Full text: Hessenland (6.1892)

ihm dabei behilflich gewesen sein. Von Mainz 
aus ließ er Streifzüge unternehmen mit der 
Aufgabe, die Main- und Lahngegend zn insur- 
piren. Revolutionäre Aufrufe wurden überall 
verbreitet, doch die Bestrebungen der französischen 
Jakobiner scheiterten an dem gesunden und 
loyalen Sinne der deutschen Bürger, namentlich 
in unserem Hessenlande. Bei einem der ersten 
Streifzüge, am 22. Oktober, war leider die alte 
Kaiserstadt Frankfurt den Franzosen ohne 
Schwertstreich in die Hände gefallen. Die Stadt 
mußte zwei Millionen Livres Brandschatzung 
zahlen, und sieben ihrer angesehensten Bürger 
wurden als Geiseln nach Frankreich geschleppt. 
Auch noch an weiteren Drangsalen aller Art 
fehlte es nicht. Inzwischen hatten die preußische 
Hauptarmee und das hessische Hilfskorps den 
Rückzug aus der Champagne vollendet und bei 
Koblenz und an der Lahn Stellung genommen. 
Nun drang König Friedrich Wilhelm II. von 
Preußen auf Wiederaufnahme der Offensive, die 
mit der Befreiung Frankfurts beginnen sollte. 
Unter seiner persönlichen Führung setzten sich 
preußische, Hessen-kassel'sche und hessen-darm- 
städtische Truppen dahin in Bewegung. Die 
hessischen Truppen waren bereits ain 25. No 
vember von Marburg aufgebrochen, hatten sich 
am 26. November bei Gießen mit der von 
Herborn herangezogenen Abtheilung des preußischen 
Generals von Kalkreuth vereinigt und waren 
am 28. November auf der Höhe der Friedbergcr 
Warte angelangt, wo sie Stellung nahmen. 
Dem hessischen Korps wurde die ehrenvolle 
Bestimmung, den Sturm auf Frankfurt zu 
unternehmen. Nach der gegebenen Disposition 
sollte der Angriff am 2. Dezember, einem 
Sonntage, früh Morgens durch vier verschiedene 
Kolonnen stattfinden. Die 1. Kolonne, aus 
einem Bataillon des in Hanau garnisonnirenden 
Infanterie-Regiments von Kospoth und dem 
hessen-darmstädtischen Chevauxleger-Regiment be 
stehend, sollte in der Nacht vom 2. Dezember 
bei Rumpenheim den Main überschreiten und 
von Oberrad gegen Sachsenhausen marschiren. 
Eine 2. Kolonne, aus dem 2. Bataillon des 
Regiments von Kospoth bestehend, sollte auf 
verdeckten Schiffen den Main hinabfahren, unter 
halb der Mainbrücke, dem sog. Metzger-Thore, 
landen und dann im Innern der Stadt Frank 
furt gegen das Allerheiligen-Thor vordringen. 
Die 3. Kolonne, bestehend aus dem leichten In 
fanterie-Bataillon Lenz, dem Grenadier-Bataillon 
von Eschwege, dem 2. Bataillon Garde, dem 
Leib-Regiment, dem hessischen Husaren-Regiment 
und einer Abtheilung pommerscher Dragoner 
unter deni Befehle des Generalmajors von 
Hanstein, erhielt ihren Sammelplatz zu Born 
heim und war zum Angriff auf das Allerheiligen- 
Thor bestimmt. Die 4. Kolonne, bestehend aus 
dem Jägerkorps, dem Grenadier-Bataillon Prinz 
von Hessen-Philippsthal, dem Regimente Garde- 
Grenadiere, dem 1. Bataillon Garde, der Es 
kadron Garde du Corps, dem Regimente Kara 
biniers und einer Batterie preußischer schwerer 
Artillerie, unter dem Kommando des General 
majors von Wurmb, erhielt ihren Sammelplatz 
an der Friedberger Warte und sollte das 
Friedberger Thor erstürmen. Sämmtliche Ko 
lonnen sollten am Morgen des 2. Dezember 
mit dem Glockenschlage 7 Uhr zum Angriff an 
treten. Wenn die Thore geschlossen gefunden 
würden, sollte die Artillerie vorgezogen werden, 
um dieselben einzuschießen, die Zimmerleute, die 
deßhalb mitzufühlenden Bohlen über die Streck 
balken der Zugbrücken legen, dann sofort die 
Infanterie eindringen und die hierzu bestimmten 
Abtheilungen der verschiedenen Kolonnen auf 
der Zeil und auf dem Roßmarkt zusammentreffen. 
Die hessischen Truppen rückten am Morgen 
des 2. Dezember schon vor 4 Uhr aus ihren 
Kantonnirungen zu Bergen und Seckbach u. s. w. 
aus und fanden sich daher schon vor 5 Uhr in 
der ihnen vorgeschriebenen Ordnung bei Born 
heim und an der Friedberger Warte aufgestellt. 
Leider sollte der Angriff einen den hessischen 
Truppen unwillkommenen Aufschub erfahren, bis 
endlich halb 9 Uhr, als eben das feierliche zum 
sonntäglichen Gottesdienste rufende Geläute der 
Kathedrale begonnen, der Befehl zum Vorrücken er 
folgte. Nach den, ans dem Einverständniß mit den 
Frankfurter Bürgern beruhenden Nachrichten, 
sollten die Thore mit Anbruch des Tages offen 
sein; die Kolonnen versuchten deßhalb sich den 
Thoren verdeckt zu nähern, um schnell durch 
dieselben einzudringen. Mit gewohnter Ent 
schlossenheit und Ordnung gingen die Hessen 
zum Sturm gegen die Thore vor. Die vierte 
Kolonne, deren Spitze Kapitän Ochs mit seiner 
Jägerkompagnie bildete, rückte im Geschwind 
schritt gegen das Friedberger Thor. Man sah 
ans einiger Entfernung, daß die große Zug 
brücke wirklich herabgelassen war. Mit Jubel 
geschreistürzten die Jäger im raschesten Laufe darauf 
zu; ihnen folgten in geschlossener Kolonne das 
Grenadierbataillon Prinz von Hessen-Philipsthal. 
Die Jäger waren nur noch wenige Schritte von 
der Zugbrücke, als diese vou der feindlichen 
Thorwache in die Höhe gezogen und die Jäger 
sowohl wie die Grenadiere mit einem mörderischen 
Feuer von den Wällen empfangen wurden. Die 
Jäger wichen diesem zwar dadurch aus, daß sie 
sich in die zunächst zu beiden Seiten der Heer 
straße gelegenen Gärten vertheilten und hier aus 
Gartenhäusern und durch Mauern und Gürten
	        

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