Full text: Hessenland (6.1892)

Der soeben erschienene 47. Band des „Neuen 
Deutschen Jugendfreundes" von Franz Hoffmann 
(Stuttgart, Verlag von Schmidt u. Spring, 1892, 
Preis geb. 6 Mark) bringt auf Seite 117—124 
einen trefflich geschriebenen Aufsatz über die hessische 
Musenstadt Marburg. Beigefügt ist ein schön 
gelungener Stahlstich, der die uns Hessen theuere 
Stadt nebst ihrem auf besonderem Bilde dargestellten 
Universitätsgebäude wiedergiebt. An den Aufsatz 
schließt sich auf Seite 125 —127 eine Lebens 
beschreibung der heiligen Elisabeth, und auch die auf 
den nächsten fünf Seilen stehende Erzählung „Der 
Heller" von M. Weber spielt auf kurfürstlich (?) 
hanauischem Boden. Leider berichtet auch sic wieder 
von „Blutgeld für hessische Soldaten.« W. W. 
Führer durch das Lahnthal. Von Professor 
Dr. Otto Büchner. Gießen, Verlag von 
Emil Roth, 1891 (VIII. 120 S.) 
Der in der Touristenwelt schon seit langen Jahren 
wohlbekannte Herr Verfasser reicht uns in vorliegender 
Schrift wieder eine höchst dankenswerte Gabe dar. 
Diese Schrift ist eine Neubearbeitung und Erweite 
rung des 1880 in gleichem Verlage erschienenen 
„Führer durch Gießen und seine Umgebung", der 
schon seit längerer Zeit völlig vergriffen war. In 
dem neuen Führer ist die Lahn dargestellt mit ihren 
Seitenthälern von der Quelle bis zum Rhein; be 
sondere Berücksichtigung haben natürlich gefunden 
die Städte Marburg, Gießen, Bad Nauheim, Wetzlar, 
Weilburg, Limburg, Bad Nassau, Diez, Bad Ems. 
Von Gießen führt uns der Herr Verfasser 
lahnaufwärts in die idyllischen Waldgegenden 
des Hinterlandes und sodann lahnabwärts bis 
an den Rhein; nach rechts und links machen 
wir Abstecher in Taunus und Westerwald. Der 
Vogelsberg, wofür 1887 ein besonderer Führer 
erschien (in demselben Verlage), ist nebst der Wetterau 
aus dem Rahmen der neuen Schrift weggefallen. 
In anregender und anmutiger Darstellung macht 
uns der Herr Verfasser, ein sinniger und scharfer 
Beobachter, aufmerksam auf die landschaftlichen Schön 
heiten, die geologischen Verhältnisse, die naturwissen 
schaftlichen Merkwürdigkeiten, insbesondere auch auf 
das geschichtlich Bemerkenswerte der Gegend; über 
all ist Belehrung mit Anregung und Genuß ver 
bunden. 
Zum geschichtlichen Teile seien hier einige kleine 
Bemerkungen und Ergänzungen gestattet. S. 58 
lesen wir.- „1229 kam die Landgräfin Elisabeth 
von Thüringen nach dem Tode ihres Gemahls 
Ludwig IV. (1228) und nach ihrer Vertreibung von 
der Wartburg durch ihren Schwager Heinrich Raspe 
nach Marburg und gründete daselbst ein Hospital." 
Nach den Forschungen von Mielke und Börners 
kann von einer Vertreibung der heiligen Elisabeth 
von der Wartburg nicht mehr die Rede sein; es 
kann sich nur um eine freiwillige Entfernung der 
Landgräfin handeln, die durch einen schwärmerischen 
Hang zur Einsamkeit und Entsagung veranlaßt 
wurde. Die einzige kurze Aussage ihrer Dienerinnen, 
woraus sich jene Mythe von der Vertreibung bildete 
(„ejecta fuit de Castro et de omnibus posses- 
sionibus dotalicii sui“), ist durchaus verdächtig und 
zweideutig. Auch die Annahme von Wegele und 
E. Ranke, daß Elisabeth erst 1229 das Hospital 
erbauen ließ, welcher Annahme Herr Prof. Büchner 
hier folgt, ist irrtümlich, wie das Ablaßschreiben 
Gregor's IX. für das vollendete Hospital vom 
19. April 1229 1 2 ) beweist. Bereits im Sommer 
1228 kam Elisabeth nach Marburg, nahm in Wehrda 
Wohnung und ließ noch in demselben Sommer das 
Hospital errichten, das sie noch im Herbste 1228 
bezog. Ihr Gemahl Ludwig ist nicht 1228, sondern 
bereits am 11. September 1227 verstorben. S. 62 
lesen wir: „Nach dem Tode der heil. Elisabeth (1231) 
wurde Marburg berühmter Wallfahrtsplatz; nun 
wurde die Stadt von Hermann II. befestigt?' Herr 
Prof. Büchner folgt hier einer irrtümlichen Annahme 
von W. Bücking und W. Kolbe. Eine Urkunde 3 ) 
von 1194 zeigt, daß man damals schon nach Mar 
burgischen Denaren rechnete, daß damals also schon eine 
landgräfliche Münze zu Marburg in Thätigkeit war. 
Da also auch für diese Zeit schon das Vorhandensein 
eines befestigten Platzes allda als zweifellos gellen 
muß, muß man die Gründung der Stadt in das 
12. Jahrhundert und zwar wohl auf Ludwig III. 
von Thüringen oder seinen Bruder, den Grafen 
Heinrich Raspe III. zurückführen. Ebenda (S. 62) 
lesen wir: „Doch erlitten diese (die Franzosen) bald 
darauf (1760) bei Marburg eine schwere Niederlage 
durch den Herzog Ferdinand von Braunschweig." 
Eine größere Aktion, resp. ein Sieg Ferdinands hat 
bei Marburg nicht stattgefunden. Gemeint ist offen 
bar das heiße Treffen bei Marburg an der Diemel, 
wo Ferdinand am 31. Juli 1760 die Franzosen 
mit einem Verluste von 6000 Mann (darunter 
1500 Tote) schlug. ^) Zu S. 42 sei noch bemerkt, 
daß die Etymologie „Dünsberg" (Diensberg) von 
1) H. Mielke, Zur Biographie der heiligen Eli 
sabeth, Rostock 1888; G. Börner, Zur Kritik der Quellen 
für die Geschichte der heiligen Elisabeth, Neues Archiv für 
ältere deutsche Geschichtskunde 13 (1888), 433-515. 
Vergl. auch H- Mielke, Heilige Elisabeth, Sammlung 
gemeinverständl. wissenschaftl. Vorträge, herausgeg. von 
Virchow und Wattenbach, N. F. 6. Serie, Heft 125, 
und K. Wenck in Sybels Zeitschr. N. F. 33. Bd., 
S. 209 ff. - 
2) Wyß, Hess. Urkundenb. Bd. I, Nr. 18. 
3) Gefunden von G. Frh rn. S chenk zu S chw ei n s- 
berg im fürst!. Sain-Wittgenstein'schen Archive zu Schloß 
Berleburg (publizirt Arch. f. Hess. Gesch. XV, 701 ff.) 
4 ) Renouard, II., 543 ff.
	        

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