Full text: Hessenland (6.1892)

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Des Waldes Herbstlied. 
Es singt der Wald sein altes Lied 
Vom Werden und Vergehen, 
Wann durch die falben Blätter zieht 
Des Herbstwind's wildes Wehen. 
Doch fallen auch die Blätter ab 
Im Herbst rings von den Bäumen: 
Der Lenz pflegt nach des Winters Grab 
Nicht lange mehr zu säumen. 
Dann grünt und blüht es wunderbar. 
Ein fröhlich Auferstehen 
Wirst du vielleicht im nächsten Jahr 
Im Frühling wieder sehen. 
Doch sei's, daß holde Frühlingspracht 
Dein Herz nicht mehr erlabe, 
Du weißt, daß Gottes Wundermacht 
Schafft Leben aus dem Grabe. 
Es blüht nach banger Todesnacht 
Für die erlösten Herzen 
Ein Frühling voller Licht und Pracht, 
Ohn' alles Leid und Schmerzen. 
Drum hör' des Waldes Lied ich gern 
Vom Werden und Vergehen, 
Weil meines Glaubens Kern und Stern 
Weist auf das Auferstehen. 
Ktard Mskamp. 
Aus Heirnath und Fremde. 
(Ein Hessen-Denkmal.) Die Turner 
schaft von Esch wege hat den gewiß echthessischen 
Gedanken gefaßt, die letzte Ruhestätte der fünf, im 
Februar 1807 auf der Werra-Insel, dem 
sogenannten Werdchen bei Eschwege, von den Fran 
zosen kriegsgerichtlich Erschossenen, die sich 
hervoragend an der Schilderhebung der allhessischen 
Soldaten gegen das französische Gouvernement be 
theiligt hatten, der Vergessenheit durch ein Denk 
mal zu entziehen. Ein Löwe auf einem Sockel von 
hessischem Sandstein, in welchem eine Tafel die 
Namen der Braven nennt, soll die Stätte bezeichnen, 
wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben. — 
Schon seit dem Jahre 1888 trägt sich die wackere 
Turnerschaar mit diesem Gedanken und brachte zur 
Verwirklichung desselben nahezu 200 Mark auf, 
jetzt hofft sie durch Veranstaltung von Abendunier 
haltungen während des Winters den Fonds derart 
zu erhöhen, daß die Kosten bestritten werden können. 
Die erste dieser Abendunterhaltungen fand bereits am 
28. v. M. statt. Dieselbe wurde eingeleitet durch 
den nachstehenden, von Ludwig Mohr verfaßten 
und von Fräulein I. Hoch Hut h gesprochenen 
Prolog: 
„Hat denn die Zeit mit ihrem raschen Flügel 
So ganz schon die Begeisterung verweht? 
O Schmach! daß über dem versunknen Hügel 
Noch keine Marmorpyramide steht, 
An der im stolzen Kranz von Eichenblättern 
Dem Wandrer und der Nachwelt Kunde wird. 
Die Namen grüb ich ein mit gold'nen Lettern, 
Die diese braven Todten einst geführt!" 
So sang von altem Hessen-Schrot und Korne 
Ein Dichter*) einst in seinem heil'gen Zorne. 
Und was er sang, sang er nicht in die Winde; 
Zu Kassel, auf dem Forst, liegt jetzt ihr Stein. — 
Daß er der Nachwelt brave Helden künde, 
Grub man darauf viel edle Namen ein. 
Was thaten sie, die dorten ruhn, die Todten? 
Was soll der Stein, der solche Namen nennt? 
Das sind die Namen echter Patrioten, 
Die Opfer vom Franzosen-Regiment, 
Die mit dem Tod besiegelten das Streben: 
Für's Vaterland ihr Alles hinzugeben. 
Doch eine Stätte weiß ich hier zu Lande, 
Für die das Dichter-Mahnwort jetzt noch gilt, 
Und die dem heutigen Geschlecht — o Schande! 
Fast spurlos ist geschwunden vom Gefild. 
Kein Blumenschmuck verräth das Ehrenbette, 
Auf weitem Friedhof kündet es kein Baum, 
Kein Hügel zeichnet es in dem Bosquette, 
Und selbst die Alten kennen es noch kaum, 
D'rin sie die bravsten der Soldaten haben 
Zm Friedhofswinkel an den Zaun begraben. 
Warum? Es galt dem allen Kriegsherrn Treue, 
Und Fahnentreu war das Palladium, 
Für das sie Gut und Blut in heil'ger Weihe 
Einsetzten und den alten Kriegerruhm. 
Was sie gewollt, das scheiterte. — Verrathen 
Sah sie in Fesseln bald das Morgenroth, 
Und für die Fünf, die bravsten der Soldaten 
Da herrschte streng der Franken Cäsar: Tod. 
So starben auf dem Werdchen, auf dem Sande 
Die Fünf, getreu dem Fürst und Vaterlande. 
Hochherzig — gönnte der Franzosen-Dünkel, 
Den Ruhplatz zwar an gottgeweihter Stell' 
Den Braven, doch nur an dem Zaun im Winkel 
Bis zu dem großen Allerwelts-Appell. 
Kein Blumenschmuck verräth das Ehrenbette, 
Es zeichnet aus es heut' auch nicht ein Baum, 
Kein Hügel kündet es in dem Bosquette, 
Und Alles klingt herüber wie ein Traum. 
Nun wollen wir — die Enkel — alte Schuld einlösen: 
Die Nachwelt'soll der Braven Namen lesen. 
Auf ihrer Gruft soll sich ein Mal erheben, 
Wir graben ihre Namen ein in Stein, 
Und was wir so mit hohem Muth erstreben, 
Es wird zur Ehre unsrer Stadt gedeih'n. 
Deßhalb sind wir versammelt! Steine tragen. 
Gilt es mit rascher Hand zum Monument. 
*) Karl Lynker, der Verfasser der klassisch geschriebenen 
„Geschichte der Insurrektionen wieder das westfälische Gou 
vernement."
	        

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