Full text: Hessenland (6.1892)

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ihn Demuth, Geduld, Ergebung in den Willen 
Gottes, Treue gegen seinen Herrn, wir lehren 
ihn, ein rechter Knecht zu sein, auf daß er einst 
eingehe zur ewigen Seligkeit." 
„Ich will mit Dir hier nicht streiten, Jüng 
ling, am Herde Childerich's. Ich kenne Eure 
Lehren, Dein Meister Winfried war bei mir. 
Eure Samenkörner fallen bei uns hier auf Felsen. 
Von Glück dürft Ihr fremden Männer sagen, 
daß der Frankenkönig Euch schützt, sonst könnte 
Euer Herzblut leicht den Boden färben , wenn 
Ihr die Götter lästert. Noch dreimal sinkt die 
Sonne, dann begeht der Niedergau das Fest 
Donar's, des Herrn. An jenem Tage, Fremder, 
halte Dich verborgen, denn leicht könnte sich der 
Zorn gegen Euch kehren. Sei gewarnt!" 
Der Priester erhob sich, um davon zu gehen, 
als sich draußen heller Jubelruf erhob, der sich 
stärker werdend der Halle nahte. Alle horchten auf, 
ein Jüngling sprang in die Halle und rief freu 
digen Angesichts: „Herr, Rodwalt kommt!" 
„Dacht ich's doch", rief Childerich, und auch 
sein Angesicht überflog Helle Freude, so Heribert's 
und des Priesters. Auch die rauhen Gesellen 
auf den Bänken am Ende der Halle erhoben 
sich. Der Ruf draußen dauerte fort, und in 
der Thüröffnung dicht unidrängt von Kriegern 
Und Freien, von Knaben und Mägden, trat 
Rodwalt in die Halle. 
„Heil Dir, Rodwalt!" schrie Childerich mit 
mächtiger Stimme, „sei willkommen, Mann!" 
„Heil Rodwalt!" riefen Alle. 
„Dir sei Heil, Childerich, und Allen", sagte 
Rodwalt und schritt zum Herde. Ein noch 
junger Mann von schlanker Gestalt, der sich ein 
hirschledernes Gewand eng anschloß, mit offenem, 
freundlichem Antlitz, das braunes Haar umwallte, 
schritt auf Childerich zu, der ihm freudig die 
Hände entgegenstreckte. 
„Sei willkommen, Mann, — Du bist lange 
nicht des Weges gefahren. — Wein, Bursche! 
Wollt Ihr den Sänger des Hessenlandes ver 
dursten lassen?" 
Herzlich grüßte der Ankömmling Hilda, Heri 
bert und den Priester und blickte dann Willbrod 
an, der sich wie die Anderen erhoben hatte: 
„Ich bin Willbrod, der Angelsachse, ein Diener 
meines Herrn Jesus Christus." 
„So?" lächelte Rodwalt, „ja, ich kenne Deines 
gleichen. Gieb mir die Hand, Mann, wir wollen 
Frieden halten. Ich bin Rodwalt, ein schlichter 
Freisasse von Thiutmelle am Habichtswald." 
„Der Goldmund des Landes ist er, der Lieb 
ling der Hessen. Trink, Rodwalt, laß Dich 
nieder, wo Du einkehrst, herrscht Freude", ries 
Childerich, und der Gast ließ sich nieder aus 
den dargebrachten Sessel, das Horn, welches ihm 
ein Jüngling bot, ergreifend und tiefen Zug 
daraus nehmend. 
Die Halle hatte sich am Eingang dicht gefüllt 
mit allen Angehörigen des Hauses und vielen 
Nachbarn von den freien Höfen, welche Rodwalt 
gefolgt waren. Im Eingang und draußen vor 
demselben drängten sich eifrig Knechte, Mägde 
und Knaben, alle mit freudigen Gesichtern auf 
den Ankömmling blickend. 
„Hei, Nachbarn," rief Childerich, „seid will 
kommen ! Hat Euch der Liedermund hierher 
gelockt? Seid willkommen, Alle! Wein, — 
gebt Wein. Heil Euch, Männer!" 
Ein donnerndes „Heil Childerich!" war die 
Antwort, und Knechte beeilten sich, Wein und 
Bier in Bechern, Kannen und Hörnern aus 
zutheilen. 
Rodwalt, wie er gesagt, ein Freisasse von 
Thiutmelle, war der Liebling des Landes weit 
und breit, fröhlich, freundlichen Herzens und 
freundlichen Wesens, gutmüthig, das Letzte mit 
dem Bedürftigen theilend, immer bereit in guter 
Sache das Schwert zu ziehen, wahrte er in 
seinem Gedächtniß mit unwandelbarer Treu die 
herrlichen Lieder der Vorzeit und wußte sie 
gar anmuthig vorzutragen. 
Das war's, was ihn vor Allem zum Liebling 
des Volkes machte, denn nimmer genug konnten 
die Männer hören vom Heldensang der Vor 
fahren, und selbst die Frauen horchten gern, ab 
sonderlich, wenn er von Reineckens tollen Streichen 
sang. 
Es war, wie Childerich gesagt: wo Rodwalt 
einkehrte, herrschte Freude. 
„Ei, wie ist Schön-Hilda emporgewachsen, 
gleich einer Blüthe, die sich im Sonnenstrahl 
entfaltet, seitdem ich sie zuletzt gesehen", sagte 
der Sänger und reichte ihr die Hand. 
„Und, wie ein Vöglein mir in's Ohr saug, 
wird Heribert die Blume von Friedeslar in seine 
Kammer führen?" 
Hilda nickte. 
„So muß ich wohl ein Lied richten für Schön- 
Hilda und den wilden Jäger?" 
„Ja, Rodwalt," rief Heribert fröhlich, „ver 
schöne das Fest mit Deinem Lied, wir wollen 
es Dir danken." 
„Nun, es soll nicht fehlen. — Rodwalt ist da, 
wenn Ihr vor die Alten tretet zum heiligen 
Gelöbniß." 
Er schüttelte dann dem Priester die Hand 
und sagte mit leichtem Lächeln, indem sein Blick 
den jungen Glaubeusboten streifte: „Dein Antlitz 
ist ernst, Vater, — diese Braunröcke machen Dir 
Sorgen, nicht? Ja, es ist schlimme Zeit für 
Euch," fuhr er fort, „da unten im Süden haben 
sie lange schon die Altäre der Götter gestürzt
	        

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