Full text: Hessenland (6.1892)

310 
Vaterlandsgeschichte befördern zu helfen und 
arbeitete nach wie vor verschiedene kleine Modelle 
aus. In der Regel versammelte sich Sonnabends 
ein kleiner Kreis von Freunden um Henschel's 
geselligen Theetisch. An einem dieser Abende, 
welche gewöhnlich mit Lektüre, mit Unterhaltung 
über Kunstgegenstände, mit Vorlegen von Kupfer 
stichen älteren und neueren Meisters angenehm 
und lehrreich verbracht wurden, zeigte Henschel 
ein kleines Thonmodell, das er eben vollendet 
hatte. Es war die nachher so bekannt und be 
liebt gewordene Brunnengruppe und stellte ein 
junges Mädchen in aufgeschürzter Gewandung 
dar, welches an einem Schulterjoch zwei große 
Wassergefäße vom Brunnen heimtrug, während 
sich ein junger Mann in überraschender und 
doch bescheidener Annäherung und Umarmung 
zugleich unter jenes Joch gesteckt hat, um hiermit 
ein demnächstiges, gemeinschastlich getragenes Ehe 
joch anzudeuten. Da sich Henschel diese Gruppe 
als Aussatz für einen öffentlichen Brunnen ge 
dacht hatte, so sollten die beiden vorgeneigten 
Krüge als Ausgüsse des wirklichen Wassers 
dienen, damit hierdurch mit dem Schönen auch 
ein gemeinnütziger Zweck verbunden werde. Alle 
Anwesenden waren von dem Reiz und der 
sinnigen Bedeutung dieser kleinen Gruppe über 
rascht und in kurzer Zeit hatte Henschel das 
Modell abgeformt und durch feine Gypsabgüsse 
vervielfältigt. Einer derselben kam als Geschenk 
in die Hand der Prinzessin Karoline von Hessen 
und durch diese bei Gelegenheit eines Besuches 
am Hofe zu Berlin in den Besitz des Königs 
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, welcher an 
dieser kleinen Skulptur ein solches Wohlgefallen 
fand, daß er den Künstler alsbald beauftragte, 
die Gruppe in einer Höhe von etwa 4 Fuß in 
Marmor auszuführen. Ein solcher Auftrag, 
welcher von Henschel natürlich mit Freuden an 
genommen wurde, konnte jedoch nicht gut anders 
als in Italien, an der Quelle des karrarischen 
Marmors ausgeführt werden, wo sich der Künstler 
selbst zunächst mit der ihm noch fremden Be 
handlung des Marmors vertraut machen mußte. 
So sollte denn dieses kleine Werk für die letzte 
Lebensperiode des Künstlers eine neue, ganz ver 
schiedene Richtung hervorrufen und dem 61jährigen 
Greise gewähren, was dem Jüngling und dem 
Manne versagt geblieben war, Italien, das Land 
der Künste zu besuchen". 
Im August 1843 reiste Werner Henschel in 
Begleitung seiner Nichte Franziska Kröschell nach 
Italien. Er sollte nicht mehr in seine Vater 
stadt zurückkehren. Sein Aufenthalt in Italien 
wechselte zwischen Carrara und Rom, vorüber 
gehend verweilte er auch in Neapel. Nachdem 
er die Brnnnengruppe in carrarischem Marmor 
für den König von Preußen vollendet und nach 
Berlin gesandt hatte, war eigentlich seine Auf 
gabe in Italien gelöst. Aber es hielt ihn fest 
in dem sonnigen Lande der Kunst, boten sich 
ihm hier doch die großartigsten Eindrücke, fand 
er doch täglich von Neuem Großes und Schönes, 
dessen Studium er sich mit größtem Eifer und 
Wonnegefühl hingab. — Im Jahre 1847 ver 
zichtete Henschel auf seine Stelle als Professor 
der bildenden Künste in Kassel und wurde kurz 
darauf vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum 
Hofbildhauer ernannt. 
Im Jahre 1849 sandte Henschel aus Italien 
ein Modell, welches die Apotheose seiner hohen 
Gönnerin, der am 19. Februar 1841 verstorbenen 
Kurfürstin Auguste von Hessen zum Gegen 
stand hatte und von dem drei Gypsabgüsse den 
Kindern der Fürstin überreicht werden sollten. 
Der Künstler läßt auf diesem Kunstwerke die 
erhabene Sterbliche aus dem Schoße der Erde 
zur Seite eines halbversunkenen Grabsteines auf 
erstehen, während ein schwerer Mantel, als das 
Bild der irdischen Hülle, von ihren zarten 
Gliedern zum Staube hinabfüllt und ein Genius 
die Aufschauende entschleiert, um ihrem Auge den 
Anblick der ewigen Seligkeit zu gewähren, welcher 
sie mit heiliger Andacht entgegenschwebt; die 
Arme der Fürstin sind auf ihrer Brust zusammen 
gelegt, und an einem zweiten Grabsteine, au dem 
sich der Genius emporgerichtet hat, stehen die 
sinnigen Worte: „Wie Dein Herz fühlte, schauet 
Dein Auge". Es war dies das letzte vollendete 
Werk des Künstlers. 
Schon früh während seines Aufenthaltes in 
Italien hatte sich bei Henschel Asthma eingestellt, 
das allmälig in ein Lungenleiden überging, voll 
dem er am 15. August 1850 in Rom durch 
einen sanften Tod erlöst wurde. Er wurde als 
Protestant ans dem neuen Friedhofe für Nicht 
katholiken beerdigt. Seinen vielen Freunden 
und Verwandten in seinem Vaterlande war es 
nicht vergönnt gewesen, ihn wiederzusehen und 
die heimathliche Erde mußte darauf verzichten, 
seine irdische Hülle in ihrem Schoße aufzunehmen. 
Italien, das Land der Kunst, hatte feste Bande 
um ihn geschlagen und dort fand er seine letzte 
Ruhestätte. 
In Henschcl's Kunstwerken finden sich antike 
Grazie und moderne christliche Innigkeit in 
wirksamster Weise vereinigt. Vom Studium der 
Antike ausgehend, wurden Natur und Schönheit 
unmittelbar seine Lehrerinnen. Er hielt sich 
streng in den Grenzen des ästhetisch Schicklichen 
und verstand es, allen seinen Schöpfungen eine 
wunderbare Lieblichkeit einzuprägen. —
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.