Full text: Hessenland (6.1892)

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Zauber hervorzubringen, welcher noch erhöht 
wurde, wenn, wie dieses häufig der Fall war, 
Henschel's Abendgesellschaften zu einer künstlichen 
Kerzenbeleuchtung Gelegenheit gaben. Zu solchen 
Zwecken hatte der erfinderische Künstler eine 
eigene Vorkehrung getroffen; er hatte nämlich 
auf einem hohen Stabe ein schräges Brett be 
festigt, welches auf seiner Flüche 10 bis 12 kurze 
Wachslichter durch Nagelspitzen festhielt und 
nach drei Seiten hin von einer Pappwand um 
geben war, so daß man nun mit diesem kräf 
tigen Licht, welches alles Uebrige dunkel ließ, 
die einzelnen Gypswerke bald von oben, bald 
mehr von der Seite beleuchten konnte, je nach 
dem man es hielt, hierdurch aber die vortreff 
lichsten Licht- und Schatteneffekte hervorbrachte 
und die Figuren gleichsam beseelte. Einen der 
glänzendsten Abende hatte Henschel auf Weih 
nachten, am 26. December 1839, für seine da 
maligen Freunde und Bekannte veranstaltet, 
indem er dieses Atelier mit 12 hohen Tannen-, 
sogenannten Christbäumen, malerisch nuszierte 
und das Ganze durch den Glanz von mehreren 
hundert Wachskerzen wirklich feenhaft beleuchtete; 
aber eine noch größere Ueberrasckmng war für 
die eingeladene Gesellschaft von ü6 Personen 
bereitet, indem bei näherer Betrachtung fast alle 
aufgestellten Gypse die verschiedenen Namen der 
Gäste an sich trugen und sich dadurch als Ge 
schenke für dieselben ankündigten. Es war dies 
eine großartige Weihnachtsgabe, welche den 
Werth von einigen hundert Thalern aus 
machte." 
Ein junger Poet unter den Eingeladenen hat 
es versucht, den Eindruck, welchen dieses Fest 
auf ihn und die Anwesenden gemacht hatte, 
durch folgende Strophen wiederzugeben: 
„Eine Welt war aufgeschlossen, 
Zauberisch erhellt, 
Hoher Phantasie entsprossen, 
Eine Geisterwelt! 
Nennst Du mir den Reiz, die Fülle, 
Welche sie enthält? 
Nie, so lang' vom Aug' die Hülle 
Blendend niederfällt. 
Spät erst, wenn die Welt verschwunden, 
Fühl' ich, was ich sah, 
Und versteh', was ich empfunden 
In der Ferne da!" 
„Da Henschel als echter Künstler in der 
weitesten und engsten Bedeutung alle Arten von 
Kunstgenüssen liebte, so wurde sein schönes 
Atelier auch zu Zeiten zu anderen Produktionen 
verwendet, indem z. B. Spohr'sche Schüler, ein 
Jean Bott, ein Hugo Stähle u. A. einige voll 
endete Lckreichquartette aufführten, oder Frau 
Musik-Direktor Hauptmann, damals noch Susette 
Hummel, ihre vortreffliche Altstimme in den 
akustischen Räumen erklingen ließ; ein andermal 
las zum seltenen Vergnügen eines engeren Kreises 
der Dichter Emanuel Geibel mehrere Akte seines 
Königs Roderich vor, und wenn wir jetzt noch 
einiger Geburtstagsfeste und Maskenbälle ge 
denken, so kann man mit Recht sagen, daß sich 
Ernst und Scherz in mannigfaltiger, aber immer 
in veredelter Weise in Henschels Gemächern 
traulich die Hände reichten. Henschel war für 
alle solche Eindrücke mit einer ungewöhnlichen 
Empfänglichkeit ausgestattet; bald spielte er mit 
jugendlicher Beweglichkeit den aufmunternden be 
lebenden Wirth, bald saß er mit geschlossenen 
Augen da und horchte den Tönen der Musik 
und des Gesanges oder den Versen der griechischen 
Tragödien, welche ihm in guten Uebersetzungen 
vorgelesen wurden, indem er sich von seiner 
Phantasie zu dem Gehörten die Bilder vor 
zaubern ließ. 
„Mau kann leicht denken, daß dieses Atelier 
der höheren Plastik öfters auch von eigentlichen 
Fremden besucht und von Henschel bereitwillig 
gezeigt wurde, und daß Personen des höchsten 
Ranges daran Vergnügen finden mußten. Der 
Kurprinz von Hessen mit seiner Gernahlin, der 
Herzog und die Herzogin von Sachsen-Meiningen, 
namentlich aber die Kurfürstin Auguste und ihre 
älteste Tochter, die Prinzessin Karoline, beehrten 
mehrmals den geachteten Künstler mit ihrer 
Gegenwart; insbesondere hegte die Kurfürstin 
ein'so großes Wohlwollen für Henschel, daß sie 
ihn häufig zu sich einlud und sogar der Ehre 
würdigte, sic auf kleineren Reisen, nach dem 
Meißner, nach Arolsen und Corbach u. s. w. zu 
begleiten. Henschel's Bedeutung und Liebens 
würdigkeit verschafften und erhielten ihm Freunde 
von Auszeichnung, und wir erwähnen bei 
dieser Gelegenheit neben den schon angeführten 
noch besonders die Brüder Grimm, den nach- 
herigen General und Minister von Radowitz, 
den als hessischer Minister verstorbenen Herrn 
von Steuber, den zu Münster lebenden Ober 
finanzrath Carvachi und den hessischen Minister 
Hassenpflug, von denen mehrere schon Familien- 
sreund des elterlichen Hauses Henschel waren; 
auch Bettina von Arnim und die in der Kasseler 
Musikwelt so rühmlich bekannte Frau Karoline 
von der Malsburg, geb. Dupuy, müssen hier 
genannt werden. So lebte Henschel mehrere 
Jahre in einem ganz glücklichen Treiben fort, 
ließ sich am 20. Januar 1839 als Mitglied des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 
aufnehmen, um auch die Forschungen in der
	        

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