Full text: Hessenland (6.1892)

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Centkircheu. Zu erwähnen ist endlich noch, daß 
Herr v. Roques eine Denkschrift ausgearbeitet hat, 
in welcher er auf die Wichtigkeit der Aufzeichnung 
der Namen der alten Forstorte und Fluren hinweist, 
da die Verkoppelung alle Erinnerungen daran 
immer mehr verwischt. Der Vorstand des Geschichts- 
Vereins ist bereit, diesbezügliche Anmeldungen ent 
gegenzunehmen. M. M. 
Die soeben zur Vertheilung gelangten ^Mit 
theilungen an die Mitglieder des Ver 
eins für hessische Geschichte und Landes 
kunde^, Jahrgang 1891. 1. — IV. Viertel 
ja h r s h e f t, Kassel, Druck von L. Döll, enthält 
Berichte über die Jahresversammlung des Vereins 
am 29., 30. und 31. Juli 189t zu Frankenberg, 
über die Monatsversammlungen zu Kassel, Marburg, 
Hanau und Schmalkalden, ten Rechnungsabschluß 
für das Jahr 1890/91, Angabe des Bestandes der 
Vereinsmitglieder, Zu- und Abgang, Verzeichniß des 
Vorstandes, Anführung des Zuwachses der Samm 
lungen zu Kassel und Hanau, und unter dem Titel 
Vermischtes folgende historische Artikel: Erinnerungen 
aus dem siebenjährigen Kriege, nach archivalischen 
Quellen mitgetheilt von Baron F. von und zu 
Gilsa: 1) Befehle Herzog Ferdinands von Braun- 
schweig-Lüneburg an den Landgräfl. Hessen-Kassel- 
schen General Eitel von und zu Gilsa vor und 
während der Schlacht bei Minden; 2) eine Episode 
aus dem Feldzuge 1760; ferner Besprechungen der 
Schriften: „Geschichte der Mediatisirung des Fürsten 
thumes Menburg von Dr. Manfred Meyer« durch 
von Stamford, und „Chronik der Stadt Bacha von 
Paul Grau« durch C. Sch.; sowie das »Verzeichniß 
neuer Hessischer Literatur« von Eduard Lohmeyer. 
Der 17. Band, neue Folge, der „Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde« 
(der ganzen Folge 26. Band), wird gleichfalls in 
der Kürze zur Vertheilung an die Mitglieder des 
Vereins kommen. 
Die feierliche Einweihung der nunmehr 
auch im Innern neu hergerichteten und mit würdigem 
malerischem Schmucke ausgestatteten St. Marlins 
kirche zu Kassel fand am Sonntag den 16. Okt. 
unter ganz außerordentlich zahlreicher Theilnahme des 
Publikums statt. 
Zur Eröffnung der Feier ertönte um 8 Uhr 
Morgens vom Thurm der Kirche herab Choralmusik, 
hierauf versammelten sich um 9 l / 4 Uhr die geladenen 
Festtheilnehmer und Ehrengäste auf dem St. Martins 
platze und hielten um 9 l / 2 Uhr unter dem Geläute 
sämmtlicher Glocken ihren Einzug in das Gottes 
haus. Nach dem Gemeiudegesang „Komm' Heiliger- 
Geist« hielt Pfarrer Wissemann die Altarliturgie 
und gab dann einen Bericht über die Geschichte der 
Erbauung der St. Martinskirche. Wir entnehmen 
demselben nach dem „Kasseler Tageblatt« folgende 
Angaben: 
Unter der Regierung des Landgrafen Heinrichs II., 
des Eisernen (1328— 1377), erfolgte die Erweiterung 
Kassel's durch Anlegung des Stadttheils „die Freiheit«. 
In jene Zeit fällt auch die Grundsteinlegung der 
St. Martinskirche, welche nicht nur das Gotteshaus 
für die Freiheiter Gemeinde, sondern die Haupt- 
und Kathedralkirche für ganz Hessen werden sollte. 
Genau wissen wir den Tag der Grundsteinlegung 
nicht, das aber wissen wir, daß schon im Jahre 
134 3 ein Theil der Kirche, ein kleines Schiff, 
erbaut war und darin Gottesdienst abgehalten 
wurde, sonach muß die Grundsteinlegung vor 
dem Jahre 1343 erfolgt sein. Die ueuerbaute 
Kirche war dem heiligen Martin, der Mutter Gottes 
und der heiligen Elisabeth geweiht. Im Jahre 
1343 hielt den Gottesdienst in der neuen St. 
Martinskirche der Weihbischoff Heinrich von Apolda 
ab und verhieß Ablaß allen Denen, welche den Gottes 
dienst in der St. Martinskirche besuchen würden. 
Ferner wissen wir aus jener Zeit, daß der Bau der 
Kirche durch Kriegsnoth, verheerende Krankheiten rc. 
gestört und gehindert wurde. Dadurch kam cs, daß 
erst 1367 die drei Schiffe der Kirche fertig gebaut 
waren, die Thürme waren sogar nur bis zur Dach 
höhe der Kirche gediehen. Längerer Zeit hat es nun 
bedurft, bis der Weiterbau der Thürme in Angriff 
genommen werden konnte. Im Jahre 1429 kehrte 
Landgraf Ludwig I. von einer Wallfahrt nach Jeru 
salem ins Hessenland zurück und brachte einen Splitter 
vom heiligen Kreuze mit, eine Reliquie, welche in 
einem silbernen Schrein zur Ausstellung gelangte 
nnd daher viele Pilger von Nah und Fern herbeizog. 
Die neue Kirche wurde damals auch wohl die Kirche 
zum heiligen Kreuz genannt. Die Pilgerschaaren 
spendeten für den Bau und seine Fertigstellung er 
hebliche Betrüge, so daß dadurch der Weiterbau der 
Kirche in Angriff genommen werden kennte. Um 
das Jahr 1440 ereignete sich ein schwerer Unglücks 
fall, indem an der Südseite, zwischen dem zweiten 
und dritten Pfeiler, das Gewölbe einstürzte, wodurch 
viele Menschen ein frühes Grab fanden, da der 
Einsturz sich gerade ereignete, als Gottesdienst statt 
fand. Es wurden nun weit und breit Gaben für 
den Thurmbau eingesammelt. Hierbei machten sich 
namentlich der Leibarzt des Landgrafen, ein getaufter 
Jude, Namens Leonhard von Schweinfurt, und ein 
Kanoniker, Namens Matthias Theis, verdient. Sie 
reisten ins Land hinaus und sammelten die Spenden 
ein. Es kam so viel Geld ein, daß nicht nur das 
eingestürzte Gewölbe wieder hergestellt werden konnte, 
sondern es konnte auch der Chor fertig gestellt und 
der Thurm bis zur früheren zweiten Gallerie auf 
gebaut werden. Im Jahre 1517 wurde der 
jetzt zur Gruft dienende Anbau errichtet und 
unter dem Landgrafen Philipp dem Groß-
	        

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