Full text: Hessenland (6.1892)

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gelöst, alles wurde auseinander gesprengt, und 
Lehrer wie Schüler flüchteten. Erst zwei Jahre 
später konnte der Unterrricht von Neuem beginnen. 
Die Schule zählte dann 23 Schüler, die in zwei 
Klassen unterrichtet wurden. Aber schon im 
nächsten Jahre mußte sie auf's Neue bei dem 
Herrannahen der Kaiserlichen geschlossen werden 
und zählte nach der Wiedereröffnung nur 13 
(einheimische) Schüler. 
An dem Pädagogium zu Marburg unter 
richteten im Jahre 1648 nur noch ein Lehrer, 
nämlich der Pädagogiarch, und außerdem ein 
mit vieler Mühe hierzu gewonnener Student 
der Theologie, der jede» Tag Marburg und das 
Pädagogium zu verlassen drohte. Auf die Sitten 
der Schüler aber übte das Beispiel des wilden 
Studentenlebens den ungünstigsten Einfluß aus. 
Ueber die Stadtschule zu Kassel klagt 1635 
die Regierung, daß „die Disziplin und Schul 
zucht, so vorlängst zu sinken angefangen, je mehr 
und mehr zerfalle, sodaß zu besorgen stehe, 
wofern diesem ingerissenen Uebel nicht bald 
remcdirt werden sollte, daß daraus ander nichts 
als ein unordentliches, konfus und dissolut Wesen, 
ja barbaries selbsten erfolgen muß." 
Als das benachbarte Göttingen im Jahre 1626 
fast zwei Monate lang belagert und heftig be 
schossen wurde, nahm der dortige berühmte Rektor 
der Stadtschule, G. A. Fabricius, durch die 
äußerste Noth gezwungen, einen Ruf an das 
Mühlhüuser Gymnasium an; mit ihm verließen 
die übrigen Lehrer und alle auswärtigen Schüler 
die Stadt. 
In Schulpforta feierten im Jahre 1643 elf 
Schüler kümmerlich mitten unter den Unruhen 
des Krieges das hundertjährige Bestehen der 
Anstalt. 
Schlimmer noch als den größeren erging es 
den kleineren Stadtschulen. Die einst blühende 
Schule zu Allendorf a. d. W. wurde durch den 
Krieg, der auch den größten Theil der Stadt 
in Asche legte, gänzlich zu Grunde gerichtet; noch 
lange nach dem Kriege fehlte es daselbst so an 
Räumlichkeiten, daß die drei Lehrer in einem 
Klassenzimmer zu unterrichten genöthigt waren. 
In Grebenstein mußte der nachmalige Konrektor 
an dem Kasseler Pädagogium, Ä. Arnold Staube 
sand, das Rektorat der dortigen Stadtschule wegen 
Verwüstung der Stadt und Auflösung der Schule 
im Jahre 1637 niederlegen. Ebenso ging es in 
der Mehrzahl der übrigen Landstädte. Es fehlte 
fast überall nach dem Kriege au den nöthigen 
Lokalitäten, sodaß wie in Alleudorf auch 
anderswo oft zwei, drei Lehrer in einem Zimmer 
Unterricht ertheilten. Die stiftungsmäßigen Ein 
künfte der Schulen waren im Kriege vielfach 
abhanden gekommen; die Lehrer waren zerstreut 
oder ganz untauglich, mußten aber aus Mangel 
an besseren behalten werden, und die Jugend 
hatte sich vieler Orten vvm Schulbesuche so sehr 
entwöhnt, daß noch lange nach Beendigung des 
Krieges auch in den Städten. — denn auf den 
Dörfern verstand sich dies von selbst —, im 
Sommer die Schule gänzlich ausfiel. So be 
richtet im Jahre 1655 der Pfarrer von Nieden 
stein, daß die „größeren Knaben im Frühling und 
Sommer müssen Pferde- und Ochsentreiber sein, 
die kleineren aber kommen alsdann in die 
Schule, damit die Eltern ihres Garrens und 
Quarrens während der Schulzeit im Hause er 
übrigt sein mögen. Im Winter aber kommen 
je zuweilen große und kleine in die Schule 
zusammen und sollen alsdann wieder lernen, 
was sie den Sommer über vergessen haben; 
daher die Fortschritte gar gering, und giebt 
gute dedtsche Michel, weil die Eltern allhier an 
den lateinischen Büchern schlimme Lust haben, 
geschweige daß sie den Kindern viele kaufen 
sollten." Der damalige Lehrer aber, Balthasar 
Wagener aus Eschwcge, erhielt von dem Pfarrer 
das sehr zweideutige Lob, daß er „xro oaxito 
der Schüler dieses Orts satis eruditus“ sei. In 
Borken Hütte man gern den 1618 provisorisch 
angestellten, durchaus unwissenden Lehrer Joh. 
Kraft längst entlassen, doch bis zum Jahre 1655 noch 
keinen besseren gefunden. Ihm glich aber eine 
große Menge seiner Amtsgenossen; denn wo 
hätten sie bei dem allgemeinen Verfall der 
Schulen selbst sich die Bildung die sie in ihrem 
Amte brauchten, holen sollen? Es war zwar 
Bestinimung, daß jeder Theologe, ehe er in's 
Pfarramt trat, erst bis in's sechste Jahr im 
Schulfach thätig sein sollte, allein die Schulstellen 
waren so jämmerlich dotirt, daß jeder, sobald 
er konnte, eine Pfarrei zu erhalten suchte. 
Den größeren Lehranstalten thaten zudem die 
Privat- oder Nebenschulen, die oft von wenig 
berufenen Leuten gehalten wurden, wesentlichen 
Abbruch. Die Disziplin zumal wurde durch sie 
gelockert, weil die Schüler, um sich irgend welcher 
Bestrafung zu entziehen, womöglich auch ohne 
das schuldige Schulgeld den Lehrern zu entrichten, 
sich in die Privatschulen aufnehmen ließen und 
ebenso von ihnen später ohne vorherige Prüfung 
zur Universität abgingen. 
Endlich herrschte bei der mangelnden Aufsicht 
des Staates und der dadurch eingerissenen Willkür 
eine solche Ungleichheit in den Lehrgegenständen, 
Lehrbüchern und in der Behandlung des Lehr 
stoffes, daß von einer stufenmäßig fortschreitenden 
Lehrmethode oder einer Abgrenzung der Klassen 
und ihrer Ziele keine Spur zu sehen war. 
Eine durchgehende Reorganisation des Schul 
wesens war daher von der höchsten Nothwendig
	        

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