Full text: Hessenland (6.1892)

302 
patriotischen Gesängen bestehen. Am Sonntag den 
4. Dezember, Mittags 12 Uhr, wird ein großer 
Festzug von ca. 70 Vereinen sich vom Mainkanale 
durch die Hauptstraßen Frankfurts nach dem Hessen 
denkmale bewegen, hier einer feierlichen Ansprache 
anwohnen und dann seinen Rückmarsch nach der Land- 
wirthschaftlichen Halle nehmen, woselbst gemeinschaft 
liche Unterhaltung sämmtlicher Festtheilnehmer statt 
findet. Den Schluß des patriotischen Festes wird 
dann Abends 8 Uhr Theater-Vorstellung mit Ball 
im großen Saale des Saalbaues bilden. Die Feier 
verspricht eine großartige zu werden. 
Nekrolog. Am 14. November starb zu 
Rodenberg nach längeren Leiden im 70. Lebens 
jahre der Amtsgerichtsrath Ferdinand Berner, 
ein in den weitesten Kreisen hochgeschätzter und be 
liebter Beamter, dessen Hinscheiden von allen, die 
ihn kannten, lebhaft beklagt wird. Ferdinand Berner 
war 1823 zu Kehrenbach (Kreis Melsungen) als 
Sohn des Revierförsters Wilhelm Berner geboren. 
Er besuchte von Herbst 1836 bis Herbst 1843 das 
Gymnasium zu Marburg und widmete sich dann 
auf der Landesuniversität Marburg dem Studium 
der Rechtswissenschaft. Hier war er ein angesehenes 
Mitglied des Korps Hassia. Nach absolvirtem 
Fakultäts- und Staatsexamen bestand er seinen 
juristischen Vorbereitungsdienst bei dem Justizamte 
zu Hofgeismar. Im Jahre 1856 wurde er zum 
Assessor an dem Justizamte zu Witzenhausen ernannt 
und von da ein paar Jahr später in gleicher Eigen 
schaft an das Justizamt zu Rinteln versetzt. Von 
1861 bis 1863 war er Assessor bei dem damaligen 
Kriminalgerichte zu Fulda. Im April des letzt 
genannten Jahres wurde er zum Justizbeamten in 
Rodenberg ernannt. Seit dieser Zeit war er un 
unterbrochen als Vorstand des dortigen Gerichtes 
thätig und wie sehr er es verstanden hat, sich die 
Liebe und die Hochachtung seiner Amtseingesessenen zu 
erwerben, davon haben die reichen Ehrungen, die ihm im 
Jahre 1888 bei seinem 25jährigen Jubiläum als Amts 
richter von Rodenberg allseitig dargebracht wurden, einen 
vollgültigen Beweis geliefert. In Würdigung seiner 
verdienstvollen Wirksamkeit wurde ibm nicht nur 
Seitens der Stadt Rodcnberg das Ehrenbürgerrecht 
verliehen, die Bürgerschaft ließ es sich auch nicht 
nehmen, ein besonderes Fest ihm zu Ehren zu ver 
anstalten, um auch ihrerseits dem allgemein beliebten 
Manne persönlich die Anerkennung aussprcchen und 
den Dank abstatten zu können. Der Verblichene 
zeichnete sich ebenso durch seine juristischen Kennt 
nisse, seinen Pflichteifer und seine Berufstreue, wie 
durch seine vortrefflichen Charaktereigenschaften aus. 
Er war ein deutscher Biedermann in des Wortes 
voller Bedeutung. Ehre seinem Andenken. 
Hessische Kücherschau. 
Das in Nr. 20 der Zeitschrift »Hessenland" vom 
17. Oktober d. I. angekündigte neue Werkchen unseres 
hessischen Landsmannes Eduard. R. Grebe zu Elber 
feld ist nun in schöner Ausstattung bei G. v. Aigner 
in Darmstadt unter dem Titel St. Elisabeth 
erschienen, und wir verfehlen nicht unsere Leser auf 
dieses, einen hochinteressanten vaterländischen Stoff 
behandelnde Gedicht aufmerksam zu machen. Erscheint 
doch das Büchlein gerade zur rechten Zeit, um als 
schöne Gabe den Weihnachtstisch zu zieren. 
Der uns aus seinem früheren Epos: »Der Fall 
der Donnereiche" bekannte und vielen Landsleuten 
lieb und werth gewordene Verfasser hat es auch bei 
der Behandlung seines jetzigen Stoffes verstanden, die 
tiefsten Saiten des ' deutschen Gemüthslebens anzu 
schlagen. Ließ er uns in jenem Epos den gewaltigen 
Kampf in den starken Herzen unserer Väter mit 
erleben, den gerade die besten und treusten Helden zu 
bestehen hatten, als ihr noch in voller Kraft stehender 
Glaube an die alten, vaterländischen Götter in Wider 
streit trat mit der glaubensfreudigen Predigt des 
Evangeliums aus dem Munde des heil. Bonifatius, 
so hat er nun die völlige Aneignung des christ 
lichen Glaubens an dem Leben der heil. Elisabeth 
zur Anschauung gebracht. In dem tiefen, treuen und 
starken Herzen dieser Stammesmutter unseres hessischen 
Fürstenhauses hat der innige, sich ganz dem himm 
lischen König und Herrn hingebende Glaube schon 
früh feste Wurzel geschlagen und die irdische Liebe zu 
ihrem mit allen männlichen Tugenden gezierten 
Gemahl geheiligt. Die Verherrlichung dieser treuen, 
keuschen ehelichen Liebe gehört zu den besten Partieen 
unseres Büchleins. Durch den bitteren Schmerz über 
den frühen Tod ihres heldenmüthigen Gemahls, den 
er auf einer Kreuzfahrt, fern von seinem geliebten Weibe, 
seinen Kindern, aber umgeben von seinen treuen Helden 
erleidet, wendet sich das Herz der Fürstin von allen 
irdischen Gedanken und weltlicher Lust ab und kennt nun 
kein anderes Lebensziel mehr, als in der Liebe ihres Him 
melskönigs zu ruhen. Sie will ihm aber dadurch ihre 
Liebe erweisen, daß sie sich der Armen und Elenden 
ihres Volkes erbarmt, die in der Welt Verlassenen 
und Unglücklichen der erbarmenden Liebe des Heilandes 
zuführt, und auch ihre Herzen für den gewinnt, 
der auch die tiefsten und bittersten Schmerzen stillen 
will und stillen kann. 
Das ist der wesentliche Inhalt unseres Büchleins 
und unseren auf das materielle gerichteten und die 
höchsten Güter des deutschen Gemüths- und Glaubens 
lebens gering achtenden Zeitgenossen eine großartige 
aber auch liebliche Mahnung der Vorzüge zu ge 
denken und wieder nach ihnen zu verlangen, die unser 
Volk groß und herrlich vor allen Völkern gemacht 
haben. §°>
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.