Full text: Hessenland (6.1892)

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ab — gesetzlich eingeführt. Wir finden in der 
genannten Nummer Korrespondenzen aus London 
vom 18. August, von der Nieder-Elbe, also wohl 
Hamburg 23. August alten Styls, dagegen aus 
Wien vom 3., Lothringen vom 4., Regensburg, 
Straßburg und Brüssel vom 7 , Hamburg 
vom 5., Lüttich, Aachen, aus dem Haag vom 
9. September, sämmtlich neuen Styls. Die 
Differenz zwischen dem alten und neuen Kalender 
betrug damals 10 Tage. Doch ist es fraglich, 
ob sowohl die Orte wie die Data stets der 
Wahrheit entsprechen, da ein Zeitungsschreiber 
manchmal Grund haben mochte, die Herkunft 
seiner Nachrichten zu verschleiern. Nur ganz 
vereinzelt findet sich eine Annonce vor, meist 
zur Zeit der Frankfurter Messe und betrifft 
dann Bücheranzeigen. Der Abonnementspreis 
ist aus dem Blatt selbst nicht ersichtlich. Aus einer 
allerdings viel späteren — 1740 — gemachten 
Angabe des Zeitungsbesitzers erhellt, daß er den 
Werth eines Frei-Exemplars mit 3 Gulden jähr 
lich berechnete. Ebenso hoch stellt sich für ihn 
der Preis der Frankfurter und Nürnberger 
Zeitungen. Das Porto, welches die Post erhält, 
kann hierin nicht mitbegriffen sein, wohl aber 
in dem Kostenansatz für die französischen Leyden'sche 
und Brüsseler Zeitung mit 15, resp. 10 Gulden 
30 Kreuzer. 
Justus Böff hatte zwei Söhne und drei 
Töchter, die ihm in den Jahren von 1680 bis 
1690 geboren worden waren. Der jüngste Sohn, 
Johann Carl, setzte nun zunächst mit der Mutter 
und nach deren, schon am 14. Juni 1712 er 
folgtem Tode das Geschäft allein fort. Die dem 
Vater so oft erzeigte Gunst der Hanauischen 
Regierung blieb auch dem Sohne erhalten. 
Diese steht dem Zeitungsschreiber gegen alle Be 
schwerdeführer treu zur Seite und ist unerschöpf 
lich in Entschuldigungsgründen. Großen Herren 
gegenüber wird auch das kaiserliche Privileg 
vorgeschützt, unter dessen Autorität Böff allein 
drucke „ohne daß die hiesige Landesherrschaft 
oder deren nachgesetzte Regierung den geringsten 
Theil an seinem Zeituugsschreiben oder dessen 
vorreotur nimmt". Das geschieht z. B. gelegent 
lich einer Klage des czarischen Gesandten zu 
Wien, Baron von Urbich, 1712, der mit 
„Ahndung" droht, wenn sich die antirnssische 
Haltung der Europäischen Zeitung nicht ändere, 
ebenso dem königlich polnischen Residenten zu 
Frankfurt, Steinheil, gegenüber 1714. Weniger 
Umstände werden mit anderen Anklägern gemacht, 
wie einer Gräfin Wiescr, 1711, Fürstlich Eise- 
nach'schen Behörden — wegen des Berichts über 
einen Studentenkrawall — 1713, Fürsten von 
Löwenstein 1714, u. s. w. Da wird wohl die Jugend 
Böff's hervorgehoben, auch sein Bildungsgrad. 
„Daß ein Zeitungsschreiber, heißt es unter 
Anderem, zu welchem Handwerk eben nicht wohl 
studierte und sonst habile Leute insgemein gebraucht 
werden, gar leicht durch einen anderen Zeitungs 
schreiber, das ist einen ebenso unverständigen 
verleitet, und zur Vorbringung ohnwahrhafter 
und öfters auch ohngereimbter Dinge gebracht 
werden könne." 
Ob damals schon Johann Martin Kühn, der 
unter Johann Carl Böff's Nachfolger mehr in 
den Vordergrund tritt, im Geschäft thätig ge 
wesen ist. lassen die Akten nicht erkennen. Doch 
ist es wahrscheinlich, daß Johann Carl irgend 
eine Stütze gehabt hat, da er erst 19 Jahr alt 
war als der Vater starb. Ihm selbst ist es nur 
zehn Jahre vergönnt gewesen der Europäischen 
Zeitung vorzustehen, er starb als Neunundzwanzig- 
jähriger am 15. Mai 1719. Seine Ehefrau 
war Maria Elisabeth, geb. Wessel. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus alter und neuer Zeit. 
Zehn neu aufgefundene Gedichte 
Emanuel Geibels. Die von uns schon mehr 
fach erwähnte Zeitschrift „Universum" (Dresden 
Alfr. Hauschild's Verlag) veröffentlicht in ihrem 
neuesten Heft (Nr. 7) zehn neu ausgefundene 
Gedichte Geibels Der Dichter steht uns Hessen 
besonders nahe. Er selbst singt von sich einmal: 
„Und kam ich auch am Nordseestrand 
Das Licht der Welt zu suchen, 
Mein Stammhaus steht im Frankenland, 
Zm Dorf zu Wachenbuchen/ 
In Wachenbuchen bei Hanau war es, wo die 
Eltern Geibels als Pfarrersleute lebten, bis sie nach 
Lübeck übersiedelten; dort erblickte Emanuel das Licht 
der Welt. Wir haben also alles Recht, ihn zu den 
Unsern zu zählen. Nun aber zu den Gedichten. 
Es sind Erstlingsgedichtc, die Hugo Gädertz, der 
bekannte Lübecker Literaturhistoriker im „Universum" 
veröffentlicht, aber sie bekunden schon den Besitz hoher 
dichterischer Begabung, der im gereiften Manne zur 
Vollendung heranreifen sollte. Wir wählen zwei 
stimmungsvolle Gedichtchen heraus: 
A b e n d b i l d. 
Sichst du dort die alte Kirche? 
Hörst die Glocke hell und rein? 
In den bunten Fenstern spiegelt 
Sich der rothe Abendschein.
	        

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