Full text: Hessenland (6.1892)

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welches nach den Akadeiniestatuten zu einer 
Studienreise, gewöhnlich nach Paris und Italien, 
ertheilt wurde und in der freilich nicht sehr 
hohen Jahressumme von 200 Thlrn. bestand. 
Im Jahre 1805 verließ der 23 Jahre alte 
Künstler zum erstenmal seine Vaterstadt Kassel 
und reiste über Frankfurt a. M., Köln, Düssel 
dorf nach Paris. Hier erschloß ihm das große 
Musee Napoleon die unermeßlichen Schätze der 
griechischen und römischen Vorzeit. 
In dem Atelier des berühmten Malers David 
zeichnete er nach Modellen, die er zum großen 
Theil in Oel malte, ein Studium, wie es 
für einen Bildhauer nur gewünscht werden konnte. 
David, stets mit den großartigsten Historien 
bildern der damaligen kriegerischen Zeit beschäf 
tigt, brauchte hierzu den Menschen in allen 
Stellungen und Lagen und das lebende Modell, 
dieses beste und kostbarste Studium wurde deß 
halb in seinem Atelier in der ausgedehntesten 
und mannigfaltigsten Weise geboten, für den 
jugendlichen Künstler Henschel ein unberechen 
barer Vortheil, dessen Nachwirkung sich in 
allen seinen Kunstwerken auf die günstigste 
Weise geltend machte. Zu jener Zeit ruhte bei 
Henschel die Skulptur, er beschäftigte sich fast 
nur mit den Vorstudien zu derselben und dies 
in der umfassendsten Weise. Dabei entzog sich 
der lebenslustige junge Künstler durchaus nicht 
den Vergnügungen, welche die Weltstadt Paris 
bot. Er machte dort, wie sein Biograph im 
„Neuer Nekrolog der Deutschen" (28. Jahrg., 
Weimar 1850) berichtet, die interessantesten Be 
kanntschaften von Eingeborenen und Fremden, 
hauptsächlich war es aber ein Kreis von 
Deutschen, in dein er sich dort bewegte. Außer 
mehreren jungen Männern aus seiner Vaterstadt 
Kassel traf er in Paris mit seinen später so 
berühmt gewordenen hessischen Landsleuten 
Savigny und Jakob Grimm zusammen, sowie 
mit dem durch seine Mitwirkung am Tischbein- 
scheu Bilder-Homer bekannt gewordenen Maler 
Ludwig Hummel aus Neapel, der damals ge 
meinschaftlich mit seiner jungen Gattin, Marianne, 
geb. von Rohden, in der Louvregalerie ver 
schiedene Gemälde Raphaels für den Großhcrzog 
von Oldenburg kopirte, demselben Hummel, 
welcher später zu Kassel Lehrer der Kurfürstin 
Auguste war und als Direktor der Akademie der 
bildenden Künste am 28. August 1840 starb. 
In Paris schuf Werner Henschel das etwa 
3 Fuß hohe Modell einer Madonna mit dem 
Jesuskinde, zu deren Füßen zwei Engel knieen. 
Der ganze Stil dieser Gruppe ist altdeutsch, und 
die Einwirkung der romantischen Schule in der 
Komposition ist unverkennbar. Nach dem Bio 
graphen Henschel's in dem bereits citirten Bande 
des „Neuer Nekrolog der Deutschen" wäre 
der Künstler durch die Lektüre der damals viel 
gelesenen Tieck'schen romantischen Dichtungen, 
welche ihm von den Malern Fricke, Ave- 
narius u. A. in einem sog. altdeutschen Kränz 
chen geboten wurden, namentlich aber durch ein 
Traumbild zu dieser Arbeit angeregt und be 
geistert worden. Henschel formte und goß dieses 
Modell in Gyps und diese Gruppe ist die 
älteste aller seiner noch vorhandenen Skulpturen. 
Außerdem fertigte Henschel in Paris niehrere 
kleinere Gegenstände an und begann daselbst 
seinen auf der Löwenhaut sitzenden Herkules. 
Mittlerweile hatte in seinem engeren Vater 
lande Hessen-Kassel die Fremdherrschaft Je- 
rome's, des Königs von Westfalen, begonnen. 
Sein Stipendium wurde auf das Doppelte er 
höht, so daß dasselbe nunmehr 400 Thlr. be 
trug. Im Jahre 1810 erhielt er den Auftrag, 
eine Statue des Kaisers Napoleon für den 
Königsplatz zu Kassel, damals Napoleonsplatz 
genannt, 'in Marmor auszuführen. Diesem 
Auftrag konnte er sich nicht entziehen, obgleich 
ihm dadurch sein Plan, zu seiner weiteren Aus 
bildung nach Italien zu gehen, durchkreuzt 
wurde. Er reiste daher in seine Heimath zu 
rück und fertigte daselbst ein Modell zu jener 
Bildsäule an, das auch von der Regierung an 
genommen wurde, zur Ausführung aber nicht 
gelangte, weil, wie der oben angeführte Bio 
graph Henschel's berichtet, französischer Neid 
dies nicht zuließ. Kaum sei es nämlich in 
Paris bekannt geworden, daß ein junger deut 
scher Künstler den Auftrag erhalten habe, die 
Statue Napoleons zu meiseln, als dieses die 
Eitelkeit der französischen Künstler in einem 
solchen Grade verletzt habe, daß sich eine In 
trigue entspann, welche es bei dem von Paris 
so abhängigen Hofe des Königs von Westfalen 
durchzusetzen wußte, daß nur ein französischer 
Künstler der Ehre theilhaftig werden dürfe, 
die Bildsäule des Kaisers der Franzosen zu 
verfertigen. Die schwache westfälische Regierung 
scheute sich nicht, ihren eigenen Auftrag an 
Henschel zurückzunehmen, das bereits von ihr 
approbirte Modell desselben bei Seite zu setzen 
und bei einem französischen Künstler in Paris 
die Arbeit zu bestellen. Anders berichtet Otto 
Gerland, ein Verwandter Henschel's, in seiner 
„Grundlage zu einer hessischen Gelehrten-, 
Schriftsteller- und Künstlergeschichte von 1831 
bis auf die neueste Zeit" (Forts, von Strieder). 
Nach dessen Darstellung sei der Auftrag dem 
Künstler bei seiner Vaterlandsliebe von vorn 
herein unangenehm gewesen, er habe daher die 
Ausführung so lange verzögert, bis zunächst 
Canova an seiner Stelle beauftragt worden sei.
	        

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