Full text: Hessenland (6.1892)

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Nach einer Notiz in den „Hessische Erinnerungen, 
aus den Papieren eines verstorbenen kurhessischen 
Offiziers" soll aber die Behauptung Gerland's, 
Canova habe die marmorne Napoleonsstatue 
für Kassel gearbeitet, nicht zutreffend sein; es sei 
dies vielmehr, wie oben angegeben, ein fran 
zösischer Künstler gewesen. Die französische 
Statue aus karrarischem Mamor, den Kaiser 
Napoleon in Jmperatorenkleidung darstellend, 
hat bis zum Ende der westfälischen Regierung 
im Jahre 1813 auf dem Königsplatze gestanden, 
wo sie dann vom Volke verstümmelt und von der 
hessischen Regierung ganz abgenommen wurde, 
um in ein herrschaftliches Materialienhaus ver 
bracht zu werden. 
In die westfälische Zeit füllt auch die An 
fertigung eines Grabmals für den westfälischen 
General Du Coudras durch Henschel. Das 
Monument wurde auf der kleinen Bassininsel 
zu Schönfeld errichtet: es bestand hauptsächlich 
aus Relieftafeln, welche in Erz gegossen und 
in Marmor eingesetzt waren. Bei dem Sturze 
des Königreichs Westfalen soll dieses Denkmal 
von den Freunden des Generals zerstört und 
in Stücken, soweit sie transportabel waren, 
nach Frankreich mitgenommen worden sein. 
Henschel, einmal in seine Heimath, in das 
Haus seiner Eltern, in den Schoost seiner Fa 
milie zurückgekehrt, verblieb nun in seiner 
Vaterstadt und verlebte hier die schönsten Jahre 
seines Lebens. Eine hohe Gönnerin wurde ihm 
die Kurprinzessin, nachmalige Kurfürstin Auguste. 
Selbst Künstlerin, lernte sie Henschel, auf den 
sie durch den Maler Bury aufmerksam gemacht 
worden war, in seinen sinnigen Werken schätzen. 
Sie ließ durch ihn die Büsten ihrer drei Kinder 
Karoline, Friedrich Wilhelm und Marie aus 
führen. Diesen Kunstwerken wird ebenso sehr 
vollendete Technik, wie sprechende Aehnlichkeit 
nachgerühmt. Von der Kurprinzessin Auguste 
von Hessen im Verein mit ihrer Schwester 
Marie, der Königin von Holland, wurde Henschel 
eine künstlerische Ausgabe gestellt, bei deren 
Lösung er die ganze Innigkeit seines gefühlvollen 
Wesens zur schönsten Darstellung bringen konnte. 
Es geschah dies in der lebensgroßen Figuren 
gruppe, einer halb knieenden Caritas, welche 
zwei Kinder an sich drückt. Hier ist dem seligen 
Muttergefühle und der zärtlichen Kindesliebe 
ein wunderbar befriedigender Ausdruck verliehen 
und der edle Stil erinnert unwillkürlich an die 
Antike. Die Figur der Mutter mit etwas 
geneigtem Haupte ist in faltige Gewandungen 
eines anschließenden Kleides und eines Mantels 
züchtig gehüllt, während die beiden Kinder 
unbekleidet von den Armen der Mütter mit 
dem Ausdrucke der reinsten natürlichsten Unschuld 
herablächcln. Die Vollendung dieses schönen 
Kunstwerkes fällt in das Jahr 1818. 
Am 10. Juli 1818 wurde Henschel zum 
Mitglicde der Akademie der bildenden Künste 
in Kassel ernannt. Hierin lag für ihn ebenso 
sehr eine Anerkennung seines Werthes als Künstler, 
gleichwie ein Antrieb zu neuen künstlerischen 
Produktionen. Und diese sollten nicht ausbleiben. 
In jener Zeit fertigte er die Büsten des Malers 
Bury und des Göttinger Professors Lichtenbcrg 
an. Der im Jahre 1825 erfolgte Tod des be- 
rühmteir Baumeisters Jussow veranlaßte Henschel, 
die trauernde Kunst, durch eine auf einer abge 
brochenen Säule sitzende männliche Figur dar 
gestellt , zu modelliren, als ein Denkmal für 
jenen Mann, welcher einst an der Kasseler 
Akademie sein Lehrer gewesen war, dem Hessen 
so viele bedeutende Bauten verdankte. Wir 
übergehen hier die kleineren Kunstwerke Henschel's 
aus jener Zeit und wollen nur noch anführen, 
daß die Anwesenheit der fast nur aus Löwen 
verschiedenen Geschlechts und Alters bestehenden 
Menagerie van Aken's in Kassel ihn dazu 
anregte, dieses edle Thier in verschiedenen 
Situationen zu studieren und darzustellen. Hier 
durch entstanden verschiedene Löwengruppen, 
darunter eine Reliefgruppe kleiner in Kassel zur 
Welt gekommenen Löwen, sowie ein liegender junger 
Tiger. 
Der kunstliebende Kurfürst Wilhelm II. über 
trug Henschel die Ausführung eines Grabmals 
für seinen am 15. Januar 1822 verstorbenen 
Sohn, den jungen Grafen Julius Wilhelm 
Albert von Reichenbach, eine Aufgabe, die einen 
reichen Gegenstand seiner Phantasie bot und die 
er in glänzender Weise loste. Ein die Gruft 
schließender Sarkophag aus weißem Marmor 
ist mit einem Relief von Henschel's Komposition 
geschmückt, auf dem ein knieender Engel einen 
Knaben, welcher die Seele des Verstorbenen vor 
stellen soll, in seinen Schovß aufnimmt. Dieses 
Denkmal gehört zu den schönsten Zierden des 
älteren Kasseler Todtenhofes. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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