Hers 
felder Gymnasium seine im Krieg verlorenen 
Einkünfte zurückgab, ließ er gleichzeitig die 
Reform des Schulwesens in Angriff nehmen. 
Unter Mitwirkung vorzüglich geeigneter Män 
ner wie des Superintendenten Hütterodt zu 
Eschwege, des Professors De. Croeins in 
Marburg und der Rektoren und Lehrer der 
drei höheren Landesschulen wurde die neue 
Schulordnung ausgearbeitet und im Jahre 1656 
veröffentlicht. 
Sie fußt im Wesentlichen auf der Schulordnung 
Landgraf Moritzens von 1618. Jede vollständig ein 
gerichtete Schule"sollte darnach sieben Lehrer zählen, 
welche den Schüler in acht Klassenstufen von 
den Anfangsgründen bis zu der Reife für die 
Universität auszubilden hatten. Die Namen der 
Klassen: Alphabetaria, Orthographica, Rudi- 
mentaria, Syntactica, Analytica, Gymnastica, 
Graeca und Logica vel Oratoria, deuten an, 
was auf einer jeden Stufe hauptsächlich getrieben 
wurde. Mit der Schulordnung von 1618 ver- 
> glichen, tritt die unsrige zwar insofern wesentlich 
zurück, als sie das ängstliche Bestreben zeigt, die 
' antike, rein ästhetisch-klassische Lektüre der griechi 
schen und römischen Dichter aus den Oberklassen 
zu verbannen, um einen vorwiegend religiös 
moralischen Lehrstoff an ihre Stelle zu setzen, 
wodurch besonders das Studium des Griechischen, 
zu dessen Lektüre man sich ausschließlich des 
Neuen Testamentes bediente, empfindlich beein 
trächtigt wurde. Ueberhaupt legte man wieder, 
wie leider auch heutzutage noch vielfach, mehr 
Gewicht auf die Kenntniß der Grammatik als 
auf die der Schriftsteller und ihrer Werke, was 
bald zu einer Verknöcherung des Unterrichts 
führte, die bitter beklagt wurde. Dagegen hatte 
die neue Schulordnung ihre unleugbaren Vor 
züge insofern, als sie den Unterricht in der 
deutschen Sprache bis zur fünften Klasse ein 
schließlich ausdehnte und auch, den Forderungen 
des Comenius entsprechend, die Realien, Arith 
metik, Geometrie und Sphärik mit Maßen 
(nicht wie heute im Ueberinaß!) in den Kreis 
der Lehrgegenstände hereinzog und endlich auch 
für die Geschichte eine Unterrichtsstunde ansetzte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Arikörrch Kcheel. 
Nekrolog von F. S w e n g e r. 
(Fortsetzung.) 
's war eine traurige, verhängnißvolle Zeit, die 
mit der Rückkehr Hassenpflugs im Jahre 1850 
über Kurhessen hereinbrach. Der Verfassungs 
kampf, „die Revolution in Schlafrock und Pantof 
feln", wie der Minister vonManteuffel denselben im 
preußischen Herrenhause zu nennen beliebte, und 
die damit zusammenhängende Steuerverweigerung 
der Ständekammer am 31. August 1850 hatten 
die Verhängung des Kriegszustandes über Kur- 
hessen am 7. September zur Folge. Und nun 
hatten die Machthaber nichts eiligeres zu thun, 
als gegen die ihnen verhaßte oppositionelle 
Presse, in erster Linie gegen die konstitutionelle 
„Neue Hessische Zeitung" und die demokratische 
„Hornisse", vorzugehen. Schon am Abend des 
2. September, nach 10 Uhr, als Scheel gerade 
im Begriffe stand, sein Geschäftslokal zu ver 
lassen, erschien ein Unteroffizier mit zwei Mus 
ketieren vom Leibregimente in der Druckerei der 
„Neuen Hessischen Zeitung" und legte Scheel 
eine Verfügung des mit dem Oberbefehl beauf 
tragten Generals vor, durch welche die alsbaldige 
Beschlagnahme etwa vorhandener Zeitungen sowie 
der Pressen angeordnet wurde. Nachdem der zum 
Schutze herbeigerufene, als Polizei-Direktor fun- 
girende Bürgermeister Henkel ein Protokoll über 
den Vorgang anfgenoinmen hatte, entfernten sieh 
die Militärpersonen, ohne die „beschlagnahmten" 
Pressen mitzunehmen. Zeitungen hatten sie 
nicht vorgefunden. Am folgenden Tage wieder 
holte sich der militärische Besuch. Nun erhob 
der Herausgeber der „Neuen Hessischen Zeitung", 
Friedrich Oetker, beim Obergericht Klage gegen 
das Verfahren und erbat sich ein unbedingtes 
Mandat gegen die Fortsetzung der Gewalttbätig- 
keiten. Der mit der Exekution beauftragte 
Sergeant erklärte, mündlichen Befehl zu haben, 
jeden zu verhafte», der sich seinen Anordnungen 
wiedersetzen würde. Diesmal lagen gedruckte 
Exemplare der Zeitung vor, welche vom Ser 
geanten mitgenommen wurden. Am 12. Sep 
tember rückten acht Mann Garde in Scheel's 
Druckerei. Als dem Führer das inzwischen er 
gangene Obergerichtserkenntniß, welches die Maß 
regeln gegen die Presse für strafbar (erklärte, 
vorgelegt wurde, erbat sich derselbe eine Abschrift
	        

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