Full text: Hessenland (6.1892)

Kirche und 
schule Ln Kessen während und nach dem 
dreißigjährigen Uriege. 
Von Dr. Hugo Brunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel. 
(Fortsetzung.) 
ereignete sich im Jahre 1625 in Kassel 
ein Fall, der da zeigt, wie es auch hier bei 
Hochzeiten herzugehen pflegte und deshalb 
kurze Erwähnung finden mag. 
Auf dem Neuen Bau (dem sog. Stadtbau) feierte 
ein Faßbindermeister seine Hochzeit. Eine Menge 
junger Burschen aus der Stadt und von der Hof 
dienerschaft waren dazu geladen. Als man nach dem 
Essen zunl Tanze aufspielte, da kam Werner 
Ungefug, ein hiesiger Bürgerssohn aus einer der 
ersten Familien der Stadt, von Wein und Tanz 
erhitzt, an Christoph Jobst, der bei Hofe Maler 
war, heran, riß ihm ein Tuch, das dieser in der 
Hand hielt, fort und warf es ihm vor die Füße. 
Hierüber kam es zum Streite, und bald blitzten 
die blanken Wehren auf beiden Seiten. Die 
Hochzeitgäste nahmen Partei für und wider, 
und fast schien es, als würde der Tanzsaal in 
ein blutiges Schlachtfeld verwandelt werden. 
Doch zogen den Maler seine Freunde fort aus 
dem Saale, und nur einer derselben, ein Ballon 
macher*), blieb zurück. Gegen ihn richtete sich 
nun der ganze Unwille von Werner Ungefug's 
Gesellen. Die Klingen blitzten herüber und 
hinüber, und der Ballonmacher setzte sich mann 
haft zur Wehre. Da zog ihm einer der Angreifer 
hinterrücks das Bein fort, so daß er zu Boden 
stürzte, und nun hieben und stachen die andern 
auf den wehrlos Daliegenden ein. Aber noch 
hielt ihm sein dickgefüttertes Wamms die Streiche 
ab, er sprang auf und eilte dem Ausgange des 
Saales zu, verfolgt von den wüthenden Gesellen. 
Auf der dunklen Treppe holten sie ihn ein, und 
zum Tode getroffen schleppte er sich noch, auf 
seinen kleinen Lehrjungen gestützt, bis auf den 
Marställerplatz, wo er leblos zusammenbrach. 
Wer der eigentliche Thäter war, blieb un 
aufgeklärt. Werner Ungefug scheint es diesmal 
*) D. i. ein Mann, der Federbälle zu dem damals sehr 
beliebten Ballspiel anfertigte. 
nicht gewesen zu sein. Doch erstach er später, 
nachdem er Kriegsdienste genommen und mit deni 
Oberstlieutenant von Güntherode an einem Zuge 
nach Ungarn sich betheiligt hatte, zu Frauenstein 
in Sachsen einen anderen Kasseler Bürgersohn, 
Hans Barse, im Zweikampfe, auch um nichtiger 
in der Trunkenheit entstandener Ursache willen. 
Ein sehr anschauliches Bild der Gelage und 
Tanzvergnügungen zur Zeit des großen Krieges 
bietet bekanntlich auch Grimmmelshausen's 
Simplicissimus im ersten Buche, worauf wir 
unsere Leser der Kürze halber Hinweisen dürfen. 
Schon 1640 hatte Landgräfin Amelia Elisabeth 
verordnet, daß die Duellanten und Raufbolde „zu 
Unmannen" gemacht werden sollten, — wohl des 
halb, weil sie mit ihrer Mannhaftigkeit ein loses 
Spiel trieben. Der Erlaß wurde 1660 von ihrem 
^ Sohne erneuert mit dem Hinzufügen, daß dem, 
der auf geschehene Provokation nicht erscheine, 
dies nicht zur Schande, vielmehr zu Lob und Ehre 
gereichen solle, wobei indeß zu bemerken ist, daß 
es sich dabei nur um das Duelliren um nichtiger 
Ursachen willen handelt. Bei wirklichen Be 
leidigungen wird der Zweikampf wohl gestattet, 
wie 8 4 der Verordnung vom 1. Januar 1641 
betreffend den Burgfrieden der landgräflichen 
Schlösser und Häuser beweist. Es heißt darin, 
daß der, welcher an solchen Orten wider das 
Gebot des Burgfriedens herausgefordert wird, 
dem Herausforderer nicht zu erscheinen brauche, 
sondern es bis zu anderer und gebührlicherAusübung 
einstellen sollte, ohne deshalb an seiner Ehre 
im Geringsten etwas einzubüßen. 
Am meisten blühte das Duelliren oder Balgen, 
wie man es damals nannte, auf den hohen Schulen, 
zumal die Studenten das jus gladii, das Recht. 
Degen zu tragen, trotz wiederholter Verbote 
noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
für sich in Anspruch nahmen. Ueberhaupt bieten 
die Universitäten im siebzehnten Jahrhundert ein 
Bild traurigster Verwilderung dar. Nicht als
	        

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