Full text: Hessenland (6.1892)

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Dann prangt's in seinem Festtagskleid 
Der Welt zur Lust und Augenweid'!. 
Und rings von Stimmen, ohne Zahl, 
Klingt hell sein Lob vom Berg in's Thal; 
Im Schloßhain selbst der Wiedehopf 
Ruft nur zum Preis von Biedenkopf! 
Wo einst, die Knechtschaft abzuwenden, 
Der Ahn sich mit den Römern schlug, 
Führt heute mit den schwiel'gen Händen 
Der Enkel Hammer oder Pflug. 
Ein kernig' Völklein, fromm und frei, 
Pflegt hier die alten Bräuche treu; 
Das bunte, kurze Kattenkleid 
Wie zierlich trägt's die Kattenmaid! 
Ich grüße Dich mit blondem Zopf, 
Germanenkind von Biedenkopf! 
Und ob Du schwer auch wardst gebeuget, 
Du alte Stadt, von Herzen jung, 
Dein guter Stern Dir heuer zeiget 
Den Weg zu neuem, höher'm Schwung! 
Thalauf, thalab ein emsig Müh'n, 
Und in den Geistern regt sich's kühn! 
Es dampft der Schlot, die Spindel saust, 
Die Säge kreischt, das Dampfrad braust! 
Aus Dampf und Stampfen und Geklopf 
Schallt's laut, wie Ruhm von Bie d enkopf! 
Mag drauß' die große Welt nur glänzen, 
Ihr Glück ist eitel doch und Trug! 
Des Lebens Kunst heißt: sich begrenzen, 
Im engsten Raum sich sein genug! 
Wer nicht die Heimath liebt und ehrt, 
Ist wahrlich keiner Ehre werth! 
Im frohen Kreis, beim Becherklang, 
Der Heimath gilt der erste Sang! 
Drum faßt die Becher fest beim Schopf 
Und jubelt laut: „Hoch Biedenkopf!" :,: 
Battenberg. Julius Huerck. 
Aus Heimath und Fremde. 
Kassel. Der Verein für hessische Ge 
schichte und Landeskunde begann seine Winter 
thätigkeit mit einer am 31. Oktober im Saale der Real 
schule (Hedwigstraße) abgehaltenen Monatsversammlung, 
welche Abends 6 Uhr durch den derzeitigen Vor 
sitzenden, Herrn Bibliothekar Dr. Brun er, mit einer 
Reihe von geschäftlichen Mittheilungen eröffnet wurde. 
Herr Dr. Brunner gab der Hoffnung Ausdruck, der Ver 
ein werde sich in Zukunft nicht nur auf der seit 
herigen Höhe erhalten, sondern zu den vielen alten 
Freunden noch immer mehr neue hinzugewinnen. Er 
betonte, der Verein könne auf seine Thätigkeit im 
verflossenen Sommer mit besonderer Genugthuung 
zurückblicken, indem er der Denkmalserrichtung auf 
dem Sandershäuser Berge und der Ausflüge nach 
dem Bilstein bei Besse und dem Hirzstein gedachte, 
sowie der glänzend verlaufenen Jahresversammlung 
in Eschwege. Die Mitgliederzahl hat sich um vier 
erhöht, trotzdem der Verein eine Anzahl lieber Mit 
glieder durch den Tod verlor, wie die Herren Geh. 
Medizinalrath Dr. v. Wild, Amtsgerichtsrath Knatz, 
Oberst von Baumbach, Amtsgerichtsrath v. Hagen, 
Amtsgerichtsrath Heuser rc., deren Andenken die Ver 
sammlung durch Erheben von den Sitzen ehrte. 
Rach Erledigung der geschäftlichen Mittheilungen er 
hielt Herr Major v. Roques das Wort. Derselbe 
hielt einen außerordentlich fesselnden Vortrag über 
,.D i e B ekehrung H ess en s zum Ch r isten 1 hum.“ 
Zunächst schilderte er das, was die Bringer des 
Christenglaubens in religiöser Beziehung in Germanien, 
im Chattenland im Speziellen, vorfanden. Besonders 
gedachte er der verschiedenen Kultusstätten im frän 
kischen Hessengau, so des Wotanberges (Odenberg), 
wo dem ersten der Götter Menschenopfer dar 
gebracht wurden, sowie der Gerichtsstätte bei 
Maden rc. Daß Tempel zur Götterverehrung im 
Chattenland gedient hätten, davon ist nichts bekannt, 
wohl aber waren Haine, Wälder und Quellen den 
Göttern geweiht. Der Glaube der Germanen an 
einen Weltuntergang und eine Welterneuerung bot 
den Bringern der christlichen Lehre Anknüpfungspunkte. 
Es ist möglich, daß schon der hl. Kilian den Chatten 
das Christenthum gepredigt, denn wir finden die Nach 
richt, daß der hl. Bonifatius bei Amöneburg Christen 
getroffen. Redner schilderte nun eingehend das Auf 
treten dieses begeisterten Gottesmannes, der die Donar 
eiche bei Geismar fällte und damit den noch 
Zweifelnden bewies, wie machtlos und elend die 
Götter waren, denen sie huldigten. Er bekehrte den 
gesammten fränkischen Hessengau, gründete Klöster 
und Kapellen und setzte dann seinen Bekehrungszug 
nach Thüringen fort. Redner hat durch eigene Nach 
forschungen gefunden, daß der Weg, den Bonifatius 
damals nach Thüringen nahm, ihn über Nieder 
zwehren geführt haben müsse. Darauf lassen die zehnt 
freien Aecker schließen, welche als solche noch bis 1832 
in den Katastern geführt wurden. Diese Aecker waren 
geweiht, weil sie der Fuß des Heiligen betreten. 
Solche Aecker finden wir noch bei Amöneburg bis 
nach Thüringen. Auf Grund dieser Tradition ist es 
wahrscheinlich, daß der Apostel der Deutschen seinen 
Weg von Fritzlar über Balhorn, Altenstädt, Martin 
hagen, Niederzwehren, die Aue, hier am Packhof her 
über Kaufungen genommen. Auf dem Bilstein bei 
Helsa hat er jedenfalls eine heidnische Opferstütte 
zerstört und eine Kapelle errichtet. Nachdem Bonifatius 
in Friesland erschlagen (755) worden, ward er im 
Kloster zu Fulda beigesetzt. Zum Schluß gab Herr 
v. Roques noch die damalige kirchliche Eintheilung 
des Chattenlandes in neuen Decanate. Der Dom in 
Fritzlar war die Gaukirche, außerdem bestanden acht
	        

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