Full text: Hessenland (6.1892)

seinem Werke „Stillleben", 2. Bd. S. 172 fffg., 
fällt: 
„In der That," schreibt derselbe, „hat der 
vaterländisch-hessische Künstler ein Kunstwerk 
geschaffen, das mit den letzten Produktionen des 
berühmten Thorwaldsen wetteifern kann. Stellt 
man einen Vergleich an zwischen dem Bonifatius- 
denkmal und der zwei Jahre zuvor zu Mainz 
enthüllten Bildsäule Guttenberg's, so fällt der 
selbe unbedingt zu Gunsten jenes aus, das weit 
bedeutender und imposanter als diese ist. Viel 
leicht war der Künstler durch seinen Gegenstand 
begünstigter. Der Erfinder Guttenberg hat ein 
in sich versunkenes träumerisches Aussehen. Der 
selbe trägt seine erstgedruckte Bibel gebunden und 
geschlossen mit der Linken an's Herz gedrückt, in 
halbgesenkter Rechten die Typen haltend, mit denen 
er das Buch zu Stande gebracht. Beinkleid und 
Wams liegen an den wohlgeformten Gliedern 
faltenlos an, das Ueberkleid hängt faltig unter dem 
breiten Kragen am Rücken herab, das runde 
Mützchen mit der Quaste bedeckt ein kurz ge 
haltenes lockiges Haar und der Bart des edlen 
ruhigen Angesichts liegt zweitheilig und wohl 
gekämmt auf der Brust. 
„Auch der Henschel'sche Bonifatius führt die 
Bibel mit sich, aber aufgeschlagen und an das 
Herzblatt angelehnt. Das Buch spricht durch 
das laut hervortretende Wort. Die Rechte hält 
ein Kreuz, aber emporgehoben, zur Bekehrung 
der Ungläubigen vorgestreckt. Bonifatius tritt 
also mehr handelnd auf, während Guttenberg 
denkend dasteht, diese Stellung, diese wuchtige 
Geberde hat beim ersten Anblick etwas Lebendiges, 
Ergreifendes, das jedoch bei fortgesetzter Anschauung 
weder beunruhigt noch erstarrt, indem die hier 
fixirte Handlung des Predigers, des Verkündi 
gers des Christenthums, als an sich etwas 
Andauerndes, unvermerkt über das eherne Bild 
ein hinreichendes Maß jener Ruhe verbreitet, 
die einem plastischen Werke unentbehrlich ist. 
An der Hand, die das Kreuz emporstreckt, ist 
der Zeigefinger sinnreich gen Himmel gerichtet. 
Das Kreuz ist aus Tannenstücken zusammengefügt, 
man sieht noch die Stummel der abgeknickten 
Aestchen. Der wandernde Prediger hat das 
Zeichen seiner Lehre im nächsten Walde 
oder vor den Hütten der Heiden abgenom 
men , die er bekehren will; wie können sie 
noch der Verkündigung widerstehen, zu deren 
Symbol sich ihre eigenen Wälder schon bekehrt 
haben? Erst hat das Evangelium den Wald 
erobert und bringt nun von dort die einfache 
Waffe zur Besiegung der Herzen mit. Bart 
und Haare des Heiligen verrathen durch ihre 
Fülle die Stärke des Naturells; etwas Verwor 
renes in diesen Locken ziemt der Unachtsamkeit 
des Apostels auf körperliche Pflege. Das Antlitz 
selbst von edler Form zeigt in den eingesunkenen 
Wangen des besten Alters einen Geist, der mit 
der Glut für seine heilige Sentenz den Körper 
abzehrt. Der halbgeöffnete Mund strömt eben 
die Verkündigung aus, deren Symbol so hoch 
emporstammt. Die Stirne hat das Gepräge 
jener schwärmerischen Energie, die auf das Ge 
gebene hält und das Gegebene durchsetzt. Dieser 
kraftvolle Arm konnte die Götzeueiche bei Geismar 
fällen; der anmuthig zurückfallende Aermel ent 
hüllt die zu raschem Zugreifen gestählten Muskeln. 
Es ist der Aermel eines Gewandes, das in reichen 
Falten auf die Füße herabfließt. Der Heilige steht ja 
eben predigend da; sobald er weiter zieht, schürzt 
er es über den Gürtel herauf, der um die kraft 
volle schlanke Gestalt liegt. Und gewiß will er 
weiter ziehen, denn der Reisemantel ist nicht ab 
gelegt, sondern nur über die linke Achsel zurück 
geschlagen, unter welcher das aufgcthane Buch 
ruht. Der Faltenwurf dieses Mantels hat 
etwas Malerisches, er giebt ein Bild für sich, 
wie denn dies Monument darin ausgezeichnet 
ist, daß es, von jeder Seite betrachtet, das Auge 
beschäftigt und befriedigt. 
Manchevermissen au dem Bildnis; die Bonifatius- 
Jndividualität. Freilich findet das Volk den 
bekannten Krummstab, die altgewohnte Bischofs 
mütze und das vom Friesensäbel gespaltene Buch 
an Henschel's Bonifatius nicht wieder. Man 
vergißt, daß es darum galt, nicht den infulirten 
Priester, nicht den Märtyrer, sondern den 
Apostel der Deutschen darzustellen, der mit 
dem Kreuze den Boden und den Geist einer 
großen Nation zugleich angebaut hat." — 
Aber auch dieser Bonifatius-Judividualität 
würde genügt worden sein, wenn die Geldsumme, 
welche zur Errichtung des Bonifatiusdenkmals 
in Deutschland gesammelt worden war, und zu 
der König Wilhelm von Holland, als Prinz 
von Oranten, der ehemalige Beherrscher des 
Fürstenthums Fulda, und der König Ludwig I. 
von Bayern am meisten beigetragen hatten, eine 
zureichende gewesen wäre. 6000 Thaler erhielt 
Henschel zur Herstellung des Denkmals. Es war 
vorbestimmt, daß dem laut gewordenen Wunsche, 
Bonifatius mit den Attributen des Bischofs ge 
schmückt zu sehen, in den Darstellungen aus der 
Geschichte des Heilige», welche in Basrelief den 
Fuß des Denkmals zieren sollte», Rechnung ge 
tragen würde. Da aber ein erwarteter Gcldzu- 
schuß ausblieb, sv mußte die Ausführung 
dieser Basreliefbilder an dem Denkmale un 
terbleiben, damit Henschel nicht noch mehr, als 
er schon gethan, aus seiner eigenen Tasche darauf 
lege; am Fuße der kleinen Nachbildungen in 
Gyps sind diese Basreliefbilder dagegen angebracht.
	        

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