Full text: Hessenland (6.1892)

ob vor dem Kriege die Rohheit unter den 
Studirenden nicht auch groß genug gewesen 
wäre; wie wenn z. B. die Annalen von Marburg 
v. I. 1619 es als ein großes Glück rühmen, 
'' daß dieses Jahr »sink eaede", ohne Todtschlag, 
vorübergegangen sei; oder wenn ein Lübecker 
bei einer Kindtaufs-Feier, zu der Landgraf 
Moritz im Jahre 1608 die nobitiores studiosos 
auf das Schloß in Marburg eingeladen hatte, sich 
eindrängt und eine silberne Schüssel stiehlt, 
anderer Fälle mehr zu geschweigen. Allein der 
dreißigjährigen Kriegszeit und der damit Hand 
in Hand gehenden allgemeinen Verwilderung war 
es vorbehalten, die scheußlichste Blüthe der Rohheit 
zur Vollendung zu bringen, den P e n n a l i s m u s. 
Neulinge bei irgend einer Genossenschaft zu 
hänseln, gewissen Prüfungen zu unterwerfen, 
war zwar schon lange allgemeiner Brauch im 
Reiche gewesen, nicht bloß bei den Studenten, 
auch bei den Zünften und sonstigen Genossen 
schaften, und insofern reicht der Pennalismus schon 
in die Zeiten des Mittelalters zurück. Er wurde 
jedoch sozusagen ausgebildet im Schooße der 
Landsmannschaften, die sich nach dem Untergange 
der alten Bursen bildeten, und denen der Neu 
ankommende sich anzuschließen genöthigt war. 
Er hatte den Atitgliedern der Landsmannschaft 
einen Acceßschmauß zu geben und wurde darauf 
einem älteren Burschen als Famulus zugetheilt, 
was ursprünglich den Sinn gehabt hatte, daß 
dieser dem Unerfahrenen als Inspektor morum 
et studiorum mit Rath und That zur Hand 
gehen lsvllte. Allein dieses Verhältniß änderte 
sich, besonders seit den dreißiger Jahre» des 
siebzehnten Jahrhunderts, so vollständig, daß der 
Fuchs ganz in die Bedientenrolle, der Leibbursch 
in die des Gebieters eintritt. Jener hat seinem 
Herrn bei Tische aufzuwarten, ihn bei Ausgängen 
zu begleiten, Kleider und Schuhe zu reinigen, 
und was noch schlimmer war, der Patron nahm 
ihm sein Geld, Wäsche, Kleider und Bücher ab 
und behandelte den Pennal obendrein in der 
barbarischsten Weise. Um die demüthigende 
Knechtschaft zu vollenden, wird seit den vierzieger 
Jahren dem Pennal auferlegt, nachdem seine 
besseren Kleider Eigenthum seines Herrn geworden, 
nicht anders als in schmutzigem und zerlumptem 
Gewände und in Pantoffeln sich blicken zu lassen, 
während der Bursch oder Schorist, wie er sich 
nach der Behandlung, die er den Pennälen zu 
Theil werden ließ, nannte, mit Degen, Federhut, 
Koller und hohen Sporenstiefeln, einer Schärpe 
um den Leib oder an der linken Schulter und 
hinter dem Ohr einen schwarzen gekräuselten 
Zops sowie in der Hand einen langen Stock 
tragend, sich ein möglichst soldatisches Ansehen 
zu geben bemüht war. 
In den Hörsälen, wo sie nur ausnahms 
weise zugelassen wurden, hatten die Pennäle 
ihre besonderen Sitze, und hier, ja, in der 
Kirche und auf offener Straße wurden sie mit 
Backenstreichen, Nasenstübern, Fußtritten und 
Sporentritten agitirt, auf den Kneipen mußten 
sie unter die Tische kriechen und hier die 
Stimmen von wilden Thieren nachahmen, 
und während ihre Peiniger sich in Bier 
und Wein volltranken, wurden sie selbst zum 
Genusse von ekelhasten Speisen und Getränken 
gezwungen, wie z. B. von Seifenwasser oder 
einem Gemisch von zerschnittenen Hosenbendeln, 
dem Inhalte der Lichtputzscheeren, Tinte, Senf, 
ranziger Butter, Nußschalen u. s. w., sodaß wir 
hierbei lebhaft an die Rohheit des Schweden 
trunkes erinnert werden, die auch wohl zu der 
geschilderten Barbarei die erste Veranlassung 
gegeben hat. 
Ein anschauliches Bild, wie es in jenen Zeiten 
auf einer Studentenkneipe herzugehen Pflegte, 
giebt uns Moscherosch im sechsten Gesichte*): 
„Indessen ersähe ich ein großes Zimmer. Contu- 
bernium, Bierstube, Weinschenke. Es wimmelte 
voller Studenten. Die Vornehmsten saßen 
an einer Tafel und soffen einander zu, daß sie 
die Augen verkehrten als gestochene Kälber. 
Einer brachte dem anderen eins zu aus einer 
Schüssel, einem Schuh. Der eine fraß Gläser, 
der andere Dreck, der dritte trank aus einem 
verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen 
waren, daß einem davor übel wurde. Einer 
gab dein anderen die Hand, fragten sich unter 
einander nach ihren Namen und versprachen sich 
ewige Freunde und Brüder zu sein, mit an 
gehängter dieser gewöhnlichen Clausul: ,Jch 
thue was Dir lieb ist, ich meide was Dir zuwider 
ist —' band je einer dem anderen einen Nestel von 
seinen Lodderhosen an des anderen zerfetztes 
Wammes. Die aber, denen ein anderer nicht 
Bescheid thun wollen, stelleten sich theils als 
Unsinnige und als Teufel, sprangen vor Zorn 
in alle Höhe und rauften aus Begier, solchen 
Schimpf zu rächen, sich selbsten die Haare aus, 
stießen einander die Gläser in das Gesichte, mit 
dem Degen heraus und auf die Haut, bis hier 
und da einer niederfiel und liegen blieb, und 
diesen Streit sahe ich unter den Besten und 
Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüthen und 
Toben geschehen. Andere waren da, die mußten 
aufwarten, einschenken, Stirnknuppen, Harrupfen 
aushalten neben anderen vielen Ceremonien, da 
die anderen auf diese als auf Pferde oder Esel 
*) Hans Michael Moscherosch, Gesichte Philander's 
von Sittewald.
	        

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