Full text: Hessenland (6.1892)

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I. 
Johann Werner Henschel. 
In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts 
wanderte der Stückgießer Karl Henschel aus 
Gießen in Kassel ein. Er entstammte einer 
alten Rothgießerfamilie, die schon ein paar 
Jahrhunderte dieses Geschäft in der dortigen 
Gegend betrieb. Es soll noch eine Urkunde aus 
dem 16. Jahrhundert vorhanden sein, wonach 
sich Hans Henschel dem Grafen Wilhelm von 
Solms gegenüber verpflichtete, alles auf dem 
Schlosse Greifenberg befindliche Geschütz nach 
einem vorgeschriebenen Muster zu Zwölfpfündern 
umzugießen. — Karl Henschel heirathete in 
Kassel die Tochter des Stückgießers Storch und 
wurde nach dem Ableben seines Schwiegervaters 
an dessen Stelle Stückgießer im damaligen herr 
schaftlichen, vom Landgrafen erbauten Gießhause 
am Weserthore. Der Ehe Karl Hcnschels mit 
Christine Wilhelmine Friederike, geb. Storch, ent 
sprossen zehn Kinder, zwei Knaben und acht 
Mädchen. Der älteste Knabe Karl Anton war 
am 23. April 1780, der jüngere, unser Johann 
Werner Henschel, am 14. Februar 1782 
geboren. 
Die Eltern besaßen kein Vermögen; die Jahres 
besoldung, welche der Vater erhielt, belief sich 
nur auf 200 Thaler, daneben erwarb er sich 
durch Glockengießen und sonstige Privatarbeiten 
einen kleinen Nebenverdienst. Ungeachtet dieser 
beschränkten Verhältnisse wußten die Eltern durch 
Sparsamkeit und richtige Hauswirthschaft die 
zahlreiche Familie in gutem Stande zu erhalten 
und ihren Kindern, den Söhnen wie den Töchtern, 
eine treffliche Erziehung angedeihen zu lassen. 
Die Söhne besuchten die unteren Klassen des 
Lyceums; außer den Schulstunden erhielten sie 
Privatunterricht im Schönschreiben bei dem 
Schreiblehrer Heylgeist, in der Mathematik bei 
dem Hauptmann Seelig, Lehrer am Kadetten 
hause. Der mathematische Unterricht zog den 
jüngeren Bruder Werner weniger an, als den 
älteren Karl Anton, der hier den Grund zu 
seiner technischen Bildung legte, durch welche er 
später so Vorzügliches leisten sollte. Karl Anton 
Henschel war zeitweilig Schüler der am 25. Mai 
177!) vom Landgrafen Friedrich II. gestifteten 
Akademie der bildenden Künste und wandt sich 
dann dem Studium des Baufaches, später dem 
der Bergwissenschaft zu. 
JohannWerner H e u s ch e l 's vorherrschende 
Neigung galt der K n n st. Bei seinem Tauf- 
pathen, dem ausgezeichneten Maler Johann 
Werner Kobold (sen.) hatte er den ersten Un 
terricht im Zeichnen und Malen, dann widmete 
er sich der Skulptur. Sein Lehrmeister in der 
selben war der Hofbildhauer Heyd, welcher seinen 
Schüler ebenso im Modelliren, wie im Stein- 
hauen unterrichtete, sodaß dieser schon frühzeitig 
verschiedene Arbeiten, wie Grabmäler, die für 
den älteren Friedhof in Kassel, sowie für Göt 
tingen und andere benachbarte Städte bestimmt 
waren, anfertigen konnte. Auch arbeitete er 
unter Heyd's Leitung an den beiden für den 
südwestlichen Flügel des Schlosses Wilhelmshöhe 
bestimmten Löwen. Zugleich erlernte Johann 
Werner Henschel in der Werkstütte seines Vaters 
dessen Geschäft und wurde durch Urkunde vom 
3. April 1799 zum Gesellen der Roth-, Stück- 
und Glockengießerprofession erklärt. 
Nachdem Werner Henschel sich die nöthigen 
theoretischen und praktischen Vorkenntnisse der 
Bildhauerkunst erworben hatte, wurde er ebenso 
wie sein älterer Bruder, als Schüler der Akade 
mie der bildenden Künste aufgenommen, und hier 
genoß er den Unterricht namhafter Professoren, 
wie des Oberbaudirektors Jussow, des Bildhauers 
Naht und des Hofmalers Böttner. Durch das 
Modell einer Gruppe „Herkules mit der Königin 
Omphale" errang er sich bei der jährlichen Preis- 
vertheilung der Akademie die goldene Medaille 
und erwarb bei einer Schülerkonkurrenz durch 
Herstellung einer kolossalen Gypsstatue des Her 
kules mit der Keule, nach eigener Erfindung, 
jedoch ähnlich der bekannten farncsischcn Herkules 
bildsäule, das landesherrliche Reisestipendium,
	        

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