Full text: Hessenland (6.1892)

313 
Mathauon, dem heutigen Dorfe Maden, lag die 
Mader Heide, die alte Dingstätte, der Gerichts 
platz des Gaues, auf welchem zugleich die freien 
Männer zu den Berathungen, über das, was dem 
ganzen Gaue frommte, zusammenkamen. Auf 
diesen! Fleckchen Erde lag also der Brennpunkt 
des gesammten chattischeu und hessischen Volkslebens 
von ältester Zeit an und das ganze Mittelalter 
hindurch, und noch im 17. Jahrhundert fanden 
dort wenigstens Versammlungen, die sog. Land 
tage, statt. 
Neben der Hauptopferstütte des Gaues gab es 
aber noch viele andere im Lande; es mag wohl 
eine jede Markgenossenschaft eine solche bei ihrer 
Gerichts-und Versammlungsstütte gehabt haben, 
denn Opfer, Gericht und Versammlung waren eng 
mit einander verbunden und ohne Opfer fand 
weder das eine noch die andere statt, allein, nach 
Tacitus zu urtheilen, werden eben an solchen 
Opferstätten nur Thiere dargebracht worden sein, 
keine Menschen. Und wie unsere Altvordern 
ihre Gerichte und Versammlungen im Freien 
hielten, so war es auch mit den Opfern. Von 
deutschen Tempeln hören wir sehr wenig,*) von 
chattischen gar nichts, und ist es für das Zeit 
alter älteren deutschen Heidenthums und bei dem 
ganzen im Freien sich vollziehenden Volksleben 
auch sehr unwahrscheinlich, daß sie solche hatten. 
Um so mehr hören wir von heiligen Hainen 
und Wäldern, von heiligen Bäumen und Quellen. 
Der Wald ist ihr Tempel; „da wohnt die Gott 
heit", wie Baumstark sagt „und birgt ihr Bild 
in den rauschenden Blättern der Zweige; da ist 
der Raum, wo der Jäger das gefüllte Wild, der 
Hirte die Rosse, Rinder und Widder seiner Heerde 
darzubringen hat." „Der feierliche allgemeine 
Gottesdienst des Volkes hat seinen Sitz im Haine." 
Heilige Haine mag jede Markgenossenschaft gehabt 
haben, heilige Bäume hatte wohl jedes Dorf, ja 
jeder Hof, der einzeln lag, war es nun eine 
alte, hochgewachsene, knorrige, weitverzweigte, 
dem Wuotan und Donar geheiligte Eiche, dieser 
männliche, urkräftige und urdeutsche Baum, oder 
war es die weiblich anmuthende, weiche und runde 
Formen zeigende, der Göttin Freya geheiligte 
Linde, deren noch heute jedes Dorf eine besitzt, 
unter welcher die Dorfversammlungen gehalten 
werden. 
Es würde für meine Ausgabe zu weit abführen, 
wollte ich dies hochinteressante Thema noch weiter 
ausspinnen; namentlich würden die tausendfachen 
Volksgebräuche und ihre Bedeutung Stoff in 
Menge bieten, doch ich muß mich bescheiden und 
*) Tacitus nennt nur das Gotteshaus der Marsen,"näm 
lich den Tempel der Tanfana, und das Haus der Göttin 
Nerthus. Erst vom 6. Jahrhundert an mehren sich die 
Beispiele. (Mogh a. a. O. S. 1130) 
kann nur hie und da etwas herausnehmen, was 
mir gerade bemerkenswerth scheint. 
Opfer und Opferschmäuse waren von vielen 
Gebräuchen umgeben, wie solche auch das ganze 
Jahr hindurch alle Vorkommnisse des öffentlichen 
und privaten Lebens begleiteten. Selbst bis 
in unsere Zeit haben sich viele derselben erhalten, 
wie z. B. die in manchen Gegenden noch üblichen 
Oster- und Johannisfeuer, und zu bestimmten 
Zeiten des Jahres gewisse Backwerksformen, wie 
u. a. die hier in Kassel üblichen Männer, Frauen 
und Hasen zur Adventszeit, die alle mytholo 
gische Bedeutung haben als Göttergestalten des 
Wuotan und der Freya oder Frau Holle, oder 
als Opferthiere, oder einer Gottheit heilige Thiere, 
wie es der der Göttin Ostara geweihte Hase war, 
der ja auch wieder zu Ostern seine absonderliche 
Rolle als Eierleger spielt. 
Verweilen wir noch einen Augenblick beim 
Opfer selbst. Das Opferthier, deren vornehmstes 
das Pferd war, wurde zuerst herumgeführt, als 
dann aus dem Opferstcine getödtet, das Blut im 
Opferkessel aufgefangen und auf die Anwesenden 
gesprengt, die besten Stücke, besonders der Kopf, 
den Göttern zu Ehren ausgesondert und letzterer 
auf eine Stange gesteckt oder an einem Baume 
befestigt, das Fleisch aber in Kesseln gekocht (nie 
gebraten) und dann gemeinsam, und zwar in 
Verbindung mit Kräutern, verzehrt. Beim Beginne 
des Opferschmauses, der mit jedem Opfer ver 
bunden war, trank man der Götter Minne, d. h. 
man goß zu Ehren des Gottes oder der Götter 
den ersten Becher unter gewissen Ceremonien auf 
die Erde aus. Neben den öffentlichen Opfern 
des ganzen Gaues oder der Markgenossenschaften 
brachte der Landmann und seine Familie auf 
eigenem Grund und Boden private Opfer, die 
in Blumen oder Früchten, Milch oder Honig 
bestanden oder auch in Vieh, — Opfer des Viehes 
und Opfer der Früchte, wie wir sie schon an 
der Wiege der Menschheit, bei Kain und Abel, 
finden. Die öffentlichen Opfer aber wurden auf 
den Altären von den Priestern dargebracht; Opfer, 
Altar und Priester gehören unlöslich zusammen. 
Wenn auch die Deutschen, wie man annimmt, 
keine eigentliche Priesterkaste gleich den Druiden 
der keltischen Völker gehabt haben, so standen 
ihre Priester doch jedenfalls im höchsten Ansehen. 
Sie vollbrachten nicht allein die Opfer und alle 
religiösen Handlungen, sondern hatten den Willen 
der Götter auf verschiedene Art zu erforschen und 
leiteten die Gerichtssitzungen und Volksversamm 
lungen, wie auch sie allein berechtigt waren, die 
Strafen, selbst die Todesstrafen, zu vollziehen, 
denn das Leben des Freien gehörte nur Gott, 
und nur Gottes Stellvertreter konnte es nehmen; 
das Leben des Sklaven dagegen gehörte dem
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.