Full text: Hessenland (6.1892)

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Herrn desselben, der es schonen oder nehmen konnte 
nach Willkür. Die Priester zogen mit in den 
Krieg; sie trugen die Feldzeichen im Kampse 
voran, die sie aus den heiligen Hainen geholt 
hatten, wo sie in den kurzen Zeiten des Friedens 
bewahrt wurden. Auch war es Sache der Priester, 
die Disziplin im Heere zu handhaben. Es ist 
sehr wahrscheinlich, daß die Priester vorzugsweise 
den edelsten Geschlechtern des Landes angehörten, 
also mit den Häuptlingen und Ansührern des 
Volkes nahe verwandt waren. Von chattischen 
Priestern kennen wir nur den Oberpriester Libis, 
der im Triumphzuge des Germaniens zu Rom 
als Kriegsgesangener mit aufgeführt wurde. 
Zweifellos wohnten die Priester in der Nähe 
ihrer Opferstätten; so wird wohl dieser Libis 
mit anderen an oder auf dem Wuotansberge 
gewohnt haben. Ihren Lebensunterhalt erhielten 
sie durch besondere Abgaben und durch einen 
Antheil an der Kriegs- und Jagd- Beute. 
Priesterinnen hatten die Germanen nicht, wohl 
aber hoch und heilig gehaltene, weissagende Frauen, 
von denen die Veleda der Brukterer die bekann 
teste ist.*) 
Wir sehen aus diesem Allem, daß unser altes 
deutsches, und somit ebenwohl das chattische Volk, 
wenn auch dem Dienste heidnischer Götter von 
den Zeiten der Väter her ergeben, so doch durch 
aus religiös gesinnt war, der Art, daß alles, 
was es that, redete und dachte, in Beziehung 
zu den Göttern und in letzter Instanz zu Gott 
gesetzt wurde. Ja, unser ganzes Volksleben, von 
dem wir Städter freilich wenig zu sehen bekom 
men, lebt und webt heute noch in Vorstellungen 
und Gebräuchen, die ihren Ursprung ans dem 
Heidenthume herleiten. Auch eine Anzahl von 
Ortsnamen, besonders in der Gegend von Gn- 
densberg, lassen sich wohl theils auf Götternamen, 
theils auf andere mit dem religiösen Leben des 
Volkes zusammenhängende Begriffe zurückführen. 
Ohne mich auf das für einen Laien in der 
Sprachwissenschaft sehr heikle Gebiet der Namen 
deutung begeben zu wollen, nenne ich einfach 
einige Orte dieser Gegend, welche mein sehr ver 
ehrter Freund , der verstorbene Professor Wilhelm 
Arnold. in seinen „Ansiedelungen und Wander 
ungen" als solche bezeichnet hat, welche religiösen 
Verhältnissen ihre Namen verdanken. Es sind 
dies Gudensbcrg, Fritzlar, Dorla, Metze, Wich- 
dorf, Altenstädt, Geismar, Dissen und Balhorn. 
*) Mogh (a. a. O. S. 1133) hält diese Frauen für 
Priesterinnen. 
Näher kann ich hier auf diese interessanten Un 
tersuchungen nicht eingehen, doch kann ich mir 
nicht versagen, noch zwei Beispiele mythologischer 
Flur- und Forstortsnamen aus der Nähe anzu 
führen. Im Dorfe Nieder- Zwehren steht die 
Kirche auf dem sog. Opperrain, d. h. Opferrain, 
einer nach allen Seiten abfallenden Stelle, die 
zweifellos ehedem als Opferstätte gedient hat und 
zugleich das hohe Alter des Dorfes Nieder- 
Zwehren bezeugt. Nicht weit davon an dem 
Fließe im Grunde unter dem Schlößchen Schön 
feld, wahrscheinlich in einem ehemaligen heiligen 
Haine, sprudelt unter dem Dvnnerraine an der 
Donnerwiese der Donnerborn, eine dem Gotte 
Donar geheiligte Quelle, die heute noch klares 
Wasser giebt. Sie liegt dicht am Fußwege von 
Nieder-Zwehren nach Wehlheiden und, da dem 
Gotte Donar Wege und Brücken heilig waren, 
so ist es gar nicht unmöglich, daß hier auch der 
alte Weg von Nieder-Zwehren nach dem Cent 
hauptorte und der Gerichtsstätte Kirchditmold 
vorüber ging. Ganz nahe dieser Quelle führt 
wenigstens heute eine Brücke über das in späteren 
Zeiten Verenspitalsbach genannte Fließ, denn 
ganz in der Nähe des jetzigen Schlößchens Schön 
feld lag im Mittelalter das sog. Verenspital 
mit einer, wenn ich nicht irre, der heil. Jung 
frau Maria geweihten Kapelle. 
So finden wir wieder über dem Dorfe Helsa 
an der Losse einen hochragenden, schroffen, von 
Sänlenbasalt getragenen, altarsörmigen Kopf. 
Bilstein genannt, dicht unter welchem, noch ganz 
auf der Höhe, eine sog. „Blntrathswiese" und 
daneben ein Waldrevier: „An den Todtengräbern" 
genannt eine ehemalige Gerichtsstätte, der Bil 
stein selbst aber vielleicht die dazu gehörige Opfer 
stätte bezeichnen dürften. Möglich, daß auch der 
am Bilstein gelegene „Pfaffenplatz" die einstige 
Wohnstätte heidnischer Priester bedeutet. Und 
so ließen sich die Beispiele gewiß noch sehr ver 
mehren, wenn nur erst einmal die Namen der 
Fluren und Forstreviere genügend durchforscht 
wären, das zu bewirken m. E. eine sehr ent 
sprechende und dankbare Aufgabe für unseren 
Geschichts- Verein sein würde, wobei auch die 
Kräfte einer Anzahl von Mitgliedern, die keine 
Gelehrte sind, erfolgreiche Verwendung finden 
könnten. Es ist dies noch ein sehr schwach be 
bautes Feld, aber die Erndte verspricht eine sehr 
ergiebige zu werden. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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