Full text: Hessenland (6.1892)

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We WkKehrung Hessens zum KhrLstmthume. 
Vortrag, gehalten in 5er Versammlung öes Vereins für hessische Geschichte und Tandes- 
Kunde zu Rassel am Zl. Oktober 1888 von Hermann v. Dogues, Major a. D- 
ist gar keinem Zweifel unterworfen, daß 
alle heidnischen Religionen einen gemein- 
samen Ausgangspunkt gehabt haben, näm 
lich den Glauben an Einen Gott, den allmäch 
tigen Schöpfer Himmels und der Erde. Wir 
erkennen dies, sobald wir diese Religionen mit 
einander vergleichen, an der unverkennbaren Aehn- 
lichkeit ihrer Grundgestalt, in welcher sich die 
Hauptzüge eines gemeinsamen Urbildes wieder 
finden , Glaubenswahrheiten, die wir kurz in die 
drei Worte zusammenfassen können: Gott, Schuld 
und Versöhnung. So unleugbar diese drei Grund 
linien sich in allen heidnischen Religionen, selbst 
in den verkommensten, zeigen, so gewiß ist es 
aber anderseits auch, daß der Abfall von der 
von Gott geoffenbarten Wahrheit, als welchen 
sich das Heidenthum in seiner Wesenheit darstellt, 
eine den Eigenthümlichkeiten der verschiedenen 
Völker entsprechend große Mannigfaltigkeit in 
der weiteren Ausbildung der einzelnen Götter 
lehren erzeugen mußte. Denn an die Stelle der 
Einheit des höchsten Wesens trat eben eine Viel 
heit von Göttern durch die ganze Stufenleiter 
menschlichen Irrthums hindurch, vom rohesten 
Fetischismus über Thier- und Elementendienst 
hinauf bis in die höheren Sphären des Gestirn 
dienstes und der Menschenvergötterung. 
Ueberall sehen wir mehr oder weniger die ur 
sprünglichen Wahrheiten verzerrt und unkenntlich 
geworden, indem der Eine Gott, wenn auch 
nicht ganz ausgegeben, so doch hinter die oft 
wunderbarsten Göttergebilde menschlicher Phan 
tasie zurückgedrängt wurde. Und was sind, selbst 
in den Mythologien der bedeutendsten Kultur 
völker, das für Götter, die gleich den Menschen 
geboren werden und wieder sterben und mit allen 
möglichen Leidenschaften befleckt sind? 
Doch nicht allein den Gottesbcgriff sehen wir 
verdunkelt, sondern auch das dem Menschen in's 
Herz geschriebene göttliche Sittengesetz über Bord 
geworfen und an dessen Stelle eine selbsterdachte 
Moral gesetzt, die vielfach geradezu aus der 
Sünde eine Tugend machte, wie unter andern 
die Menschenopfer und die Blutrache beweisen. 
Wie die Heiden wähnten, Gott einen Dienst da 
mit zu thun, wenn sie ihm zu Ehren Menschen 
schlachteten, seien es gefangene Feinde oder die 
eigenen Kinder, oder in Fällen höchster Noth 
selbst ihre Fürsten, so nahmen sie auch zu an 
dern verwerflichen, mindestens abergläubischen 
Mitteln ihre Zuflucht, in der Meinung, Gott 
dadurch zu versöhnen. 
Wir sehen daher, daß, wie Gott, im Gegen 
satze zum Volke der Juden, die Heiden ihrer ei 
genen natürlichen Entwickelung überlassen hatte, 
diese sich immer mehr von der ursprünglichen 
Wahrheit entfernten, doch aber vermöge der übrig 
gebliebenen Reste derselben noch manches Gute 
hatten und thaten und dadurch die spätere Be 
kehrung ermöglichten. 
Mit dem Heidenthume ging aber auch die E i n - 
heit des Glaubens verloren, wie sie doch der ein 
heitlichen Wahrheit der göttlichen Offenbarung 
entsprechend hätte bleiben niüssen. Und mit ihr 
zerriß das wichtigste und stärkste Band, das die 
Menschheit bisher zusammengehalten hatte; die 
Ausbildung der streng gegen einander abgeschlos 
senen Volksreligionen bewirkte eine Entfremdung, 
ja einen Haß und eine Verachtung der Völker 
unter sich, die erst sehr allmählich durch das 
Christenthum wieder überwunden werden konnten. 
So war es in Asien und Afrika, so in Grie 
chenland und Rom, so auch bei den alten Deut 
schen und unter ihnen wieder bei den Chatten, 
den Vorfahren unseres hessischen Volkes. Auch 
sie huldigten einer Naturreligion, wenn diese 
auch, der Ehrbarkeit des deutschen Charakters 
entsprechend, sich in reinerer Weise entwickelte, 
als die von frivolen Leidenschaften und Schlüpfrig 
keiten erfüllte Götterlehre der Griechen und vie 
ler asiatischen Völker. Indessen auch die deut 
sche Mythologie hat des Bedenklichen immer noch 
genug, wenn auch mehr in anderer Richtung. 
Wenn man allein nur die Menschenopfer, die 
Blutrache und die Sklaverei betrachtet, die auch 
dem deutschen Heidenthume eigen waren und 
Deutschland zu einem Schauplatze vieler Greuel 
machten, so wird man unschwer erkennen, welch' 
hohes Gut unseren Vorfahren, durch die Predigt 
und die Annahme des ChriskMhums zu Theil 
wurde. Aber immerhin darf iMN^doch wohl 
mit Recht sagen, daß das germanische Heiden 
thum auf der höchsten Stufe aller heidnischen 
Religionen stand. So ist es auch der germani 
schen Mythologie eigenthümlich, daß sie den Glau 
ben an den Weltuntergang aus der Uroffenbarung 
gerettet, wenn sie auch denselben dann in eigener, 
mit Irrthümern gemischter Weise weiter verar 
beitet hat. Aber nicht nur den Weltuntergang, 
sondern auch die Erneuerung des Weltalls mit
	        

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