Full text: Hessenland (6.1892)

308 
Hessische Künftler. 
Diographische Skizzen von F. Iw eng er. 
(Fortsetzung.) 
o ernst und aufstrebend Werner H c n s ch e l 
als Künstler war, so lebenslustig war er von 
Jugend an als Mensch. Bot sich ihm eine 
Gelegenheit dar, recht froh, vergnügt und aus 
gelassen zu sein, er ging ihr nicht ans dem Wege. 
Mit Lebhaftigkeit und Hingebung trat er unter 
die jüngsten und muntersten Leute und wetteiferte 
mit ihnen an fröhlicher Laune und Unternehmungs 
lust. Aber sein Ziel hatte er stets vor Augen 
und bei allen Tollheiten, die er in seiner Jugend 
ausführte, bewahrte er sich seinen kindlich religiösen 
und poetischen Sinn, der einem Genius gleich, 
ihn über alle Abgründe und Verderblichkeiten 
des Lebens hinwegtrug, und der ihm bis an 
das Ende seiner Tage treu blieb. Durch seine 
persönliche Liebenswürdigkeit bezauberte er Jeder 
mann und erwarb sich zum Freunde einen Jeden, 
mit dem er in Berührung kam. Dabei war 
er so sanft und friedlich gesinnt, daß er wohl 
nie in seinem Leben Jemand wissentlich einen 
bitteren Augenblick bereitet hat. Diese Eigen 
schaft wurde auch allgemein anerkannt und von 
ihm kann man wohl sagen, daß er keinen Feind 
besaß, bei einem Künstler gewiß ein seltenes 
Lob. 
Werner Henschel blieb unvermählt. Im Herbste 
1837 bezog er das für ihn und seinen Bruder 
Karl Anton, sowie für dessen Sohn Karl er 
baute, durch seine äußere und innere Form und 
Einrichtung, sowie durch seine architektonischen 
Ornamente aus gebranntem Thon höchst originelle 
Wohnhaus in unmittelbarer Nähe der groß 
artigen Fabrikgebäude zwischen dem Weser- und 
dem holländischen Thore. Das Wohnhaus be 
stand aus einem Erdgeschoß und drei Stock 
werken , von welchen sich Werner Henschel 
das oberste wählte und nach seinen künstlerischen 
Zwecken einrichtete. Eine junge Nichte hielt 
ihm Haus und belebte Werner Henschels große 
Räume mit der einem sinnigen Manne so wohl 
thuenden weiblichen Geschäftigkeit. Eine Schwester 
Henschels war an den Justizbeamten Kördell 
in Naumburg verheirathet und nach dem Tode 
ihres Mannes nach Kassel gezogen. Ihre Tochter 
Franziska war dem Onkel Werner Henschel schon 
seit früher Kindheit durch ihren zarten künstlerischen 
Sinn besonders werth geworden. Sie wurde 
seine Hausgenossin und ging ihm neben der 
Besorgung der wirthschaftlichen Geschäfte bei ihrem 
entschiedenen Talent für die Skulptur wie ein 
Lehrling zur Hand. Sie war nicht nur seine 
Gesellschafterin, sie wurde auch seine Schülerin. 
Sie machte es ihm auch möglich, seinem regen 
Sinn für Gastfreundschaft und gesellige Ver 
gnügungen mehr als bisher zu huldigen, und 
wer von Henschels Freunden sollte jemals in 
seinen wirklich glänzenden Abendgesellschaften 
gewesen sein, ohne sich mit Vergnügen, mit Dank 
barkeit und sogar mit Bewunderung daran zu er 
innern? Diese Frage stellt der Biograph Werner 
Henschel's („Neuer Nekrolog der Deutschen") 
der jedenfalls dem Künstler sehr nahe gestanden 
hat, und dessen reizende Schilderung der Häus 
lichkeit Henschel's und der von ihm veranstalteten 
Festlichkeiten wir hier wiedergeben. 
„Zeigt sich", heißt es daselbst, „in Henschel's 
Zimmern überhaupt ein feiner Geschmack, indem 
fast ein jeder Stuhl, ein jeder Tisch, ein jeder 
Bilder- und Spiegelrahmen nach seinen eignen 
Zeichnungen in einem gewissen durchgehenden 
Stile gearbeitet war, und zwar die Möbel 
meist aus schwarzgrünem Holze, so war es doch 
insbesondere sein Ausstellungsatelier, welches 
den Blick eines jeden Fremden wahrhaft über 
raschen mußte. Dieses lag in der Vorderseite 
des Hauses und bestand aus drei architektonisch 
unterschiedenen Abtheilungen, von denen die 
mittlere einen, mehrere Fuß erhöhten Plafond 
hatte und durch ein sehr großes Fenster in 
halber Zirkelform ein für alle drei Abtheilungen 
ausreichendes Licht erhielt, ein Fenster, welches 
zugleich den schönsten Blick über eine weite 
lachende Fläche der gefälligen Umgebungen von 
Kassel gewährte und hierdurch einen zwiefachen 
Effekt hervorbrachte. In diesem Saale arbeitete 
Henschel nur höchst ausnahmsweise, weil er je 
nach Verschiedenheit der Arbeiten größere und 
kleinere Räume benutzte, er hatte aber hier Ab 
güsse von der Mehrzahl seiner Werke ringsum 
ausgestellt oder an den Wänden angemessen an 
gebracht. Gewöhnlich standen die Büsten, Fi 
guren und kleineren Gruppen auf geschmackvoll 
geformten Säulen, welche häufig, ihrem zier 
lichen Gegenstand entsprechend, nur einen sehr 
geringen Durchmesser hatten und oben in einer 
blunienkelchähnlichen Arabeske endigten, so daß 
sich das kleine Kunstwerk auf einem Pflanzen 
stengel zu wiegen schien; dies Alles- bedeutungs 
voll geordnet und zusammengestellt und durch 
eine sogenannte Uni-Tapete von bräunlicher 
Farbe malerisch gehoben, war ganz dazu geeignet, 
um deu der Plastik so eigenthümlichen magischen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.