Full text: Hessenland (6.1892)

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ste Auflösung öes Meneöikttnerklosters zu Uulöa. 
Von F. Swenger. 
§ war im Dezember 1802, als das altehrwür- 
|ii dige Benediktinerkloster ack 8. Kalvatorourzu 
Ost Fulda, das einst die Hauptpflanzstätte der 
Kultur in Deutschland gewesen, aus dem so viele 
durch Gelehrsamkeit ausgezeichnete Männer hervor- 
gegangen waren, deren Ruf die Welt erfüllte, nach 
tausendachtundfünfzigjährigem ruhmvollem Be 
stehen zu Grabe ging. 
Der Lüneviller Frieden war am 9. Februar 
1801 zwischen dem siegreichen und herrschsüchtigen 
Frankreich und dem ohnmächtigen Deutschen Reiche, 
vertreten durch Oesterreich, abgeschlossen worden, 
die Säkularisation der geistlichen Fürstenthümer 
war von da an blos noch eine Frage der Zeit 
und sollte für das Hochstift Fulda nur zu bald 
eintreten. Schon am 23. Mai 1802 hatten 
Frankreich und Preußen zu Paris eine Ueber- 
einkunft getroffen, wonach das fürstliche Haus 
Oranien-Nassan zur Entschädigung für die ver 
lorene Statthalterschaft von Holland und seine 
in den Niederlanden gelegenen Domänen u. a. 
auch das Fürstenthum Fulda erhalten sollte. Der 
zunächst berechtigte Fürst Wilhelm (V.) von 
Oranieu überließ am 29. August 1802 diese, 
sowie die anderen Erwerbungen (das Fürsten 
thum Corvey, die Grafschaft Dortmund, die Herr 
schaft Weingarten rc.) seinem Sohne, dem Erb 
prinzen Wilhelm Friedrich von Ora- 
uien-Nassau, welcher am 22. Oktober 1802 
das Fürstenthum Fulda durch seinen Geheim 
rath Ferdinand von Schenk zu Schweinsberg in 
Besitz nehmen ließ, und am 23. Oktober zur Be 
sorgung der öffentlichen Staats- und Landesan 
gelegenheilen eine „Konferenz" niedersetzte, zu 
deren Mitgliedern er den Geheimrath F. von 
Schenk zu Schweinsberg, den Propst vom Peters 
berge, den durch sein „Journal von und für 
Deutschland" bekannten Schriftsteller Freiherrn 
Sigismund von Bibra, den Oberhofmarschall 
und Ritterhauptmann des Kantons Rhön-Werra 
Freiherrn Friedrich von und zu der Tann, den 
fürstlich fuldaischen Hofkanzler Franz Joseph 
Leonhard von Brack, sowie den domkapitnlurischen 
Syndikus Eugen Thomas ernannte. Schon in 
der ersten Sitzung dieser Konferenz erfolgte ein 
Beschluß, vermöge dessen alle Propsteien und 
Kvllegiatstifte für aufgehoben und ihr Besitzungen 
und Güter für vereinigt mit den fürstlichen 
Domänen erklärt wurden. Am 6. Dezember 
1802 traf der Erbprinz Wilhelm Friedrich von 
Oranieu in seiner neuen Residenzstadt Fulda 
ein und nunmehr sollte die Ausführung jenes 
Beschlusses nicht mehr lange auf sich warten lassen. 
Ehe wir uns jedoch mit der Auflösung des 
Benediktinerklosters beschäftigen, möge es uns 
gestattet sein, einen kurzen Rückblick auf die 
staatlichen, speciell finanziellen Verhältnisse des 
Hochstifts Fulda zu jener Zeit zu werfen.*) 
In dem Hochstifte Fulda zählte man 20 fürstliche 
und 10 domkapitularisch, bezw. propsteiliche 
Aemter, 8 Städte (Fulda, Brückenau, Geisa, 
Hammelburg, Herbstein, Hünfeld, Salmünster, 
Soden), 60 Pfarrdörfer, 228 andere Dorfschaften, 
377 Höfe und Mühlen, 43913 männliche, 46107 
weibliche Personen, zusammen 90020 Einwohner. 
Die Bevölkerung der Stadt Fulda betrug incl. 
600 Mann Militär, circa 7000 Seelen. 
Der Fürstbischof kani durch freie Wahl des 
Domkapitels zur Regierung. Alle geistliche Per 
sonen standen unter der geistlichen Regierung; 
nur die Pröpste, die Domkapitularen, der Benedik 
tinerkonvent und das Benediktinernonnenkloster 
zu Fulda standen unmittelbar unter dem Fürst 
bischöfe als dem Abte. Die adeligen Pröpste 
und Domkapitularen waren wirkliche Benediktiner; 
sie mußten ihr Noviciat wie jeder Bürgerliche 
bestehen, auch als Professen gleich den übrigen 
den Studien obliegen. Sobald sie Priester ge 
worden, traten sie aus dem Konvent heraus, und 
war dann eine Stelle im Kapitel offen, so wurden 
sie Kapitulare und erhielten eine Propstei, sobald 
eine solche erledigt war. Diese vergab der Fürst, 
nur der Domdechant wurde durch das Kapitel 
gewählt. Der Propsteien waren es mit Holz- 
kirchen 9, der Domkapitularen überhaupt mit 
den Pröpsten 15. Die Zahl der Domicellaren, 
welche wie andere Benediktiner im Konvent lebten, 
war unbestimmt. Mit der geistlichen Regierung 
war zugleich das Konsistorium verbunden, 
welches auch in Ehesachen, Sponsalien u. s. w. 
erkannte. Die weltliche Regierung war zugleich 
Appellationsinstanz und Oberpolizeigericht, für 
Privilegirte auch die erste Instanz. Der Lehen 
hof war einer der größten und ansehnlichsten 
in Deutschland. 
Die Einkünfte stoffen entweder zur Hoskammer, 
nämlich zu dem Hofkammerzahlamt, oder aber 
zu der s. g. Obereinnahme. Die Zuflüsse der 
letzteren bestanden aus den direkten Steuern der 
Unterthanen oder den s. g. Anlagen. Diese 
*) Als Quelle sind vorzugsweise Chr. v. Stramberg's 
„Rheinischer Antiquarius" sowie die betreffenden Schriften 
von I. v. Arnoldi benutzt.
	        

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