Full text: Hessenland (6.1892)

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Gvtt, dm sie lehren, ist ein Gott für Hörige, nicht 
für Männer und Krieger. Zu wem die Knechte 
beten, mir ist's gleich, thun sie nur, was sie 
sollen. 
Daß sie Gefahr laufen, erschlagen zu werden 
von im Zorn geschwungener Axt, es ist ihnen 
bekamtt und auch dem Grafen. Dennoch will 
ich Dir den Willen thun und dem Grafen schreiben 
lassen. Ich kann sie nicht vertreiben aus dem 
Lande und sie auch nicht schützen, wenn sie die 
Wuth des Volkes reizen." 
Ein Höriger schritt, von außen kommend, zu 
dem Herd heran. „Was willst Du?" fragte Chil- 
derich. 
„Der Angelsachse ist draußen, der schon an 
einem Herde saß, ich wehrte ihm den Eingang, 
bis ich Dich gefragt, ob er kommen darf." 
Hilda's Auge richtete sich bittend nach dem 
Antlitz des Vaters —, der Priester erhob sich, 
und Heribert fuhr zornig empor. Alle Drei 
blickten nach Childerich. Dieser schwieg eine 
Weile. 
„Zu Hel mit dem Knecht!" ries Heribert. 
„Er ist willkommen!" sprach da Childerich 
stark, und der Hörige ging. Zu Heribert aber 
fuhr er fort: „Eristwillkommen an Childerich's 
Herd, und wehe, wenn ihm hier Unbill begegnet." 
Zornig setzte sich der junge Racke nieder, 
finsteren Angesichts. Libes, der Priester, wollte 
gehen, aber der Alte sagte: „Weile noch, sieh 
den Jüngling an, ob er gefährlich ist außer 
vielleicht Jungfrauen, denen des Jünglings 
weibisch Angesicht gefällt." Auch der Priester 
setzte sich wieder. 
Herein trat Wilbrod, mit leichtem Schritt 
dem Herde nahend, und neigte sich dort dem 
Greise, mit freundlich lächelndem Angesicht grüßte 
er die Jungfrau und nicht minder den Priester 
wie auch Heribert, welche den Gruß nur wider 
willig und zurückhaltend erwiderten. 
Childerich's Auge ruhte mit unverkennbarem 
Wohlwollen auf des Jünglings anmuthiger 
Gestalt und dankte freundlich dem Gruße: „Sei 
willkommen, Jüngling, am Herde Childerich's. 
Dies ist Libes, der Diener der Götter, dies 
Heribert, der mein Tochtermann wird." 
„Ich danke Dir, Childerich, für den Platz am 
Herde, des Herrn Friede sei mit Dir und den 
Deinen. Nimm meinen Gruß, Libes, und Du, 
Heribert." Dann wandte er sich zu Hilda: 
„Und Jungfrau Hilda regt unaufhörlich die 
fleißigen Hände?" 
„Ich muß wohl," sagte sie freundlich, „um 
den Mägden voranzugehen in rühriger Arbeit." 
„Es ruhe Segen auf Deinem Gespinnst und 
auf Allem, was Du thust." 
Mit finsterem Auge blickte Heribert nach 
Willbrod, und als die Jungfrau freundlich zu 
ihm redete, prägte sich Haß in seinen Zügen aus. 
„Ihr Boten des neuen Glaubens", sagte er 
dann höhnisch, „seid keine Freunde der Arbeit?" 
„Du irrst, Heribert," entgegnete der Jüngling 
ruhig, „nur ist unsere Arbeit nicht allein die 
der Hände, obgleich auch diese nicht immer feiern. 
Unsere Arbeit gilt der Menschen Seelen, diese 
zu gewinnen dem ewigen Heil. Das ist unsere 
Arbeit." 
„Wir brauchen Euer Heil nicht, Angelsachse, 
was uns Noth thut, besitzen wir, wie unsere 
Väter es ihr Eigen nannten." 
„Laß mich gewähren, Heribert," entgegnete 
Willbrod sanft, „wir sind ausgesandt, Samen 
auszustreuen in die Menschenherzen, und nichts 
wird uns verhindern, dem Gebot zu folgen, als 
der Tod. Auch Dein Herz hoffe ich einst noch 
zu gewinnen." 
Hell lachte da Heribert auf. „Mich willst 
Du gewinnen für Deine Kindermären? Du 
hegst kühne Hoffnung, Angelsachse. Mich trägt 
die Walküre empor zum ewigen Vater, bei 
Einherien zu sitzen und den letzten großen Kampf 
mitzukämpfen gegen der Riesen furchtbar Geschlecht." 
„Das ist Heldenart," sagte der Priester, „das 
ist der Väter Weise." 
„Sage mir, Jüngling," unterbrach Childerich 
das Gespräch, „ist es wahr, daß Deinem Gott 
der Hörige und der Atheling gleich viel gelten 
und sie zusammen einziehen nach Deiner Wal 
hall, ob der Held im Kampf starb oder der 
Knecht den Strohtod fand?" 
„So ist es, Herr, — denn Gott sieht nur 
der Menschen Herzen, und leicht kann es sein, 
daß der Hörige, der seine Pflicht auf Erden 
treu gethan, eingeht in des Himmels Herrlichkeit, 
während der stolze Atheling hinabführt zur Hölle." 
„Und das wagst Du hier zu sagen vor unseren 
Ohren, Knabe," fuhr Heribert wild auf, „das 
ist eine Lehre, gut für Hunde." 
„Und gefährlich ist die Lehre, sie waffnet die 
Knechte gegen die Herren und macht sie un 
zufrieden mit dem Loose, das ihnen die Götter 
zugetheilt", sagte der Priester. 
„Du irrst, Libes. Wie der Herr hohe Bäume 
und niedriges Gras geschaffen, so schuf er auch 
den Atheling und den Knecht, und wie Bäume 
und Gras beide nothwendig sind und beide 
Geschöpfe desselben Gottes, und wie sie zurück 
kehren zur Allmutter Erde, wenn ihre Zeit um 
ist, so kehren die Seelen der Menschen zu ihrem 
ewigen Schöpfer zurück, sei es die des Fürsten 
oder die des Knechtes, denn auch er hat eine 
unsterbliche Seele. Du irrst, Priester, wenn Du 
glaubst, unsere Lehren machen den Knecht un 
zufrieden mit seinem Erdenloose. Wir lehren
	        

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