Full text: Hessenland (6.1892)

M 21. 
2. November 1892. 
Das „HesHnloitd", Zeitschrist sür hessische Geschichte undLiteratur, erscheint zweimal monatlich 
zu Anfang und in der Mitte jeden Monats, in dem Umfange von ltya-—2 Bogen Quartformat. Der Abonnementspreis 
beträgt vierteljährlich 1 Mark 50 Pfg. Einzelne Nummern kosten je 3 0 Pfg. Auswärts kann unsere Zeitschrift 
durch direkte Bestellung bei der Post, oder durch den Buchhandel, auf Wunsch auch unter Streifband 
bezogen werden; hier in Kassel nimmt die Buchdruckerei von Friedr. Scheel. Schloßplatz 4 (Fernsprecher Nr. 372), 
Bestellungen an. Zn der Post-Zeitungsliste für das Zahr 1892 findet sich das .Hessen land" eingetr. unter Nr. 2934. 
Anzeigen werden mit 20 Pfg. für die. gespaltene Petitzeile berechnet und nur durch die Annoncen-Expedition 
Kaasenstern & Kogter A.-K. in Hasset, oder deren übrigen Filialen angenommen. 
lllerseelen. 
rau steigt empor der Allerseelentag, 
Vergilbte Blätter filtern matt am Strauche. 
Was blühte — starb. Die Lust des Werdens brach 
Im Frost der Rächt — im wilden Sturmeshauche. 
Gebrochue Töne klingen dnmpf empor. 
Jetzt laut ausklagend, nun verhallend leise; 
Es spielt am Mauerrand der schwarte Chor 
Des wilden Chopin sanfte Trauerweise. 
Der Immortellenkran; weht weist vom Stein — 
Roth durch den Nebel flackert die Laterne, 
Es strömt und rauscht zum Kirchhofsthor herein, 
Sie kommen heute und sei^s aus weiter Ferne. 
Sie kommen heut' — denn Jeder weist ein Grab 
Und Hütte er's auch ein ganzes Jahr vergessen, 
Dies ist der Tag, den man den Todten gab — 
Ein einfigcr Tag! Ach Gott — wie kur; gemessen! 
Und doch, wie drängt das Jahr hindurch die Zeit. 
Rur immer vorwärts — rufts von Thurmes Munde 
Von Pflicht ;u Pflicht. Weckt immerdar den Streit 
Mit kleinen Sorgen — mischt in jede Stunde 
Zerstreuung ein, deckt tausendfach das Thor, 
Durch das sie schwanden, die dereinst das Leben 
Mit uns getheilt. Es dringt an unser Dhr 
Wie fernes Singen und wir feh5l sie schweben 
Im Redet fern -- kaum das; wir noch den Zug 
Der Liebe seh'n, der ihren Mund verklärte, 
Das stille Lächeln, das die Bürde trug 
Des harten Worts, mit dem wir sie Versehrten. 
Rur Schatten noch! Rnd doch durch jenes Thor, 
Durch das wir sie verschwinden selfin mit Klagen 
Hat ihr verblastter, längst zerstobener Chor 
Ein Theil von unsrem Leben mitgetragen. 
ging uns voran! Was Keiner jetzt noch weiß, 
Wie jung wir waren und wie stol; im Herzen, 
Im Geist wie sicher und im Blut wie Heist, 
Wie tief und wahr in unseren Schmerzen, 
Sie wissenes nur! Sie haben uns gelauscht, 
Als noch das Wort von unseren Lippen tönte, 
Der Seele Lied. Für sie hat das gerauscht, 
Was sie mit aller unf'rer Schuld versöhnte. 
Sie kannten uns, als uns die Hoffnung schlug 
In weiche Arme, ihre Herzen trauten 
Aus unsere Zukunft und ihr Glauben trug 
Auf Pfeilern jedes Luftschloß, das wir bauten. 
Was thaten wir, das sie von uns erträumt? 
Manch' Ein Versprechen halten sie in Händen, 
Das uns entfiel —. Wie ist so lang verschäumt 
Der muthege Stolz und o, wie stille wenden 
Wir uns'ren Blick, wenn ein Confiteor 
Vom Altar tönt. Wie weit sind wir geblieben 
Von ihrem Wunsch. Wir klommen nicht empor. 
Arm sind wir noch an Thaten und im Lieben — 
Rnd mehr zurück! Kein Flügel trügt uns mehr 
Wir wandern jeden Schritt mit unseren Füßen — 
Wir haben endlich an das starke Heer 
Der Alllagssorgen bitter glauben müssen. 
M. Keröerl.
	        

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