Full text: Hessenland (6.1892)

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Unbewußt krampst sich ihre Hand in der 
Tasche fester zusammen. Was wohl darin 
stecken mag? Sie hat noch nicht den Muth ge 
funden, hineinzublicken. 
Allmälig beginnt es zu dämmern und sie 
fürchtet sich in dem unheimlichen Zwielicht. 
Vorsichtig schleicht sie sich durch das Gestrüpp 
und lugt umher. Der bergige Pfad vor ihr ist 
menschenleer und nur wenige Schritte trennen 
sie von der Promenade, wo, ach, sie hofft es 
jetzt, niemand auf sie achten wird. 
„Herr Gott im Himmel, steh mir bei!" 
Sie wagt's, jetzt ist sie oben, aufathmend, 
ängstlich spähend steht sie still. — Da — auf 
der ersten Bank, dicht neben ihr, sitzen — die 
beiden Herren, denen sie vor allen aus dem Wege 
gehen muß. 
Sie schreit auf und rennt vorwärts; rennt, so 
schnell sie ihre Füße tragen, weiter, immer weiter. 
Endlich bleibt sie athemlos stehn und schaut sich 
angstvoll um. 
Niemand folgt ihr; Niemand, Niemand erkennt 
in ihr die Diebin! 
Wie eine Last fällt es von ihrer Seele: O. 
mein Gott, ich will auch keine sein!" 
In ihr wird's klar; sie eilt wieder zurück, 
schneller noch fast, als vorher. „O, wenn ich 
sie nur noch finde!" 
Ist dies die Bank? Nein, jene, jene. Immer 
weiter, und alles ist leer. Wo sind sie? ich muß 
sie finden. Jetzt ist sie am Ende der Promenade, 
wo der Weg sich zu einem großen Platze weitet. 
Dunkler wird es, immer dunkler. Nur undeutlich 
schimmern die Umrisse des kleinen Säulentempels, 
Spat abends. 
Spät abends saß ich still in meinem Zimmer. 
Da zogen die Gedanken leise 
Bei Lampenlichtes mattgedämpftem Schimmer 
Auf weite, weite, freie Reise. 
Es trugen hin sie zauberstarke Schwingen 
Zurück zu waldumrauschten Halden, 
Zurück die sel'ge Stunde mir zu bringen, 
In der ich Deine Hand gehalten! 
Ich fühlt' es wieder, wie im Waldesdüsteru 
Hochauf das Herz mir hat geschlagen, 
Wie durch die Zweige raunend ging ein Flüstern 
Gleich einem stillen, ernsten Fragen. 
Und fragen hätt' ich mögen, wonnetrunken, 
Nach Deiner Augen stummen Worten 
Wär' dann anbetend vor Dir hingesunken. 
Du wärst mein Heil'genbild geworden. 
I ch hätt' gebeten: gieb mir endlich Frieden 
undeutlich erkennt sie hinter der Gemäldegallerie 
die malerische Brückentreppe, welche die Frank 
furter Allee überspannt. Aber dort auf dem 
Treppenabsatz unter dem Gaslicht die beiden 
Gestalten das sind sie, das sind sie, Gott 
sei Dank! 
Und das Kind eilt weiter. Jetzt steht es 
hinter jenen, von denen es sich verfolgt gewähnt, 
jetzt hört es sie sprechen. 
„Es scheint doch Paul, als hätt' ich es für 
immer verloren," sagt der Alte, „schlimm, schlimm. 
O, über meine Unachtsamkeit." 
Da berührt eine schüchterne Hand seinen 
Aermel. Er wendet sich und vor ihm steht ein 
halbwüchsiges Kind, heiß vom raschen Lauf mit 
angstvollen unsichern Augen und hält ihm das 
Ledertäschchen vor. 
„Hier — ich fand's — ich nahm's — schon 
ehe Sie es suchten, ich hab's noch gar nit an- 
gesehn!" 
Wie bebt die kindliche Stimme. Aufregung, 
Scham, Reue, alles klingt daraus hervor. 
Dann springt das Kind hinfort, ein jubelndes 
„Gott sei Dank!" klingt von seinen Lippen zum 
Himmel empor. 
Es läuft die Treppe hinab, weiter, weiter, 
weiter. 
Die Beiden rufen — das Mädchen achtet's 
nicht. 
Im Nachtdunkel verflattert sein ärmliches 
Röckchen. 
Die junge Seele war gerettet. 
I 
An Gnaden Reiche Du, Madonne, 
Und gieb das Glück mir, das dem Herz beschieden 
Zur Frühlingszeit der Liebeswonne! 
Vergessen hätt' ich können alle Leiden, 
Versunken wäre Sorg' und Plage, 
Dieweil es blüthe in uns Beiden 
Voll Wunder auf. . wie Traum und Sage. . 
Ja Sage hold und Traum bei Sonnenlichte . . . 
Gleich wie sie kamen, auch sie schwanden, 
Dein reizend Bild doch grüß' ich im Gedichte, 
Ich halt' es fest in Verses Banden! 
In Waldesschweigen und in Bcrgluftwehen 
Und unter sonndurchglühten Zweigen 
Wird mein begeistert' Auge stets Dich sehen 
Im Gruße gnadenreich dich neigen! 
Spät abends saß ich still in meinem Zimmer, 
Da kehrten die Gedanken leise 
Bei Lampenlichtes mattgedämpstem Schimmer 
Von weiter, weiter, freier Reise!
	        

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