Full text: Hessenland (6.1892)

saßen und eine Schüssel Wein auf ihnen aus 
soffen —u. s. w. 
Man sieht, wie wüste es damals bei den Ge 
lagen herging, Gegen die Vexationen der älteren 
Studenten sich aufzulehnen, war unmöglich; die 
Nation oder Landsmannschaft übte einen des 
potischen Zwang aus, und der Ungehorsame oder 
der, welcher sich bei Rektor und Senat beklagte, 
setzte sich Folgen aus, die sein Verbleiben auf 
der Universität unmöglich machten. Trieben es 
doch viele der Professoren nicht besser als die 
Studenten; sie richteten in ihren Häusern selbst 
Pennalschmäuße an, wobei ihre Frauen und 
Töchter mit aufwarteten, wie denn überhaupt 
vieler Orten die Professoren, indem sie von ihrem 
Rechte der Steuerfreiheit ausgiebigen Gebrauch 
machten, in ihren Wohnungen Gäste setzten und 
Bier verzapften, wobei sie selbst weidlich mit 
zechten. 
Endlich, nach einem Jahr, sechs Monaten, sechs 
Tagen, sechs Stunden und sechs Minuten, war 
das Pennaljahr um; der Pennal, nachdem er 
von der Nation feierlich losgesprochen, Absolution 
erhalten hatte, mußte den Absolutionsschmauß 
geben und wurde zum Brandfuchs, um nun an 
anderen das doppelt zu vergelten, was er selbst 
erduldet hatte. 
Während der Kriegszeiten hatte das Pennals 
unwesen so recht Gelegenheit gehabt, in die 
Blüthe zu schießen und war so unleidlich ge 
worden, daß sich im Jahre 1653 sogar das 
0orxu8 Evangelicorum am Reichstage zu Regens 
burg veranlaßt sah, einen Beschluß dagegen zu 
fassen. Landgraf Wilhelm VI. hatte schon zuvor 
eine Verordnung dawider ergehen lassen. Jetzt 
verfügte er, daß Keiner, der sich an dem Pennali- 
siren betheiligt habe, zu irgend welchen Aemtern 
später zuzulassen sei. Für Marburg erging die 
betreffende Verordnung im Jahre 1655; für 
Rinteln, wo, wie es darin heißt, das Pennal 
unwesen von solchen, die auf anderen Hochschulen 
gewesen, eingeführt worden war, im Jahre 1662. 
Da außerdem die protestantischen Landesherrn, 
— auf katholischen Hochschulen war das Unwesen 
weniger vorhanden —, in ein Kartell mit ein 
ander getreten waren, die wegen Pennalisirens 
relegirten Studenten auf keiner Universität mehr 
zuzulassen, so wurde endlich doch der Bann ge 
brochen und eine Zeit lang ein etwas besserer 
Ton eingeführt. Am wenigsten war die Ab 
schaffung und Unterdrückung des Pennalisirens 
übrigens merkwürdiger Weise nach dem Sinne 
der Pennäle selbst, so sehr waren sie an die 
schlechte Behandlung gewöhnt. 
Um das Uebel an der Wurzel anzu 
fassen, — denn mit: strengen Verboten war 
allein auf die Dauer nicht zu helfen, und das 
Uebel lag tiefer -G ging Landgraf Wilhelm 
gleichzeitig an eine gründliche Reform Schul 
wesens. Denn wie sehr auch der Landgraf und 
seine Regierung durch Verordnungen und Strafen 
der allgemeinen Verwilderung des Volkes nach 
dem dreißigjährigen Kriege entgegen zu arbeiten 
bemüht waren, und wie wenig es dabei der 
Regierung an dem ernsten Willen fehlte, ihren 
Geboten die nöthige Geltung zu verschaffen, so 
müssen wir doch ernstlich daran zweifeln, ob sie 
gefruchtet haben. Die Strafen, zumal Geld 
strafen, sind für geringe Vergehen oft so hoch 
bemessen, daß man entweder die Zahlungsfähig 
keit der Leute sehr hoch für die damalige Zeit 
anschlagen muß, oder aber, da Letzteres bei den 
kümmerlichen Zeiten unmöglich ist, nichts 
anderes übrig bleibt als die Annahme, daß in 
den weitaus meisten Fällen das Vergehen gar 
nicht geahndet wurde, und daß die Strafe, wo 
sie wirklich den Schuldigen traf, mehr dazu 
diente, ein Exempel zu statuiren. 
Allein so viel auch in jenen Zeiten schon regiert 
wurde, es fehlt doch dem Gesetze die thatkräftige 
Handhabung. Die Beamten haben häufig noch 
nicht denjenigen Grad sittlicher Selbstbe 
stimmung, der sie auch unbeaufsichtigt anhält, 
ihre Pflicht zu thun, den Schuldigen zur Rechen 
schaft zu ziehen, weshalb jede neue Auflage 
älterer Erlasse und Verordnungen über die 
mangelhafte Ausführung dieser selbigen Klage 
führt. Am übelsten sah es damit zumal in den 
sogenannten Junkerdörfern aus, die der un- 
mittelbaren landgräflichen Jurisdiktion entrückt 
waren. 
Mit Strafverfügungen war also an der Sitt 
lichkeit des Volkes nur wenig zu bessern. Von 
innen heraus mußte eine Umkehr angebahnt 
werden. Das verkommene und verwilderte Volk 
mußte durch Lehre und Beispiel zu Zucht und 
Sitte zurückgeführt werden, und hier mußten 
Kirche und Schule ihr Werk beginnen als die 
mächtigen Diener und Bundesgenossen der Staats 
gewalt zur Bändigung der Rohheit und Ent 
sittlichung. Ihnen beiden werden wir deshalb 
unser Hauptaugenmerk zuzuwenden haben, wobei 
ich jedoch vorausschicken muß, daß ich bei der 
Menge des Stoffes vieles nur skizzenhaft anzu 
deuten vermag. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.