Full text: Hessenland (6.1892)

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und ihren Dienern allen Einfluß genommen 
und — alle Zehnten. Schlimme Zeit für Euch." 
Grimmig entgegnete der Priester, den die 
leichtfertige Rede des munteren Sängers verdroß : 
„Hier im Hessenlande wird viel Blut fließen, 
ehe der Altar Allvaters stürzt. Sie sollen sich 
wohl wahren, die Verkünder des falschen Gottes, 
Mund und Hand zu erheben gegen das, was 
uns heilig ist", und ein sinsterer Blick fiel auf 
Willbrod, der mit Hilda leise sprach. 
(Fortsetzung folgt.) 
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Ans Heimach und Fremde. 
Am 6. Januar, dem Sterbetage Friedrich 
Wilhelm's, des letzten Kurfürsten von 
Hessen, war dessen Grabstätte auf dem alten 
Friedhofe zu Kassel reich mit Lorbeerkränzen und 
Schleifen in roth-weißen Farben geschmückt, welche 
die Angehörigen der fürstlich Hanauischen Familie 
und andere hohe Anverwandte sowie Persönlichkeiten, 
die einst dem knrhessischen Hofe nahe standen, halten 
niederlegen lassen. Trotz der schlechten Witterung 
war die Grabstätte während des ganzen Tages zahl 
reich besucht. 
Der rühmlichst bekannte Komponist Dechant 
He inrich Fidelis Müller zu Amöneburg, früher 
in Kassel, dessen „Weihnachts-Oratorium" bereits in 
nahezu 1000 Städten des In- und Auslandes zur Aus 
führung gelangte, und dessen geistliche Festspiele „die 
hl. drei Könige" und „St. Elisabeth" gleichfalls eine 
sehr günstige Aufnahme fanden, ist in Anerkennung 
seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der 
Kirchenmusik zum Eh r e n m i t g l i e d e der A ka d e m i e 
St. Cäcilia in Rom, der ältesten von allen 
Musik-Akademien, ernannt worden. Es ist dies 
eine ganz besondere Auszeichnung, die nur selten 
an Ausländer verliehen wird. Wie wir ver 
nehmen, hat Herr Dechant Müller soeben ein neues 
größeres musikalisches Werk „Die Passion" in sieben 
Bildern für Soli und gemischten Chor mit Klavier 
begleitung vollendet, welches im Februar d. I., gleich 
seinen früheren Kompositionen, im Kirchenmusik- 
Verlage von A. Maier zu Fulda erscheinen wird. 
Auch diese neue, im klassischen Oratorien-Stile 
gehaltene, von inniger Andacht und warmer Empfindung 
durchwehte Schöpfung des Komponisten ist nach dem 
Urtheile von Fachmännern dramatisch schwungvoll 
gestaltet und von tief ergreifender Wirkung. 
Unser hessicher Landsmann Adam Trabert in 
Wien hat jetzt seinen vortrefflichen lyrischen Dichtungen, 
von denen in erster Reihe die 1889 in drei Abtheilungen 
erschienenen „Deutschen Gedichte aus Oesterreich" zu 
nennen sind, ein dramatisches Werk „Elisabeth, Land 
gräfin von Thüringen und Hessen" folgen lassen. 
Die Wiener Zeitung „das Vaterland" rühmt demfünf- 
aktigen, mit Vorspiel versehenen Schauspiele groß 
angelegten dramatischen Aufbau, geschickte Verwerthung 
des kulturhistorischen Stoffes, poetische Detailmalerei, 
Schönheit der Sprache und nicht zuletzt überall her 
vortretende biihnentechnische Gewandtheit, musterhafte, 
plastische Zeichnung der Charaktere nach und spricht 
den Wunsch aus, daß das Werk im Repertoire des 
Wiener Burgtheaters einen Platz erhallen möge. 
Der Verfasser brachte das Drama am 6. und 20. 
Dezember v. I. vor einem Kreise kunstsinniger Zu 
hörer in Wien zur Vorlesung und fand damit uu- 
getheilten lebhaften Beifall. Wir werden darauf 
zurückkommen. 
Karl Haskarl. Am 6. Dezember 1891 beging 
zu Cleve in aller Stille der Botaniker Justus Karl 
Haskarl seinen 80. Geburtstag. Ihm gebührt das 
Verdienst, den Chinabaum von den Anden nach Java 
verpflanzt zu haben, ein Verdienst, um deswillen sich 
Haskarl den Dank der gesammten Menschheit erworben 
hat. Es ist bekannt, welche bedeutsame Stellung 
die Chinawurzel unter den Arzneimitteln einnimmt, 
und wie sehr deren Werth noch gestiegen ist, seit in 
Folge der kolonialen Unternehmungen Europäer in 
immer größerer Zahl in den Malariaklimaten zu 
leben gezwungen sind. Bis zur Mitte unseres Jahr 
hunderts war die einzige Bezugsquelle der Chinarinde 
die südamerikanische Heimath des Chinabaumes. Hier 
wurde, weil der Bedarf an Chinarinde groß war, in 
den Chinawäldern eine wahre Raubwirthschaft ge 
trieben, in dem Maße, daß sich Stimmen erhoben, 
die voraussagten, der Cinchonabaum werde dereinst 
noch ganz ausgerottet werden. Die ersten Versuche, 
den Chinabaum von den Anden anderswohin zu ver 
pflanzen, die von den Franzosen unternommen wurden, 
mißlangen. Da griff 1651 der holländische Kolonial 
minister Pahud den Plan auf, den Chinabaum auf 
den Sundainseln einheimisch zu machen. Er betrieb 
das Unternehmen geschickter als die Franzosen. Vor 
allem verstand er es, den rechten Mann mit dem 
wichtigen Werke zu betrauen. Es war dies ein 
Kur Hesse von Geburt, Justus Karl Haskarl, 
geboren am 6. Dezember 1811 zu Kassel als 
Sohn des Rechnungs-Probators bei dem Berg- nnd 
Salzwerk-Departement Haskarl. Frühzeitig kam Karl 
Haskarl nach Bonn, wohin sein Vater als Oberberg- 
amts-Revisor versetzt worden war. Dort besuchte er 
das Gymnasium und trat dann bei dem botanischen 
Garten zu Poppelsdorf als Gärtnerlehrling ein. 
Nach beendeter Lehrzeit widmete er sich beni Studium
	        

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